Politik & Wirtschaft

APA

Künstliche Intelligenz: EU will "Wilden Westen" mit Ethik zähmen

08.04.2019

Geht es nach der EU-Kommission, dann muss Europa im Hype rund um die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) mit "vertrauenswürdiger KI" punkten. Die Präsentation von ethischen Leitlinien in Brüssel durch eine Expertengruppe soll die Weichen in diese Richtung stellen. Für den Technikphilosophen Mark Coeckelbergh braucht es rasch Regeln, sonst drohe der "Wilde Westen".

KI hat vielfach ein Imageproblem, fordert sie doch ihren Schöpfer genau auf dem Gebiet heraus, auf dem sich dessen Identität gründet - dem Denken. Dazu kommen erste Anwendungen, die durchaus dubios erscheinen: Etwa in Systemen zur Gesichtserkennung im öffentlichen Raum oder beim Einsatz von undurchsichtigen Algorithmen, die auf Social Media-Plattformen gehörig dabei mitreden, welche Informationen welche Nutzer erreichen.

Software trainierte sich selbst zum Schachmeister

Lösen herkömmliche technologische Ansätze mehr oder weniger gezielt Aufgaben nach unserer Vorstellung, können selbstlernende Systeme mitunter ihre eigene Herangehensweise an Probleme entwickeln. So trainierte sich etwa die Google-KI-Software AlphaZero im vergangenen Jahr scheinbar mühelos zum Schachmeister. Das gelang dem System, ohne Menschen beim Spiel zu imitieren. Lediglich die Basisregeln waren AlphaZero bekannt, alles andere lernte die Software in Hunderttausenden Matches gegen sich selbst.

Die Architekten von AlphaZero oder ähnlicher Systeme betonen, auch Grundlagen für Systeme schaffen zu wollen, die man auf weit allgemeinere Probleme ansetzen kann. Das könnten beispielsweise die Steuerung des Energiesystems oder autonomer Fahrzeuge oder die zukünftige Ausrichtung der Gesundheitsversorgung sein - so die ambitionierte Perspektive.

Leitlinien für moralische und gesetzliche Regeln

Legt der Mensch zukünftig Aufgaben und die damit einhergehenden Entscheidungen in die Hände von KI, muss sichergestellt werden, dass dies nicht abseits von Moral, ethischer Grundhaltungen und gesetzlicher Regeln geschieht. Die rund 50-köpfige Expertengruppe hat daher "Ethische Leitlinien für vertrauenswürdige KI" erarbeitet, wie die EU-Kommission in einer Aussendung mitteilte. Diese beinhalten etwa die Gestaltung und Kontrolle solcher Systeme unter menschlicher Aufsicht, das Achten auf Robustheit und Sicherheit, die Erfüllung von Datenschutz-Prinzipien, die Nachvollziehbarkeit der Arbeit der Systeme, die Nicht-Diskriminierung benachteiligter Gruppen durch die Entwicklungen, die Berücksichtigung gesellschaftlicher und ökologischer Konsequenzen von Technologien und eine Rechenschaftspflicht. Details präsentieren die Experten am 9. April.

Darüber hinaus gibt das Gremium, in dem sich neben dem an der Universität Wien tätigen Coeckelbergh drei weitere Vertreter aus Österreich finden, auch Empfehlungen zum Umsetzen der Leitlinien. An dieser Stelle entscheide sich auch, ob diese "Chance für Europa", hier eine Pionierrolle einzunehmen, ergriffen wird, sagte der Technikphilosoph zur APA. "Wir werden diese Vorgaben nun in die Praxis bringen und gleichzeitig eine internationale Diskussion über menschzentrierte KI fördern", so die EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Mariya Gabriel.

"Balance zwischen der Ethik und dem, was die Industrie will"

Gerade zu Fragen der Verbindlichkeit gab es in der in etwa zu gleichen Teilen von Experten aus dem akademischen Bereich und Leuten aus der Industrie oder Interessensvertretern zusammengesetzten Gruppe auch durchaus Diskussionsstoff. Angesichts der angestrebten "Balance zwischen der Ethik und dem, was die Industrie will", sei vieles dann auch eher unkonkret geblieben, so Coeckelbergh, der durchaus die Gefahr sieht, dass die Leitlinien zum Feigenblatt verkommen und kaum etwas davon in die Praxis Einzug hält.

Das Papier sei sicher "ein guter Start", die Politik müsse dann aber konkrete Schritte daraus ableiten. Im Sommer will die Kommission eine Pilotphase zur Implementierung der Leitlinien starten. Interessenten können im Rahmen der "European AI Alliance" teilnehmen. Die Ergebnisse dieser Phase sollen dann in einen weiteren Bericht der Expertengruppe an die Kommission einfließen, heißt es.

Die Zeit drängt

Viel Zeit für gute Regulierungen habe man jedenfalls nicht, denn die Technologie "entwickelt sich ziemlich schnell", so Coeckelbergh. Zumindest sollten Unternehmen dazu verpflichtet werden, nachvollziehbar darzustellen, dass ihre Entwicklungen bestimmte Gruppen nicht benachteiligen und Datenschutz gewährleistet bleibt. So sollte etwa auch eine Agentur eingerichtet werden, die sich mit dem Thema auf europäischer Ebene beschäftigt und für Verbindlichkeit sorgt. Auch auf der Ebene der einzelnen Staaten brauche es Maßnahmen, damit Europa nicht zum "Wilden Westen in Sachen KI" zu wird.

Hier müsse auch nicht immer mit Verboten und Gesetzen gearbeitet werden, man könne auch auf Anreizsysteme setzen. Komme keine Regulierung, läuft man laut Coeckelbergh Gefahr, dass die zunehmende Automatisierung neue Probleme mit sich bringt.

Der nunmehrige Prozess innerhalb der EU ziehe jedenfalls internationale Aufmerksamkeit auf sich, auch wenn etwa in den USA nicht mit dem gleichen Nachdruck in die Richtung gearbeitet werde. In China gebe es zwar bereits eine KI-Strategie inklusive ethischer Richtlinien, angesichts des weitreichenden Einsatzes von Gesichtserkennungssystemen, sei es fraglich, "ob man dort Ethik wirklich ernst nimmt", so Coeckelbergh.

Service: Informationen zur High-Level-Expertengruppe der EU-Kommission und zur "European AI Alliance": http://go.apa.at/an3aA5AW und http://go.apa.at/gnegSVMG

Weitere Meldungen aus Politik & Wirtschaft
APA
Partnermeldung