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Peer Ederer vom Center for Strategy & Leadership, DE/BE © Daniel Hinterramskogler
Peer Ederer vom Center for Strategy & Leadership, DE/BE © Daniel Hinterramskogler

Kooperationsmeldung

Fleischkonsum - Eine treibende Kraft im Klimawandel

06.09.2019

Diese Meldung ist Teil einer Medienkooperation mit Ecoplus

Peer Ederer studierte Betriebswirtschaftslehre an der Sophia Universität in Tokyo (Japan) und an der Harvard Business School in Boston (USA). Er promovierte an der Universität Witten/Herdecke in Deutschland über die finanziellen Beziehungen zwischen dem Staat und den Bürgern. Er ist wissenschaftlicher und Programm-Direktor des "Global Food and Agribusiness Network".

Von 2012 bis 2016 war er Projektleiter des EU-Forschungsprojekts "LLLight'in'Europe" über Lebenslanges Lernen, Innovation, Wachstum und Humankapital-Wege. Als Unternehmer betreibt er die Firma "Africa Enablers", mit der er nachhaltige und kosteneffiziente Infrastrukturlösungen für Länder des ganzen afrikanischen Kontinents entwickelt.

Weniger Fleisch zu konsumieren wird von vielen Wissenschaftern, Politikern und Institutionen zumindest für die Industriestaaten empfohlen: Um Tierleid zu mindern, weil es laut WHO gesünder wäre, und die Fleischproduktion laut Weltklimarat IPCC einen beträchtlichen Anteil an Treibhausgasen verursacht. Wenn ich Ihre Publikationen richtig verstanden habe, stellen Sie dies in Frage.

Peer Ederer: Richtig, ich stelle es sehr deutlich in Frage.

Welche Aspekte kritisieren Sie?

Ederer: Beginnen wir mit der Frage, wie sehr die Fleischproduktion zum Treibhausgasausstoß beiträgt. Vor allem die Rinder sind hier als Fleisch- und Milchlieferanten im Visier, weil sie viel Methangas produzieren, und dies ein potentes Treibhausgas ist. Das ist freilich unbestritten, aber wo die Argumentation auseinanderzubrechen beginnt, ist erstens, dass die Menge an Methan pro Nahrungsmittel-einheit bei den Berechnungen extrem variiert.

Eine europäische Hochleistungskuh produziert pro Liter Milch oder Kilogramm Fleisch viel weniger Methan als eine afrikanische Kuh. Bei den Berechnungen für Treibhausgaseinsparungen durch Verzicht auf Rinder werden aber immer globale Durchschnitte verwendet, das macht keinen Sinn.

Zweitens wird gerne übersehen, dass insbesondere Weidekühe dazu beitragen, dass Methan im Boden eingelagert wird. Weil sie die Weide mit ihren Hufen bearbeiten, wird eine Bodenschicht mit Bakterien geschaffen, die sich von Methan ernähren. Sie nehmen es aus der Luft auf und wandeln es in unschädliche Eiweißstoffe um. Dieser Prozess wird faktisch in allen Veröffentlichungen und Statements ignoriert, ist aber bedeutsam. Es gibt Schätzungen, dass die Bakterien den gesamten Methanausstoß der Rinder kompensieren könnten.

Bleibt der Fakt, dass man für ein Kilogramm tierisches Lebensmittel fünf bis sechs Kilogramm pflanzliche Produkte einsetzen muss, und darum mehr Land und Ressourcen braucht.

Ederer: Wenn man dies in Proteine, die relevante Einheit, umrechnen würde, wären zum Beispiel Rinder gar nicht so weit von Schweinen entfernt. Es gibt die typischen Zahlen, dass man für 1 kg Rindfleisch 8 kg Futter benötigt, beim Schwein 3 kg und beim Huhn 1,5 kg. Wenn man diese Zahlen nach dem Nährstoffgehalt adjustieren würde, wären sie viel enger beieinander.

Wie sieht es im Vergleich zu Getreide, Hülsenfrüchten und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln aus?

Ederer: Es ist unbestritten, dass Gemüse in der Produktion weniger Treibhausgase erzeugt als Fleisch, auch wenn man die Zahlen richtig adjustiert. Meines Wissens hat aber noch niemand seriös berechnet, ob wir überhaupt genug Flächen in der Welt hätten, um ausreichend Gemüse anzubauen, und ob man jedes Stück Land, wo man Soja für Rinderfutter anbaut, dafür verwenden könnte. Noch schlimmer wäre es, wenn man auf irgendwelchen Halbwüsten, wo derzeit Rinder rumstehen und Fleisch und Milch produzieren, auf einmal Gemüse anbauen wollte. Man müsste sie intensiv bewässern, düngen und würde damit wieder Treibhausgase verursachen.

In den Industrieländern haben wir einen sehr hohen Fleischkonsum, und die Schwellenländer holen stark auf - wo ist Ihrer Meinung nach das optimale Niveau?

Ederer: Es gibt dazu eine Studie von mir, die man auf meiner Webseite www.foodandagribusiness.org herunterladen kann. Meinen Berechnungen nach gibt es keinen Grund, der Menschheit heute oder 2050 eine gute Menge an Fleisch-, Eier- und Milchkonsum zu verwehren. Es gibt entgegen anderer Behauptungen keine Grenze des Guten. Umso mehr fleischliches Protein, desto besser. Wir haben in der westlichen Welt einen so hohen Lebensstandard auch daher, weil wir viele tierische Eiweißprodukte konsumieren. Das hat einen enormen Gesundheitsvorteil, und ich sehe keine Handhabe, anderen Völkern zu sagen, ihr dürft diese Gesundheit nicht genießen. Wir müssen die globalen Ressourcen so aufteilen, dass jeder Zugang dazu hat.

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