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Zeilinger: "Österreich sollte Geld aufstellen für absolut ungewöhnliche Ideen" © APA
Zeilinger: "Österreich sollte Geld aufstellen für absolut ungewöhnliche Ideen" © APA

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Anton Zeilinger: "Die Machbarkeit hat ihre Grenzen"

15.05.2020

Der Quantenphysiker Anton Zeilinger, der am 20. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, hätte sich in der Corona-Krise mehr persönliche Entscheidungsfreiheit gewünscht und findet den nun vorherrschenden Machbarkeitsglauben seltsam. An der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) soll nachgedacht werden, was man aus der derzeitigen Situation für künftige Pandemien lernen kann, wie er zur APA sagte.

Frage: Sie haben immer wieder erklärt, ein Problem mit Autoritäten und Grenzen zu haben - wie ist es Ihnen in den vergangenen Wochen mit den autoritären Vorgaben sehr strenger Grenzen in der Coronakrise gegangen?

Zeilinger: Es ist mir völlig klar, dass die Politik Entscheidungen treffen muss, und das anerkenne ich und ich gehöre nicht zu den Leuten, die im Nachhinein sagen, was man alles anders tun hätte können. Denn Entscheidungen sind auch bei nicht ausreichender Faktenlage zu treffen, das respektiere ich. Ich persönlich würde mir wünschen, dass man mehr in meiner eigenen Entscheidung belässt. Ich wäre zum Beispiel gerne einmal in die Kirche gegangen. Wesentlich ist, jetzt für die Zukunft zu lernen, auch über die Entscheidungsstrukturen und die Einschränkung der Freiheiten. Die Frage ist, wann lasse ich die tatsächlich zu. Man sollte nicht vergessen: Es gibt auch ein Grundrecht auf Selbstgefährdung.

Frage: Vor drei Jahren gingen weltweit Forscher auf die Straße, um im "March for Science" ein Zeichen gegen Wissenschaftsfeindlichkeit zu setzen. Nun ruhen in der Corona-Pandemie alle Hoffnungen auf der Wissenschaft. Glauben Sie, dass sich durch die Krise etwas in der Einstellung zur Wissenschaft geändert hat?

Zeilinger: Was ich seltsam finde, ist der nun vorherrschende Machbarkeitsglaube. Man glaubt, dass man durch die Wissenschaft Unsicherheiten in den Griff bekommen kann - aber das ist nicht so einfach. Die Machbarkeit hat ihre Grenzen. Was wir auch lernen müssen ist, dass die wissenschaftliche Meinung divers ist und ich finde es ungut, wenn Einzelmeinungen so stark herausgestrichen und nicht reflektiert werden. Ich würde mir wünschen, dass man die diversen Positionen öffentlich diskutiert.

Frage: Vieles was man in den vergangenen Wochen zu lesen und hören bekam, beruhte auf zweifelhafter Evidenz oder Methodik, verbreitete sich dennoch mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ist da auch die Wissenschaft schuld, die alles auf Preprint-Server hochlädt, noch bevor Arbeiten begutachtet wurden?

Zeilinger: Für mich gibt es so etwas wie "die Wissenschaft" nicht, genauso wie es "die Politik" nicht gibt - die Sache ist viel differenzierter. Ich halte es für gut und es gehört in der Wissenschaft dazu, dass man Dinge veröffentlicht und dem Diskurs der Community aussetzt. Dass da in letzter Zeit die Kriterien nicht ganz eingehalten wurden, was die Qualität betrifft, ist auch klar. Aber so etwas bereinigt die Scientific Community.

Frage: Allerdings fordern Politiker von ihren Beratern rasche Antworten. Ist das aus wissenschaftlicher Sicht nicht fatal, denn belastbare Antworten kann sie in dieser Geschwindigkeit nicht geben?

Zeilinger: Das Problem ist, dass Politiker aufgrund von unvollständiger Faktenlage entscheiden müssen. Berater sollen klar ihre Meinung sagen, auch wenn diese von der Mehrheitsmeinung abweicht. Und der Politiker muss dann seine Entscheidungen treffen - und diese sind zu respektieren. Man darf sich nur als Wissenschafter nicht durch die politische Entscheidung beeinflussen lassen in seiner Meinung.

Frage: Kann auch die Wissenschaft etwas aus der Krise lernen?

Zeilinger: Ich hoffe schon. Wir starten an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften jetzt eine Gruppe von Wissenschaftern, ungefähr 20 Leute, aus allen Fächern, darunter auch Ökonomen, mit der Frage, was wir zum Thema Pandemien für die Zukunft lernen können, welche Maßnahmen zu ergreifen sind und was die Konsequenzen der derzeitigen Situation sind, auch wirtschaftlich. Wir müssen lernen, wie wirksam die verschiedenen Maßnahmen waren und ob man in Zukunft punktueller und gezielter vorgehen könnte. Denn der nächste Virus - ich sage immer der Virus - kommt bestimmt, und der könnte viel schlimmer sein.

Frage: Wenn wir schon bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sind - wie weit sind die Verhandlungen mit dem Wissenschaftsministerium für das Akademiebudget der Jahre 2021-2023?

Anton Zeilinger: Die beginnen im Juni. Wir haben eine Aufstellung von Dingen, die wir machen wollen, und was das kostet. Am Schluss muss jedenfalls eine Globalsumme stehen - mit der Freiheit, zwischen den einzelnen Posten zu verschieben, wenn wir das für notwendig erachten.

Frage: Was wollen Sie denn machen, sind Strukturänderungen geplant?

Zeilinger: Wir sind dabei, die Archäologie-Institute zusammenzuführen, also das Österreichische Archäologische Institut, das Institut für Orientalische und Europäische Archäologie und das Institut für Kulturgeschichte der Antike. Das soll noch in diesem Jahr über die Bühne gehen. Unser Ziel ist es, sehr viel stärker moderne, naturwissenschaftliche Methoden einzuführen. Damit haben die einzelnen Institute schon begonnen, aber wenn das gemeinsam gemacht wird, kann das eine eigene Säule werden und der österreichischen Archäologie eine weltweit führende Spitzenposition sichern.

Außerdem machen wir nach einer Idee des Biochemikers Rudolf Zechner gemeinsam mit der Universität Graz und der Technischen Universität Graz einen Vorschlag zur Gründung eines Instituts, das sich der Stoffwechselforschung widmet. Diese Forschungen gehen auf beiden Nobelpreisträger Carl und Gerty Cori zurück, die vor ihrer Emigration in die USA in Graz mit dem Nobelpreisträger Otto Loewi zusammengearbeitet hatten. Ziel wäre es, dort einzelne junge Leute, die Top sind, zu fördern.

Frage: Sie haben zu dem von der Regierung geplanten Forschungsrahmengesetz gesagt, dass man dieses ohne gesetzlich fixiertes, reales Budgetwachstum gar nicht brauche. Kann man sich ein solches Budgetwachstum angesichts der horrenden Staatsausgaben jetzt nicht aufzeichnen?

Zeilinger: Das ist eine politische Entscheidung. Wenn die Politik jetzt durchaus nachvollziehbar viele Bereiche mit Milliarden unterstützt, so müssen solche relativ moderaten Beträge auch drin sein, da sie Österreich langfristig besser aufstellen, auch die Wirtschaft.

Frage: Befürchten Sie angesichts der Dominanz des Corona-Themas eine Verschiebung von Forschungsgeldern in Richtung Life Sciences?

Zeilinger: Die Versuchung für die Politik ist offenbar groß. Nur wage ich zu behaupten, dass eine Verschiebung in Richtung Corona-Forschung in Österreich nicht sehr relevant sein wird für den weiteren Verlauf. Wenn, dann sollte man das langfristig tun und wirklich in Grundlagenforschung investieren.

Frage: Österreich war in der Vergangenheit sehr erfolgreich im Bereich Quantenphysik, nun vollzieht sich ein Generationenwechsel - was sollte das Land in diesem Bereich tun?

Zeilinger: Österreich sollte Geld aufstellen für absolut ungewöhnliche Ideen - Ideen, wo selbst Kapazunder sagen, das ist ein Blödsinn. Aber das gilt nicht nur für die Quantenphysik, sondern für jeden Bereich.

Frage: Kommen Sie noch dazu, selbst zu forschen?

Zeilinger: Wir sind vor 30, 40 Jahren ganz fundamentale Fragen angegangen, etwa mit den GHZ-Zuständen, die mit ihren Verallgemeinerungen eines der wichtigsten Backbones für Quantencomputer sind, oder mit der Teleportation. Die hat mich deshalb interessiert, weil ich vollkommen verblüfft war darüber, dass man die Eigenschaften eines Systems übertragen kann, ohne dass eine Verbindung besteht. Das hat mich damals von den Socken gehaut und haut mich heute noch von den Socken. Und genau da kann man noch tiefer eindringen und deshalb haben wir eine Serie von Experimenten gestartet, um an neuen fundamentalen Fragen zu arbeiten - etwa zur guten alten Frage, was ist Wirklichkeit. Denn es stellt sich zunehmend heraus, dass unsere Wirklichkeitskonzepte fundamental verkehrt sind.

(Das Gespräch führte Christian Müller/APA)

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