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Nächstes Forum soll laut Treichl zum üblichen Zeitpunkt im Spätsommer stattfinden © APA (Neubauer)
Nächstes Forum soll laut Treichl zum üblichen Zeitpunkt im Spätsommer stattfinden © APA (Neubauer)

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Neuer Forum-Alpbach-Präsident Treichl will stärkeren Fokus auf Europa

13.11.2020

Der neue Präsident des Europäischen Forums Alpbach, Andreas Treichl, plant für die Zukunft der seit 1945 bestehenden Konferenz eine noch "stärkere Konzentration auf Europa mit einer stärkeren Rolle der jungen Teilnehmer", wie der frühere Erste-Group-Chef im Gespräch mit der APA sagte. "Ich glaube, dass wir uns jetzt einmal für die nächsten Jahre noch näher als in der Vergangenheit am Namen des Forums orientieren sollten."

Gerade die Ereignisse der vergangenen Wochen hätten gezeigt, "dass die Welt dringend ein starkes Europa benötigt, das aufgrund seiner wissenschaftlichen Bildung und wirtschaftlichen Kapazitäten in der Lage ist, seine Stimme in der Welt zu erheben. Europa ist mit allen Unzulänglichkeiten, die wir haben, wahrscheinlich noch immer der Kontinent mit der ausgewogensten Gesellschaft auf dieser Welt, und das in sich selber ist ein sehr starker Sicherheitsfaktor", betonte Treichl. "Ich glaube, dass es für die nächsten Jahre sehr, sehr gut wäre, wenn die Stimme Europas wieder stärker wird."

Alpbach eigne sich "extrem gut" dafür, "die unterschiedlichsten Stakeholder zusammenzubringen". Es gebe unter den Mitgliedern und Teilnehmern des Forums sehr viele junge Menschen aus vielen Teilen der Welt. "Wir haben immer eine sehr gute Auswahl aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst gehabt, und das sollten wir weiter pflegen. Und ein zusätzlicher Schwerpunkt wird sein, dass wir den jungen Menschen, also den Studenten, die in Alpbach sind, auch außerhalb der Seminarwoche eine stärkere Rolle geben wollen, dass sie nicht nur bei den Symposien zuhören, sondern auch mitwirken können."

Digitale Präsenz von Alpbach wird verstärkt

Corona-bedingt schwer abzuschätzen ist noch, wie das Forum, das heuer aufgrund der Pandemie erstmals vorwiegend als Online-Konferenz stattfand, im nächsten Jahr ablaufen wird. Treichl wünscht sich - "egal, wie die Welt im August/September 2021 ausschaut" - eine Verstärkung der digitalen Präsenz von Alpbach. "Wir würden es gerne kombinieren. Wir würden uns sehr wünschen, dass wir in den Seminaren, in den Symposien, in den Plenarveranstaltungen wieder volle Säle haben dürfen. Unter Umständen, wenn wir wirklich viel Glück haben, schon mit voller Bestuhlung, das wäre natürlich sehr schön. Und dann zusätzlich, dass wir Interessierten auf der Welt die Möglichkeit anbieten, über Streaming an Alpbach teilzunehmen."

Corona mache die Planung schwieriger. "Der Nachteil ist, dass wir wahrscheinlich sehr flexibel sein müssen, auch in der Einladungspolitik", sagte Treichl. "Der Vorteil ist, dass natürlich auch die Menschen ihre Kalender sehr viel flexibler halten und nicht so langfristige Termin- und Reiseentscheidungen treffen, wie das früher üblicherweise der Fall war." Der neue Präsident geht jedenfalls davon aus, dass das Forum zum üblichen Zeitpunkt im Spätsommer stattfindet, aber eher zwei als drei Wochen dauern wird.

Aus Sicht Treichls sollte das Forum Alpbach nicht nur ein Ort sein, wo Menschen zusammenkommen, sondern auch "zweckorientiert": "Ich hätte sehr gerne, dass Alpbach in sich selber einen Zweck hat, und der Zweck Alpbachs ist es, eine Plattform zu bilden, die sich dem Zweck widmet, Europa stärker zu machen, besser zu machen und ihm eine stärkere Stimme auf der Welt zu verschaffen. Es soll ein zweckorientiertes Forum sein." Auch die Einladungspolitik sollte aus Sicht Treichls "sinn- und zweckorientiert sein".

Interdisziplinäre Gespräche statt Silos

Ein weiteres Anliegen sind dem neuen Präsidenten interdisziplinäre Gespräche. "Es hängt alles zusammen: Wenn wir in Alpbach über den Green Deal reden, dann hätte ich gerne, dass alle Beteiligten anwesend sind - das hat eben nicht nur mit Green Technology zu tun, das hat sehr viel mit Politik zu tun, hat sehr viel auch mit Finanzierung zu tun und mit den Auswirkungen auf die Wirtschaft." Beim Green Deal könnten die Gesundheitsgespräche ebenso "einen Platz haben" wie die Technologiegespräche, die Wirtschaftsgespräche, die Politischen Gespräche und die Rechtsgespräche. "Wir würden es gerne mehr themenbezogen machen und weniger in Silos arbeiten, als es zum Teil in der Vergangenheit der Fall war."

Einen verstärkten Banken- oder Finanz-Schwerpunkt will der ehemalige Spitzenbanker nicht setzen, und das Forum Alpbach werde auch sicher kein "Bankenforum" werden, unterstrich er: "Ich werde nicht durch meine Person die Thematik von Alpbach prägen, das wäre völlig falsch. Ich glaube auch nicht, dass das sinnvoll ist. Finanzmarkt ist ein Thema, und Geld und Wirtschaft ist auch ein Thema, die zusammenhängen, die in sehr viele Themen auch hineinspielen, aber das wird nur ein Teil davon sein. Und das gab es ja bisher auch."

Das neue Veranstaltungsformat hat in diesem Jahr die Ticketeinnahmen einbrechen lassen. Auf die Frage, wie es dem Forum Alpbach finanziell gehe, sagte Treichl, es habe "insgesamt genügend Reserven, um den Einnahmenausfall, den es heuer gegeben hat, ausgleichen zu können" und stehe daher "auf finanziell gesunden Beinen": "Die Veranstaltung im Jahr 2021 wird nicht an finanziellen Mitteln scheitern."

Europa soll geopolitisch eine größere Rolle spielen

Geopolitisch würde sich Treichl wünschen, dass die Stimme Europas auf der Welt eine größere Rolle spielt. "Wir leben zur Zeit meiner Meinung nach in einer sehr bilateralen Welt, es scheint sich primär alles zwischen den Vereinigten Staaten und China abzuspielen, und alle anderen Plätze sind Nebenschauplätze. Das war nicht immer so der Fall, und es hat vor gar nicht allzu langer Zeit schon Jahre gegeben, in denen die Stimme und die Bedeutung und der Einfluss Europas größer waren, als es jetzt der Fall ist."

Das habe auch sehr viel damit zu tun, dass Europa "in sehr vielen der neuen Industrien, der digitalen Industrie, der künstlichen Intelligenz" in vielen Bereichen hinter die USA und China zurückgefallen sei. Ein "Aufholprozess" sei dringend vonnöten, sagte der Forums-Präsident. "Im Endeffekt glaube ich hat Europa in den letzten zehn Jahren nicht an Bedeutung gewonnen, sondern an Bedeutung abgenommen, und das sollte man rasch umdrehen."

(Das Gespräch führte Alexandra Angell/APA)

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