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Schrittweise Umrüstung auf Wasserstoff-Wirtschaft © APA (dpa)
Schrittweise Umrüstung auf Wasserstoff-Wirtschaft © APA (dpa)

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Energieexperte: Wasserstoff wird Erdgas ersetzen, Importbedarf bleibt

17.11.2020

Wenn die großen Wirtschaftsräume in ein paar Jahrzehnten klimaneutral sein wollen, wird Strom die Primärenergie sein müssen und der Strombedarf wird drastisch steigen. Der zusätzliche Strom wird von Wind- und Solaranlagen kommen müssen, sagt der Energieexperte Patrick Graichen, Direktor der deutschen Umwelt-Denkfabrik Agora-Energiewende. Dennoch werde es auch in der Zeit nach dem Ausstieg aus Öl und Gas noch einen hohen Importbedarf bei Energie geben.

Für Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) ist ganz klar: Damit Österreich wie geplant bis 2040 klimaneutral werden kann, "müssen jetzt die Weichen richtig gestellt werden", die nächsten fünf Jahre seien entscheidend, sagte die Ministerin am Montag in einem Pressegespräch. "Wenn wir jetzt nicht agieren, dann wird der Krisenzustand zu einem Dauerzustand." Schon jetzt seien die vom Klimawandel verursachten Schäden durch Hagelstürme, Trockenheit oder Hochwasser enorm - zwei Milliarden Euro seien es in Österreich jährlich und könnten bis 2050 auf bis zu 12 Mrd. Euro pro Jahr steigen.

Umlenken von China bis USA

Auch große asiatische Volkswirtschaften wie Japan und Südkorea, aber auch China hätten sich die Klimaneutralität zum Ziel gesetzt, und nach dem Regierungswechsel würden Ende Jänner wohl auch die USA folgen, sagte Graichen. Für das Erreichen dieser Ziele seien die nächsten zehn Jahre zentral, so der Experte, "da muss viel passieren". Notwendig sei ein starker Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor, vor allem bei Wind- und Solarenergie. Gebäude müssten energieeffizienter, Wärme, Verkehr und Industrie elektrifiziert werden. Darüber hinaus müsse eine Wasserstoff-Wirtschaft aufgebaut werden.

"Klimaneutralität heißt, dass Strom unsere Primärenergie sein wird", sagte Graichen. Deshalb werde der Strombedarf in Deutschland im Jahr 2050 voraussichtlich um 50 Prozent höher sein als heute, "und für Österreich dürfte es eine ähnliche Größenordnung sein". Dass die dafür notwendigen Wind- und Solaranlagen gebaut werden, sei "auch eine Frage der nationalen Sicherheit".

Beim Heizen werde man künftig vor allem auf Wärmepumpen und Biomasse setzen müssen, da es 2040 oder 2050 dafür kein Öl und Gas mehr geben und "grüner" Wasserstoff nur begrenzt verfügbar sein werde. In Innenstädten werde es grüne Fernwärme sein. Verkehr werde zu 100 Prozent elektrisch sein. "Die Chimäre, dass es Wasserstoffautos sein werden, beerdigt sich gerade selbst", glaubt Graichen. Schon im kommenden Jahr werde es hundert neue E-Auto-Modelle auf dem Markt geben, aber nur sehr wenige Wasserstoffautos, und die nur für Premiumkunden.

Notwendige Flächen als Herausforderung

Während die Kosten bei Strom aus Wind und Solar kein Thema mehr seien, würden die dafür notwendigen Flächen eine Herausforderung sein. Deshalb werde Deutschland einen Importbedarf von 100 Terawattstunden (TWh) haben. Die gesicherte Leistung werde in einer Übergangsphase noch aus Gaskraftwerken stammen, später müssten die Gaskraftwerke auf Wasserstoff umgerüstet werden. "Jedes neue Gaskraftwerk muss auch wasserstofftauglich sein."

Da auch für die Herstellung von Wasserstoff Strom benötigt wird, rede man bereits mit Großbritannien und Norwegen über große Offshore-Kapazitäten, um in der Nordsee Strom zu erzeugen. Auch könnte künftig Wasserstoff aus Nordafrika oder anderen Teilen der Welt importiert werden, meint Graichen. Die Öl- und Gaswirtschaft werde durch eine Wasserstoffwirtschaft abgelöst werden.

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