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Globale Politiken rund um Umweltschutz

16.01.2019

Die Politologin Alice Vadrot erhält als erste Wissenschafterin der Fakultät für Sozialwissenschaften einen ERC Starting Grant. Mit dieser hochdotierten Förderung kann sie ihr Projekt "The Politics of Marine Biodiversity Data" realisieren, in dem sie internationale Umweltpolitik analysiert.

Plastikmüll, Verschmutzung durch Chemikalien, Klimawandel und Überfischung haben für die Ökosysteme der Weltmeere dramatische Auswirkungen. Obwohl WissenschafterInnen und Umweltschutzorganisationen schon lange an die internationale Politik appellieren, endlich aktiv zu werden, einigte sich die internationale Staatengemeinschaft erst im April 2018 darauf, bis 2020 ein neues Abkommen auszuhandeln, das unter anderem die Errichtung von Meeresschutzgebieten zum Ziel hat.

Ein langer Prozess

Doch bis sich die mehr als hundert Staaten einig werden, ist es ein langer Weg mit vielen Sitzungen, Konflikten, Spannungen und Kompromissen. "Genau diesen Schnittpunkt zwischen internationaler Politik und Wissenschaft finde ich unglaublich spannend. Mich interessiert, wie wissenschaftliche Aspekte in politischen Verhandlungen aufgenommen werden und wie auch umgekehrt Politik die Wissenschaft beeinflusst", erklärt Alice Vadrot, Politologin an der Universität Wien, die grundsätzliche Fragestellung ihres ERC-Projekts "The Politics of Marine Biodiversity Data".

Teilnehmende Beobachtung

Genau diesen internationalen Prozess um die Errichtung eines neuen internationalen Umweltabkommens zum Schutz der marinen Biodiversität wird Vadrot in ihrem ERC-Projekt verfolgen und erforschen. Dabei wird sie gemeinsam mit ihrem Team selbst an einem Großteil der Verhandlungen teilnehmen und Gremien beisitzen, um die unterschiedlichen AkteurInnen - staatliche VertreterInnen, ForscherInnen etc. - und ihr Handeln zu analysieren. "Mir geht es primär darum, die Machtverhältnisse zwischen Regierungen abzubilden und zu verstehen, wie diese mit nationalen Forschungs- und Dateninfrastrukturen in Zusammenhang stehen. Wie zieht welche Regierung wissenschaftliches Wissen und Daten heran, um die eigene Position zu legitimieren?", erläutert Vadrot ihre Vorgehensweise.

Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft

Bereits im Vorfeld - während ihrer Zeit als Schrödinger-Stipendiatin an der Cambridge University - hat die Politikwissenschafterin Interviews mit WissenschafterInnen geführt, die sich in derartigen Gremien engagieren und einbringen. Was sind ihre Praktiken, ihre Herangehensweisen? Wie verbinden sie ihre Forschung mit den Ansprüchen von Politik? Und inwieweit finden ihre Erkenntnisse Eingang in Verhandlungstexte und politische Entscheidungen? Diese Fragen wird die Politikwissenschafterin auch im aktuellen Projekt stellen, um das Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft im Fall der maritimen Schutzgebiete näher zu beleuchten.

Wem gehören die Daten?

In einem weiteren Schwerpunkt ihres ERC-Projekts wird Vadrot das große Gebiet der maritimen Forschungslandschaft untersuchen. "Bislang existieren zu über 90 Prozent der marinen Biodiversität in den Weltmeeren keinerlei Daten. Aufgrund neuer Forschungstechnologien und -methoden ändert sich das aber rapide", so die ERC-Preisträgerin: "Die Erwartungshaltungen unter WissenschafterInnen sind groß, dass diese Lücken in nächster Zeit kleiner werden." Doch genau hier steckt auch großes Konfliktpotenzial: Wer darf in Schutzgebieten wie forschen? Wem gehören die Daten?

"Einige Länder haben Angst davor, dass 'Biopiraterie' betrieben wird. Eine Forscherin, die Vadrot interviewt hat, berichtet, dass beispielsweise Brasilien die Entnahme von Wasserproben streng kontrolliert. Daher spielen bei der Errichtung von Meeresschutzgebieten in internationalen Gewässern auch Fragen geistiger Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen und der Zugang zu wissenschaftlichen Daten eine große Rolle.

"Um das Feld der Forschung zu mariner Biodiversität abzubilden, werde ich sowohl dessen Entwicklung auf Grundlage von Oral History Interviews nachvollziehen als auch eine soziale Netzwerkanalyse durchführen, d.h. ich stelle mir die Frage, wer, wie und wo mit welchen Methoden arbeitet", erklärt die Forscherin.

Case Studies

Obwohl in dem ERC-Projekt alle Staaten während der Verhandlungen untersucht werden, pickt Vadrot drei AkteurInnen für konkrete Fallstudien heraus: Die USA, Brasilien und die EU. "Brasilien und die EU sind für die Verträge, die USA sind dagegen - wie so oft bei internationalen Abkommen", so Vadrot: "Ich möchte im Rahmen meines Projekts einen neuen methodischen Ansatz entwickeln, der mir erlaubt, die Positionen einzelner Regierungen innerhalb internationaler Verhandlungen mit Entwicklungen auf nationaler Ebene und im Wissenschaftsfeld zu verknüpfen. Die USA zum Beispiel planen derzeit ein Monitoring der marinen Biodiversität von Pol zu Pol.

Neues Terrain betreten

Das Forschungsvorhaben von Alice Vadrot fügt sich gut in die ERC-Politik ein, da diese zum Ziel hat, Forschung zu fördern, die neues Terrain betritt. "Das ganze Thema rund um maritime Forschung und Schutzpolitik entwickelt sich rapide weiter. Mit meinem ERC-Projekt erfasse ich die Verhandlungen über ein Abkommen zum Schutz der Hohen See mitsamt den politischen Rahmenbedingungen von der Entstehung hinweg. Das ist für mich wirklich eine einzigartige Möglichkeit, nicht nur Forschung zu betreiben, sondern meinen neuen Ansatz anzuwenden und zu testen", freut sich Vadrot.

Information:

Die Förderung von grundlagenorientierter Pionierforschung ist einer der Schwerpunkte der Europäischen Union. Dafür wurde der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) geschaffen. Gefördert werden Forschungsprojekte mit hohem Potenzial für Innovationen. Seit 2007 wurden insgesamt bereits 53 ERC Grants an ForscherInnen der Universität Wien vergeben: 14 Advanced Grants, zehn Consolidator Grants, 26 Starting Grants und drei Proof of Concept. ERC Grants der Universität Wien im Überblick

Alice Vadrot, als Tochter eines Franzosen und einer Österreicherin in Deutschland geboren, hat an der Universität Wien und in Paris studiert. Sie promovierte am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien mit einer Arbeit über die Etablierung des Weltbiodiversitätsrats. Vadrot war von 2015 bis 2018 Erwin Schrödinger Stipendiatin des FWF und Visiting Research Fellow am Centre for Science and Policy der University of Cambridge. 2018 erhielt sie einen ERC Starting Grant und realisiert damit ihr Forschungsprojekt "The Politics of Marine Biodiversity Data: Global and National Policies and Practices of Monitoring the Oceans" (MARIPOLDATA).

Quelle: Forschungsnewsletter der Universität Wien

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