Politik & Wirtschaft

APA

Berg-Karabach: Österreichische Armenologin für Schweigen der Waffen

09.10.2020

Psychisch belastend - das sind die jüngst stark aufgeflammten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach nicht nur für die Armenier. "Auch ich bin (...) am Rande meiner Belastungen", sagt die österreichische Armenologin Jasmine Dum-Tragut im APA-Gespräch aus Jerewan. Ein wahrscheinliches Szenario ist für sie, dass Aserbaidschan Berg-Karabach und die umliegenden besetzten Bezirke auf seinem Territorium zurückerobert.

Jasmine Dum-Tragut ist die einzige habilitierte Armenologin Österreichs. Sie forscht und lehrt an der Universität Salzburg. 1988 bis 1990 hatte sie in Armenien studiert. Auch während des Krieges um Berg-Karabach 1992 bis 1994 hielt sie sich dort auf. Der Krieg endete mit einem Waffenstillstand, ein Friedensvertrag wurde aber nicht geschlossen und der Status von Berg-Karabach bliebt umstritten. Das wirkt sich aus Sicht der Universitätsdozentin aktuell mit schwerwiegenden Folgen aus.

Aserbaidschan, zu dem Berg-Karabach nach wie vor völkerrechtlich gehört, verlor damals die Kontrolle über das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Gebiet. Zu Zeiten der Sowjetunion hatte Berg-Karabach eine Autonomie im Rahmen der Aserbaidschanischen SSR, separat dazu gab es die Armenische SSR. Aserbaidschan verlor nicht nur die Kontrolle über Berg-Karabach, sondern auch über umliegende Bezirke, die von Armenien besetzt sind und dadurch eine Landverbindung zwischen Berg-Karabach und Armenien schufen. Berg-Karabach rief eine unabhängige Republik aus, die sich heute "Republik Arzach" nennt, die aber international nie anerkannt wurde - selbst von Armenien nicht. Die Fronten waren seither verhärtet, Verhandlungen im Rahmen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) kamen nicht vom Fleck.

Für Forschungsprojekte nach Armenien gekommen

"Ich fühle mich hier in Jerewan relativ sicher", sagt Jasmine Dum-Tragut zur APA. Gerade zu Beginn der neuen, intensiven Kampfhandlungen war sie für Forschungsprojekte nach Armenien gekommen. Sie ist u.a. auch für die Akademie der Wissenschaften in Armenien tätig. In der Hauptstadt sei direkt von den gegenwärtigen Kämpfen nichts zu bemerken. Die Lage sei aber an den Mienen der Menschen, die sie treffe und mit denen sie sich über die Lage austausche, abzulesen: "Man sieht keinen Menschen lächeln, alle sind traurig, bedrückt, jeder spricht mit leiser Stimme."

Allerdings strömen mittlerweile Flüchtlinge aus Berg-Karabach ins Land. Die Hälfte der rund 140.000 Karabach-Armenier ist nach Berichten auf der Flucht. In Jerewan finden sie Unterkunft privat bei aufnahmebereiten Familien, in den Grenzregionen in leer stehenden Hotels oder verlassenen Häusern und ganzen Dörfern, wo wegen der großen Auswanderung aus Armenien heute niemand mehr wohnt. Für die Flüchtlinge werde gesammelt - Geld und Sachspenden, schildert Dum-Tragut.

Weil ihr allmählich das Geld ausgeht und weil sie etwa nicht wie geplant Feldforschung in Südarmenien nahe dem Konfliktgebiet betreiben kann, wollen die Wissenschafterin und ein Dissertant, der sie begleitet, Mitte nächster Woche wieder nach Österreich zurückkehren. Die AUA habe jedoch alle Direktflüge nach Wien gestrichen und Tickets nach Moskau oder Minsk seien schwierig zu bekommen. Die österreichische Botschaft in Moskau unterstütze sie, so Dum-Tragut.

Historische und religiöse Kulturgüter zerstört

Die Armenologin vergleicht den Gewaltausbruch seit 27. September mit einem Kochtopf, der seit dem Waffenstillstand 1994 sporadisch immer wiederkehrenden Scharmützeln mit jeweils ein paar Toten übergekocht ist. In den vergangenen paar Jahren seien in Aserbaidschan armenische historische und religiöse Kulturgüter zerstört worden. Weiters habe das öl- und gasreiche Aserbaidschan massiv aufgerüstet und Waffen in Russland, Weißrussland und Israel gekauft. Aber auch im verarmten Armenien sei die Gesellschaft militarisiert: In den Schulen gebe es "Waffenunterricht": "Jede höhere Schule hat eine Waffenkammer." Die Heftigkeit der aserbaidschanischen Offensive und die Schnelligkeit bei der Generalmobilmachung in Armenien hat Dum-Tragut trotz Vorboten aber überrascht.

Ihr zufolge ist Armenien nicht an einem Krieg mit Aserbaidschan interessiert. Es setzt rein auf Verteidigung. Ziel der Regierung in Jerewan sei nämlich eher der Erhalt des Status quo von Berg-Karabach als ein von Aserbaidschan unabhängiger Staat und keine neuen Gebietsgewinne. Zusätzlich will Jerewan die internationale Anerkennung Arzachs erreichen. Aserbaidschan wiederum wolle die besetzten Gebiete zurück und damit eine Änderung des Status quo, aber offenbar keinen direkten Krieg mit Armenien. "Man denkt, das Ziel von Aserbaidschan ist es, jetzt alles auszuradieren, die Armenier von dort zu vertreiben und dieses Land wieder zu übernehmen."

Daher halte sich die Türkei als Verbündete Aserbaidschans mit offiziellen Regierungstruppen im Hintergrund und Armenien habe bisher auch nicht das verbündete Russland um militärisches Eingreifen ersucht, um eine noch größere Eskalation zu vermeiden. Im Gegenteil: Moskau setzt im Sinne Armeniens mit Gesprächseinladungen an beide Seiten auf Diplomatie. Dum-Tragut: "Hätte die Türkei ein Interesse Armenien anzugreifen, wären sie schon lang einmarschiert und binnen eines Tages wahrscheinlich in Jerewan." Das Zentrum der armenischen Hauptstadt liegt nur rund 20 km von der türkischen Grenze entfernt.

Verhandlungslösung schwer vorstellbar

Wie eine Verhandlungslösung für Berg-Karabach aussehen könnte, käme sie denn nun zustande, kann sich die Armenologin kaum vorstellen. "Wenn einer nachgibt, ist es ein unheimlicher Gesichtsverlust vor der jeweils eigenen Bevölkerung", sagt sie mit Blick auf das politische Schicksal von Armeniens Premier Nikol Paschinian bzw. dem autoritären Staatschef Aserbaidschans, Ilham Aliyev, im Falle eines Verzichts auf Berg-Karabach. Armenien könne nur schwer zustimmen, dass Berg-Karabach wieder ein autonomes Gebiet unter "fremder" Herrschaft wie zu Zeiten der Sowjetunion werde. Für Aserbaidschan wäre wiederum Berg-Karabach als ein international anerkannter, unabhängiger Staat Tabu.

Für Dum-Tragut muss es jedenfalls rasch zu einer Waffenruhe kommen, um das Leiden der Zivilbevölkerung zu beenden. Auch eine UNO-Friedenstruppe wäre für sie gefragt. "Die Armenier werden nicht mehr lange standhalten können", befürchtet sie nach zwölf Tagen Krieg ohne Pause und angesichts von Unterlegenheit, Materialmangel, Versorgungsproblemen und Flüchtlingen auf armenischer Seite. Hinzu komme die sich verschärfende Corona-Lage in Armenien. Die Kräfte seien einfach zwischen Armeniern und Aserbaidschanern ungleichmäßig verteilt. Ein Spruch, der in Armenien die Runde mache: "Wenn Aserbaidschan und die Türkei die Waffen niederlegen, wird hier Frieden sein. Wenn Armenien die Waffen niederlegt, wird Armenien ausgelöscht."

Das Gespräch führte Martin Richter/APA

Weitere Meldungen aus Politik & Wirtschaft
APA
Partnermeldung