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Finnland will nicht mehr Treibhausgase verursachen, als es binden kann © APA (AFP)
Finnland will nicht mehr Treibhausgase verursachen, als es binden kann © APA (AFP)

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Finnischer EU-Vorsitz - Schwitzen gegen, aber nicht wegen Klimawandel

01.07.2019

Am 1. Juli übernimmt das Land der Rentiere, endlosen Wälder und rund 5,5 Millionen unerschrockenen Saunabesucher in der Europäischen Union das Ruder: Finnland. Auch das nordische EU-Land ist vom Klimawandel betroffen, der sich dort durch kürzere Winter, höhere Temperaturen und Waldbrände bemerkbar macht.

Das nordische EU-Land will dem Einhalt gebieten und hat als Motto seiner sechsmonatigen EU-Ratspräsidentschaft "Ein nachhaltiges Europa, eine nachhaltige Zukunft" gewählt. Damit will Helsinki die EU-Mitglieder davon überzeugen, in Sachen Klimapolitik an einem Strang zu ziehen. Die jüngst angelobte finnische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, eine Einigung der EU-Länder auf die Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Diese wird von der Mehrheit der Mitgliedsstaaten unterstützt, aber nicht von allen. Jüngst kam bei einem Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs keine Einstimmigkeit zustande.

Finnland selbst ist noch ambitionierter: Das Land will bis 2035 nicht mehr Treibhausgase verursachen, als es binden kann. "Wo ein Wille, da ein Weg", sagt Wirtschaftsministerin Katri Kulmuni, eine von elf Frauen im 19-köpfigen Kabinett von Ministerpräsident Antti Rinne. Ziel ist es, die europäische Wirtschaft klimaneutral und gleichzeitig zur wettbewerbsfähigsten und sozial integrativsten Wirtschaft der Welt zu machen. Konkrete Pläne auf nationaler und EU-Ebene gibt es noch keine, ein neues Design für nachhaltiges Wachstum soll entwickelt werden.

Die Hauptstadt Helsinki, die mit der Setzung von ehrgeizigen Klimazielen überhaupt angefangen hat, ist da schon etwas weiter: Ihr "Carbon Neutral Action Plan" umfasst 147 Punkte, die unter anderem die Bereiche Verkehr, Bautätigkeit und Gebäudenutzung, Energieproduktion und Kreislaufwirtschaft umfassen. Die Beta-Version eines Online-Rechners zeigt an, dass Helsinki aber noch einen Zahn zulegen muss: Wird mit dem gleichen Tempo weitergearbeitet, kann die Stadt erst am 27. August 2073 ihre Klimaneutralität feiern.

Nächster Schritt: Klimanegativität

Nichtsdestotrotz denkt Finnland schon weiter: der nächste Schritt ist die Klimanegativität - dies bedeutet, dass mehr Treibhausgase gebunden als an die Atmosphäre abgegeben werden. Dazu wird am finnischen Institut für Meteorologie geforscht, wie die Menge an Kohlendioxid erhöht werden kann, die der Boden bindet. Die Steigerung der Photosynthese, die Minimierung von Eingriffen in den Boden wie das Pflügen und eine Maximierung der mikrobiologischen Aktivität, nennt der Experte Jari Liski als Grundmethoden. 108 landwirtschaftliche Betriebe haben Vergleichsfelder angelegt und führen Testmessungen durch.

Die Lebensmittelerzeugung überhaupt von der Landwirtschaft entkoppeln will die Firma Solar Foods: Solein, ein im Labor auf Basis eines Konzeptes der US-Weltraumbehörde NASA und mithilfe von Sonnenenergie und CO2 hergestelltes Protein, soll bis 2021 marktfähig sein. Mit Ende 2023 will Solar Foods bereits zwei Milliarden Solein-Mahlzeiten pro Jahr auftischen. Traditioneller geht es im Gegensatz dazu noch im Restaurant "Ultima" in Helsinki zu - mit nachhaltigen Produkten höchster Qualität wird dort "nachhaltiger Hedonismus" kultiviert.

Neue Textilfaser aus Zellulose

Auch ein Österreicher ist maßgeblich in die Entwicklung von Lösungsansätzen in Finnland beteiligt: Am Bioproduct Center der interdisziplinären Aalto Universität entwickelt Herbert Sixta mit seinen Studenten ein Verfahren, das aus der in Holzpulpe, Altkleidern oder Zeitungspapier enthaltenen Zellulose eine neue Textilfaser entstehen lässt, ohne dass schädliche Chemikalien zum Einsatz kommen. Ioncell heißt der Hoffnungsträger, aus dem sich Finnlands First Lady Jenni Haukio im Dezember eine Robe für ihren Auftritt am Unabhängigkeitstag an der Seite von Präsident Sauli Niinistö anfertigen ließ. Die Textilindustrie sei an Ioncell bereits interessiert, sagt Sixta, der erwartet, dass kleine Unternehmen die neue Faser zuerst übernehmen werden. Dadurch könnte Finnland einen noch größeren Nutzen aus einer seiner wichtigsten Ressourcen ziehen: dem Wald, der 60 Prozent der Landfläche bedeckt.

Das Verfahren könnte auch bei der Müllvermeidung und Wiederverwertung eine große Rolle spielen - ein wichtiges Thema in einem Land, das Berechnungen zufolge wie Österreich bereits bis April jene Ressourcen aufbraucht, die ihm die Erde für das gesamte Kalenderjahr zur Verfügung stellt. Im weltweiten Schnitt wird ab Ende Juni "auf Pump" gelebt, 2019 fiel der sogenannte "Erdüberlastungstag" (Earth Overshoot Day) laut der Nachhaltigkeitsorganisation Global Footprint Network auf den 29. Juni.

Die finnischen Klimaschutzmaßnahmen sind jedoch nicht nur "high end": In den finnischen Kindergärten und Schulen, in denen es ein Gratis-Mittagessen gibt, wird an einem Tag pro Woche vegetarisch aufgetischt, an den anderen Tagen steht mindestens ein fleischloses Gericht zur Auswahl. Zum Beerenpflücken kann man in Helsinki mit der U-Bahn fahren. Citybikes sind so beliebt wie nirgendwo sonst auf der Welt. Und bis 2024 soll das Wärme und Elektrizität produzierende Kohlekraftwerk Hanasaari geschlossen und durch Kraftwerke, die erneuerbare Energie nutzen, ersetzt werden. 57 Prozent der Treibhausgase entstehen in Helsinki durch die Beheizung, an zweiter Stelle liegt der Transport mit 23 Prozent und an dritter Elektrizität mit 16 Prozent.

Klimazertifikate als Ausgleich

Mit dem Ankauf von Klimazertifikaten wird ausgeglichen, was den Wandel nicht mitmachen kann, zum Beispiel Boote, deren Antrieb auf einen fossilen Brennstoff ausgelegt ist und die nicht umgerüstet werden können, erklärt Kaisa-Reeta Koskinen, die Leiterin des Projekts "Carbon Neutral Helsinki". Für die schätzungsweise 2,3 Millionen Saunas im Land wird wohl auch eine Ausnahme gemacht.

Die für das finnische Lebensgefühl unentbehrliche sogenannte "Apotheke der Armen" wird sogar während der Ratspräsidentschaft eine Rolle spielen: Statt Willkommensgeschenken zu empfangen sollen die Staatsgäste zum Schwitzen eingeladen werden, kündigte Umwelt- und Klimawandelministerin Krista Kikkonen kurz vor Beginn des Vorsitzes an. Die ursprünglich für Präsente vorgesehenen Mittel werden zum Ausgleich jener Treibhausgase verwendet, die bei Flugreisen im Rahmen des EU-Ratsvorsitzes entstehen. Mit einem Betrag in Höhe von 500.000 Euro wird gerechnet, durch den vier Klimaschutzprojekte in Honduras, Vietnam, Uganda und Laos unterstützt werden sollen. Damit schlägt Finnland die Brücke zu seiner Entwicklungspolitik und den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen.

Während der finnischen Ratspräsidentschaft geht es jedoch nicht nur um das neben Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit selbst gewählte Schwerpunktthema Klima: Auch die Besetzung der EU-Spitzenpositionen steht an - die Nachfolger von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Ratspräsident Donald Tusk, des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, des Europaparlamentspräsidenten Antonio Tajani sowie der Außenbeauftragten Federica Mogherini müssen gefunden werden. Weitere heiße Eisen sind der mehrjährige Finanzrahmen der Union (MFR), der bis Ende 2019 beschlossen werden soll, und der von der EU-Kommission für die Kandidatenländer Nordmazedonien und Albanien empfohlene Beginn der Beitrittsverhandlungen. "Annettu mikä luvattu" (Versprochen ist gegeben), lautet ein finnisches Sprichwort.

Von Gisela Linschinger/APA

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