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Grömer kleidet die Kinder in authentische Gewänder © APA (Riedler)
Grömer kleidet die Kinder in authentische Gewänder © APA (Riedler)

Kooperationsmeldung

Von Gens Togata bis Gott - Forscher begeistern Schüler für die Wissenschaft

22.05.2019

Wie funktioniert eigentlich Forschung und wie sieht ein Forscheralltag aus? In einem Projekt des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD) besuchen Wissenschafter vom Spinnenforscher bis zum Musikphysiologen Schulen in ganz Österreich, um Kindern und Jugendlichen von ihrer Arbeit zu erzählen und sie für die Forschung zu begeistern. APA-Science war bei zwei Besuchen dabei.

"Lasst mich einmal in Gedanken verwesen", beginnt Karina Grömer: "Was bleibt von mir übrig, nach ein paar hundert Jahren?" Zwei Dutzend Neunjährige starren sie an. Bis zur ersten Wortmeldung dauert es ein bisschen, aber dann wollen alle etwas beitragen: "Die Knochen?" "Die Haarspange!" "Die Zähne." "Die Schuhe?" Nein, die Schuhe nicht - nur die Sohlen, denn die sind aus Kunststoff.

Grömer untersucht als Textilforscherin des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien die technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekte von archäologischen Textilfunden. Als Young Science Botschafterin ist sie seit ein paar Jahren tätig. Seither besucht sie gemeinsam mit einer Assistentin alle paar Monate einmal eine Klasse. Der Schultyp ist dabei egal. "Ich habe meistens Volksschulklassen, aber auch Neue Mittelschulen, letztens war ich in einer BAKIP (Anm.: Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik). Eigentlich quer durch alles."

Die Initiative Young Science gibt es seit 2015. Seither fanden mehr als 180 Besuche statt, 60 davon 2019 - bis zum Sommer sind noch 16 weitere geplant. Das System dahinter ist einfach: Interessierte Wissenschafter und ihre Forschungsgebiete sind auf der Webseite des Young Science Zentrums aufgelistet, Lehrer können sich aus der Liste den passenden Forscher aussuchen und über ein Online-Formular anfragen. Der Kontaktaufnahme folgt oft ein intensiver Email-Verkehr, erklärt Grömer. Es wird geklärt, welche Themengebiete die Lehrer besprochen haben wollen, manchmal schicken die Kinder vorab Fragen, die sie besonders interessieren. Ein fixes Programm gibt es nicht. "Man macht mit unterschiedlichen Schulstufen andere Sachen", so Grömer, die mit einem großen Koffer voller Textilien zum Herzeigen und Anprobieren angerückt ist.

Plastik-Schuh und römische Ledersandale

Die Schüler der dritten Klasse der Volksschule Hoefftgasse sind auf den Besuch gut vorbereitet. Als Leonardino-Projektklasse haben sie einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften. In diesem Jahr beschäftigen sie sich vor allem damit, was ein Forscher eigentlich ist und tut. Über die Bronzezeit haben sie bereits einiges gelernt und ein e-Book dazu mit Begriffsdefinitionen, Zeichnungen und Audioaufnahmen gemacht, das sie Grömer auf einem Tablet präsentieren. Grömer ist begeistert: "Diese Schulklasse ist der Wahnsinn! Die haben ein Niveau wie in einer Neuen Mittelschule oder gymnasialen Unterstufe. Meist kommt man wo hin und die Kinder wissen nicht, was die Steinzeit ist. Da muss man dann sehr viel reduzierter arbeiten und viele Bereiche weglassen."

Zunächst stellen die Kinder Grömer Fragen, die sie sich im Vorfeld überlegt haben. Wie funktioniert das mit den Grabungsgenehmigungen? Wie haben sich Menschen in der Steinzeit gewaschen? Haben sie sich überhaupt gewaschen? Wie viele Skelette sie schon ausgegraben hat? "Hunderte", erklärt die Archäologin, die Kinder sind beeindruckt. Einem Bub klappt der Mund auf.

Weiter geht es mit einem Spiel: Grömer legt verschiedene Gegenstände am Boden auf, jeweils zwei davon passen zusammen - aber einer ist modern, und einer ist alt. Jedes der Kinder nimmt sich einen Gegenstand und macht sich auf die Suche nach seinem Partner. Der Plastik-Croc und die römische Ledersandale finden schnell zueinander, aber wofür der auf einer Seite offene Ring aus Kupfer gut sein soll, gibt den Kindern Rätsel auf. Geschickt macht Grömer damit einem Mädchen einen Zopf - dann ist allen klar: dazu passt das Haargummi.

Kleider machen Leute

Die Forschungsarbeit von Grömer beschäftigt sich mit Kleidung und Identität - "Wie sich Menschen quer durch die Geschichte durch Kleidung miteinander identifiziert oder voneinander abgegrenzt haben", erklärt sie. Ihre Besuche sind deshalb besonders bei Klassen mit hohem Migrantenanteil gefragt. "Da wird das Ganze dann benützt, um Verständnis und Integration zu behandeln." Dazu erzählt Grömer gerne die Geschichte der Römer, die sich als "Gens Togata" (Anm.: Togaträger) den unterdrückten nordischen Völkern überlegen fühlten und das Wort 'Hosenträger' ("Gens Braccata") als Schimpfwort verwendeten. In einer Klasse mit Kopftuchproblemen könnte sie das auf das Kopftuch umlegen. "Da fange ich dann oft ganz bewusst zum Schimpfen an: Eigentlich tragen wir hier alle Hosen - sind wir also alle doof?"

Zum Schluss kleidet Grömer ein paar Freiwillige in typische Gewänder der jeweiligen Epoche, bis am Ende ein Steinzeitmann, ein Römer und ein Kelte friedlich nebeneinanderstehen.

Wo komme ich her, wo gehe ich hin?

Von der Vergangenheit geht es zurück in die Zukunft, in eine 4. Klasse der Vienna Business School (VBS) Augarten. Der Forschungsschwerpunkt von Frank Zachos, Leiter der Säugetiersammlung des Naturhistorischen Museums, liegt eigentlich auf Biodiversität und Evolution. Heute redet er mit den jungen Erwachsenen, die ein Jahr vor der Matura stehen, aber über den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion.

Zachos betreibt dabei weniger Biologieunterricht und -wie Grömer- mehr Bewusstseinsbildung. Fragen nach der Entstehung der Galaxie oder der Abstammung des Menschen vom Affen werden zwar angeschnitten, das Gespräch kommt aber immer wieder zurück auf die Religion und ihren scheinbaren Zwist mit der Wissenschaft. Der Zugang des Biologen ist dabei ein ganz anderer, als der von Grömer. Während es bei den Kindern spielerisch zuging, setzt Zachos bei den Jugendlichen mehr auf Vortrag und Gespräch.

Kinder und Jugendliche scheinen dabei ähnliche Fragen zu beschäftigen, doch während es in der Volksschule mehr um "Wo komme ich her?" geht, steht in der VBS um das "Wo gehe ich hin?" im Mittelpunkt. Bei den Volksschülern werden konkrete Fragen zum Forscheralltag und zu wissenschaftlichen Thematiken gestellt wurden, doch bei den Älteren merkt man schnell, dass die Naturwissenschaften hier mit zwei Stunden pro Woche zu kurz kommen. Im Vergleich: An einer AHS gibt es in der achten Klasse zwischen acht und zehn Stunden (je nachdem, ob es sich um ein Gymnasium oder ein Realgymnasium handelt) naturwissenschaftlichen Unterricht, aufgeteilt in die Fächer Biologie, Geografie, Physik und Chemie. Genetik und Evolution scheint für sie deshalb noch Neuland zu sein. Bei der Frage "Was halten Sie eigentlich von Genetik?" stockt sogar der eloquente Zachos kurz - aber um Genetik geht es ohnehin nur peripher.

Religion und Wissenschaft im Streit

Hauptsächlich dreht sich das Gespräch um die Religion: "Wie können Sie etwas behaupten, das im Widerspruch zu Bibel, Koran usw. steht?", will ein Schüler wissen. Bibel und Koran wurden von Menschen gemacht, erklärt Zachos geduldig. "Übersetzung ist immer Interpretationssache. Wenn Sie wissenschaftliche Belege für die Evolution nicht wahrhaben wollen, ist das rational nicht zu rechtfertigen. Aber warum es die Evolution gibt, kann ihnen die Wissenschaft nicht sagen. Evolution und Natur sind das eine, Gott ist das andere. Prinzipiell muss es da keinen Widerspruch geben. Wenn Sie aber sagen, Bibel und Koran sind mit jedem Wort wahr, dann ist das schlicht falsch." Spontan holt er einen anwesenden katholischen Religionslehrer nach vorne und bindet auch ihn in den Dialog ein.

Das Engagement von Zachos und Grömer ist freiwillig und unentgeltlich, aber als Wissenschafter und Museumsmitarbeiter sind sich die beiden einig, dass diese Mehrarbeit es wert ist. "Wissenschaft ist ein gesellschaftliches Projekt, und das bedeutet natürlich auch, dass die Gesellschaft teilhaben soll", so Zachos, "nicht zuletzt, weil es ja ihre Steuergelder sind, mit denen die Forschung finanziert wird." "Ich bin quasi öffentlich gefördert", betont auch Grömer, "und sehe es als meine Pflicht, dass die Öffentlichkeit etwas davon zurückkriegt. Das halte ich einfach für notwendig."

Eine pädagogische Ausbildung haben die beiden nicht, aber "für dieses Projekt melden sich nur Leute, die eine Affinität zum Unterrichten haben und sich das aneignen", erklärt die Archäologin. Das schwierigste an dieser Arbeit sei es, ein komplexes wissenschaftliches Thema "so zu erklären, dass es auch ein Kind versteht. Du musst dich komplett auf das Wesentliche beschränken, was du sagen möchtest." So lernen dann letztendlich auch die Forscher von den Kindern.

Von Anna Riedler / APA-Science

Service: Diese Meldung ist Teil der Reportage-Reihe "APA-Science zu Besuch ...": http://science.apa.at/zubesuch

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