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"Industrielles Modell funktioniert nicht" © APA (dpa)
"Industrielles Modell funktioniert nicht" © APA (dpa)

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Global 2000 Web-Kongress: Billige Nahrung kommt am Ende teuer

12.05.2020

Das Ende der industrialisierten Landwirtschaft soll nicht nur den Bauern, sondern der gesamten Gesellschaft zu gute kommen: Dieses Ende ist die Antwort wie angesichts einer voranschreitenden Klima- und Biodiversitätskrise die Ernährung der Menschheit gesichert werden kann. So das Credo aus der Online-Pressekonferenz zum Kongress "Visions for Transition" von Global 2000.

"Das industrielle Modell funktioniert nicht", stellte Hans Herren fest, denn das zerstöre die Grundlage, nämlich den Boden, der Millionen Jahre zur Erholung brauche. "Und wir zerstören auch was drauf lebt, den Menschen inklusive", fuhr der Schweizer Agrarwissenschafter und Entomologe fort. Er erinnerte zudem daran, dass die Notwendigkeit einer Transformation bereits im 2008 publizierten UN-Weltagrarbericht gefordert worden ist - eine Modifikation der gegenwärtigen Agrarstrukturen reiche keineswegs, so der Alternativnobelpreisträger.

Brauchen "landwirtschaftliche Revolution"

"Warum wir eine landwirtschaftliche Revolution brauchen" schrieb der österreichische Mediziner und Biologe Martin Grassberger in den Untertitel seines Buchs "Das leise Sterben", eines der Wissenschaftsbücher des Jahres. Er bezeichnete die gegenwärtige Situation als ein "gesamtgesellschaftliches Problem", und nicht nur eines der Bauern. Ein Manifest von Experten solle den notwendigen Input liefern, stellte er beim vom 11. bis 12. Mai laufenden Web-Kongress fest.

"Die Frage ist nun, wie eine Landwirtschaft gestaltet sein muss, um mit den wachsenden Herausforderungen umgehen zu können - und vielleicht sogar einen Beitrag dazu leistet, das Artensterben und die Klimakrise einzugrenzen", versuchte Global 2000 Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden die Problemstellung bei der Suche nach der "Vision" in einem Satz zusammenzufassen. Einen Ansatz sah Alice Vadrot vom Biodiversitätsrat Österreich darin, dass derzeit rund ein Drittel der Anbaufläche weltweit für Tierfutter benötigt werde, und daher die Viehzucht einen großen Beitrag zum Verlust der Biodiversität, also der Artenvielfalt, beitrage.

Ein Fehler wäre es, die Globalisierung nach der Coronakrise wieder ankurbeln zu wollen, warnte Herren, ein"business as usual" falle als Option weg. Wer glaube, dass eine nachhaltigere Landwirtschaft den Hunger fördere, der liegt laut dem Experten falsch. Denn bereits gegenwärtig falle um 40 Prozent zu viel Produktion an: "Wir können die Welt daher auch noch im Jahr 2050 ernähren - und das gesund", stellte der Schweizer klar.

Gesundheit als Kernpunkt

Die Gesundheit war einer der Kernpunkte in der Debatte: Die Tatsache, dass ärmere Menschen - und das nicht nur in der USA - durch ungesunde Ernährung an Übergewicht und infolge chronische Krankheiten erwerben, drücke nicht nur deren Lebenserwartung, sondern verursache ebenso Kosten. Kosten die zulasten der Bevölkerung gehen, denn diese kommt letztendlich mit ihren Steuern für die Gesundheitsprobleme auf, hielt die Wissenschafterin Violette Geissen von der Wageningen Universität in den Niederlanden fest.

"Die Kosten im Supermarkt sind nicht die tatsächlichen Kosten", ergänzte Burtscher-Schaden, und neben der Gesundheit käme ja noch die Umweltbelastung dazu. "Wir können uns keine immer größere Ungleichheit leisten. Da muss man ansetzen, es geht nicht um die Nahrung allein, es geht um soziale und die wirtschaftlichen Probleme."

Hoffnung setzten die Teilnehmer der Konferenz auf die EU-Kommission und ihre Ideen für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion im Zuge der sogenannten Farm-to-Fork-Strategie, die noch in diesem Monat vorgestellt werden sollte - falls die Europäischen Volkspartei (EVP) sich ebenfalls dafür erwärmen kann. Fix wird Global 2000 noch in der kommenden Woche ein Resümee aus der Online-Konferenz ziehen, ein finales Paper mit Findings und Forderungen wurde gegenüber der APA - Austria Presse Agentur angekündigt.

Service: Video zur Pressekonferenz unter http://go.apa.at/S0hK6HXJ - Timetable und Programmablauf unter: http://go.apa.at/iA9Hg9Re

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