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WPZ - Forschungsnachricht Nr. 59: Kleiner Kredit mit grosser Wirkung?

02.03.2020

Wohlstand entsteht aus Arbeit, Investition und Unternehmertum. Aber wo Armut herrscht, scheitert der Traum vom Aufstieg allzu oft an der Finanzierung, gerade in den Entwicklungsländern. Kleine Kredite könnten grosse Wirkung haben und eine nachhaltige Entwicklung anstossen. Die Realität der Mikrofinanz ist allerdings weniger beeindruckend und lässt zweifeln, dass es allein mit der Bereitstellung von Krediten getan ist. Vielleicht braucht es vorher mehr Bildung, Unternehmergeist und eine Änderung der Rollenbilder, damit nachher die Mikrofinanz bessere Ergebnisse zeitigen kann?

Christian Keuschnigg und Michael Kogler, Herausgeber.

Quelle: Banerjee, A., E. Duflo, R. Glennerster und C. Kinnan (2015), The Miracle of Microfinance? Evidence from a Randomized Evaluation, American Economic Journal: Applied Economics 7, pp.22-54.

Mikrokredite weckten grosse Hoffnungen auf eine schnelle Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Im Jahr 2006 wurde Mohammad Yunus, dem Pionier der Mikrofinanz, der Friedensnobelpreis verliehen. Allerdings gibt es keine ungeteilte Zustimmung. Kritiker bemängeln etwa, dass Banken auf Kosten der armen Bevölkerung hohe Gewinne erwirtschaften, und verweisen beispielsweise auf erhöhte Selbstmordraten aufgrund von Überschuldung in Indien. Die Diskussion, welche Rolle Mikrokredite in der Armutsbekämpfung spielen können, leidet jedoch unter einem Mangel wissenschaftlicher Evidenz. Denn oft werden Mikrokreditbanken nicht zufällig in einem Dorf oder Viertel tätig. Wenn sie vorwiegend Gegenden mit vielen tatkräftigen Personen aussuchen, dann mag der Erfolg der Mikrofinanz weniger mit der Bereitstellung von Krediten, sondern eher mit den besseren unternehmerischen Talenten ihrer Kunden zusammenhängen. Blosse Anekdoten über erfolgreiche Unternehmer oder hoch verschuldete Kreditnehmer sagen noch wenig über die ursächlichen Folgen der Kreditvergabe aus.

Kann ein einfacherer Zugang zu Mikrokrediten tatsächlich die wirtschaftliche und soziale Lage der kreditnehmenden Haushalte verbessern? Diese Frage untersucht ein Forscherteam rund um die Entwicklungsökonomen Esther Duflo und Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), welche 2019 für ihre Arbeiten zur globalen Armutsbekämpfung den Wirtschaftsnobelpreis erhielten. Sie verwenden dazu einen experimentellen Ansatz, mit dem sie einen weitgehend unverzerrten Effekt von Mikrokrediten herausfiltern können.

Zu diesem Zweck führten sie 2005 in Zusammenarbeit mit der indischen Mikrokreditbank Spandana ein kontrolliertes Experiment durch. Jene Bank eröffnete in 52 von 104 zufällig ausgewählten Armenvierteln von Hyderabad, der fünftgrössten Stadt Indiens, neue Niederlassungen. Damit wurden Mikrokredite in jenen Vierteln einfacher verfügbar. Sie wurden explizit an Frauen vergeben, die sich dadurch selbstständig machen oder einen eigenen Betrieb aufbauen konnten. Danach befragten die Forscher 6'850 Haushalte in einem Zeitraum von drei Jahren, um die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der Kreditvergabe auf wirtschaftliche (z.B. Konsum, Einkommen, unternehmerische Tätigkeit) und soziale Indikatoren (z.B. Bildung, gesellschaftliche Stellung der Frau) zu erfassen.

Wie wurden die Mikrokredite angenommen? Zunächst zeigen die Forscher, dass die Kreditaufnahme signifikant anstieg. In jenen Vierteln, wo eine neue Niederlassung eröffnet wurde, hatten 15 bis 18 Monate nach dem Start des Experiments 26.7 Prozent aller befragten Frauen einen Mikrokredit aufgenommen. Obwohl nur knapp mehr als ein Viertel der Frauen einen Mikrokredit aufnahmen, war ihr Anteil um 8.4 Prozentpunkte oder 46 Prozent höher als in Vierteln ohne eigene Niederlassung der Bank (18.3 Prozent). Der langfristige Effekt nach zwei Jahren fiel jedoch geringer aus. Zudem zeigte sich, dass Mikrokredite in erster Linie bestehende Finanzierungen z. B. aus informellen Quellen wie Familie oder lokalen Geldverleihern ersetzten. Solche Finanzierungen nahmen um 5.2 Prozentpunkte ab, sodass der verbesserte Zugang zu Mikrokrediten das gesamte Kreditvolumen nicht signifikant erhöhte.

Mikrokredite sollen vor allem die selbständige Erwerbstätigkeit sowie die Gründung von Kleinunternehmen fördern. Tatsächlich beobachten Esther Duflo und ihre Ko-Autoren einen Anstieg von Unternehmensgründungen, und zwar fast nur bei Frauen. Im Vergleich zu den Vierteln ohne neue Bankniederlassung nahm die Zahl von Unternehmensgründungen durch Frauen um rund 55 Prozent zu. Allerdings waren die Neugründungen im Durchschnitt kaum profitabel und hatten weniger Mitarbeiter. So beschäftigte nur rund eines von neun der neuen, mit Mikrokrediten finanzierten Unternehmen einen externen Mitarbeiter. Oft handelte es sich um Kleinstbetriebe.

Die Forscher untersuchen nicht nur, wie sich Mikrofinanzierungen auf Neugründungen auswirken, sondern auch, inwieweit bereits bestehende Unternehmen davon profitieren. Zwar zeigt sich ein Anstieg bei Investitionen und Betriebseinkommen. Im Durchschnitt verdoppelten sich die Gewinne sogar. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass nur jene Unternehmen, die bereits zuvor zu den profitabelsten zählten, ihre Gewinne steigern konnten. Bei allen anderen nahmen die Gewinne hingegen nicht signifikant zu. Ebenso stieg die Mitarbeiterzahl bei bereits bestehenden Unternehmen nicht signifikant an. Abbildung 1 illustriert den Gewinnanstieg aufgrund des vereinfachten Zugangs zu Mikrokrediten geordnet nach der Profitabilität der Unternehmen. Demnach erhöhen Mikrokredite nur dann die Gewinne von bestehenden Unternehmen, wenn diese bereits zuvor besonders profitabel waren.

Zwar dienen Mikrokredite in erster Linie der Finanzierung unternehmerischer Tätigkeit. Ihr eigentlicher Zweck besteht aber darin, die wirtschaftliche und soziale Lage der Haushalte zu verbessern und so letztlich zur Armutsbekämpfung beizutragen. Die vorliegende Studie weckt aber Zweifel daran: So nimmt der monatliche Pro-Kopf Konsum eines Haushalts durch den einfacheren Kreditzugang nicht signifikant zu. Es zeigt sich aber eine Verschiebung der Konsumstruktur von einfachen Konsumgütern zu dauerhaften Gebrauchsgütern, welche zuvor nicht leistbar waren. So steigen die Ausgaben für Gebrauchsgüter um rund 17 Prozent. Dieser Anstieg wurde durch Mehrarbeit im eigenen Betrieb - die Forscher schätzen mehr als drei zusätzliche Arbeitsstunden pro Woche - und geringere Ausgaben für laufende Verbrauchsgüter finanziert.

Schliesslich kann die Studie kaum Evidenz dafür aufdecken, dass der Zugang zur Mikrofinanz einen entscheidenden Einfluss auf die soziale Lage eines Haushalts hat. Obwohl Mikrokredite explizit an Frauen vergeben werden, verbessert sich ihre gesellschaftliche Stellung dadurch nicht. Ebenso fanden die Forscher keine signifikanten Auswirkungen auf den Anteil der Kinder und Jugendlichen, die eine Schule besuchen, sowie auf die Kinderarbeit gemessen an den Arbeitsstunden von 5- bis 15-Jährigen.

Die Ergebnisse der Studie regen zu einem Umdenken über die Rolle der Mikrofinanz an. Die Nachfrage nach solchen Krediten bleibt vergleichsweise gering. Nur gut ein Viertel der potenziellen Schuldner nimmt tatsächlich einen Kredit auf. Diese niedrige Inanspruchnahme ist bemerkenswert, denn die informelle Kreditaufnahme ist in Indien sehr hoch. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass informellen Quellen eine grössere Flexibilität bieten und daher trotz höherer Kosten bevorzugt werden.

Zudem macht die Studie deutlich, dass Mikrokredite zwar einige Haushalte unterstützen können, Betriebe zu gründen oder zu erweitern. Dennoch schlägt sich dies kaum im Konsum nieder, welcher ein guter Indikator für ihren Wohlstand ist. Dies liegt unter anderem daran, dass solche Betriebe oft winzig und kaum profitabel sind. Mikrokredite helfen typischerweise nur den bereits profitablen Unternehmen. Das wirft die Frage auf, ob sie tatsächlich ihren ursprünglichen Zweck erfüllen.

Autor: Arnaud SCHUELE, Universität St. Gallen, Master in Quantitative Economics and Finance (MiQE/F), arnaud.schuele@student.unisg.ch

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Quelle: WPZ - Forschungsnachricht Nr. 59

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