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Durchschnittliche Zahlungsfristen des US-Verteidigungsministeriums an kleine und mittlere Lieferanten 2011 © Barrot und Nanda (2020)
Durchschnittliche Zahlungsfristen des US-Verteidigungsministeriums an kleine und mittlere Lieferanten 2011 © Barrot und Nanda (2020)

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WPZ - Forschungsnachricht Nr. 65: Hohe Zahlungsmoral belebt die Wirtschaft

20.10.2020

Der Staat ist für viele Unternehmen ein wichtiger Kunde. Wenn die Kunden die Rechnung rasch begleichen, entspannt sich die Knappheit an Liquidität. Der Zugang zu Krediten verbessert sich. Die Unternehmen können ihre Investitionen leichter finanzieren und neue Beschäftigte einstellen. Eine hohe Zahlungsmoral des Staates belebt daher die Wirtschaft. In konjunkturell schwierigen Zeiten ist eine hohe Zahlungsmoral besonders wirksam und kann die Erholung beschleunigen. Wie bedeutsam ist eine hohe staatliche Zahlungsmoral für die Entwicklung der Wirtschaft?
Christian Keuschnigg und Michael Kogler, Herausgeber.
Quelle: Barrot, Jean-Noël und Ramana Nanda (2020), The Employment Effects of Faster Payment: Evidence from the Federal Quickpay Reform, erscheint in: Journal of Finance.

Gerade in Krisen wie der Finanzkrise 2008 sind solche Unternehmen besonders stark vom Rückgang der Kreditvergabe betroffen. Wie kann der Staat kleinen und mittelgrossen Firmen den Zugang zu Finanzierung erleichtern und letztlich die Beschäftigung steigern? Neben Förderprogrammen, Garantien für Bankkredite oder Investorenschutz gibt es eine weitere Möglichkeit, die meist ausser Acht gelassen wird: Der Staat ist oft ein wichtiger Kunde solcher Unternehmen und kann die Rechnungen schneller begleichen. Die Wissenschaftler Jean-Noël Barrot von der HEC Paris und Ramana Nanda von der Harvard Business School fragen sich, wie eine bessere staatliche Zahlungsmoral den Unternehmen helfen kann. Konkret untersuchen sie, wie der Staat die Neuanstellungen von Kleinunternehmen steigern kann, indem er ausstehende Rechnungen für Güter und Dienstleistungen rascher begleicht.

Die Forscher betrachten dazu die Zahlungsreform Quickpay in den USA im Jahr 2011. Sie beschleunigte das Zahlungsverhalten des Staates massgeblich, indem sie die Zahlungsfristen der Bundesbehörden dauerhaft von 30 auf 15 Tage nach Rechnungseingang verkürzte. Abbildung 1 illustriert den Rückgang der tatsächlichen Zahlungsfristen nach der Einführung von Quickpay im April 2011 am Beispiel des US-Verteidigungsministeriums. Von dieser Reform profitieren vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, von denen der Staat Güter und Dienstleistungen im Wert von rund USD 100 Mrd. bezieht. Wenn ein so wichtiger Kunde rascher zahlt, müssen die Unternehmen weniger liquide Reserven vorhalten, um die Zeit zwischen dem Auszahlen von Löhnen und anderer Kosten und dem Eingang von Zahlungen zu überbrücken. Dadurch stehen ihnen letztlich mehr Mittel zur Verfügung, um beispielsweise zu investieren oder neue Mitarbeiter einzustellen.

Die Wissenschaftler nutzten eine ganze Palette von Datenquellen. Zuerst identifizierten sie anhand offizieller Statistiken über das öffentliche Beschaffungswesen jene Unternehmen, welche den Staat belieferten und deshalb direkt von Quickpay profitierten. Dadurch konnten sie zahlreiche Charakteristika der betroffenen Unternehmen identifizieren. Zusammen mit Daten zu Beschäftigung, Löhnen und Bonität ermittelten die Forscher, wie sich die Reform auf die Beschäftigung in den betroffenen Unternehmen auswirkte. Ihr Fokus lag dabei auf der Veränderung dieser Kenngrössen zwischen 2011 und 2015, den Jahren nach Einführung von Quickpay.

Die empirischen Ergebnisse zeigen, wie sich die Zahlungsreform auf die Beschäftigung auswirkte. Unternehmen, welche den Staat belieferten, stellten zusätzliche Mitarbeiter ein: Ihr Personalstand stieg um 1.7 Prozentpunkte stärker als bei anderen vergleichbaren Unternehmen, welche den Staat nicht belieferten und daher nicht von rascheren Zahlungen profitieren konnten. Dieser Unterschied ist verglichen mit dem durchschnittlichen Beschäftigungswachstum im Zeitraum 2011-2015 von 0.4 Prozent ökonomisch bedeutsam.

Die Zahlungsreform ermöglichte es den betroffenen Unternehmen, die Beschäftigung um 1.7 Prozentpunkte stärker zu erhöhen als in anderen Unternehmen, welche keine Staatslieferanten waren.

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass der erschwerte Zugang zu Finanzierung kleine und mittlere Unternehmen dabei hemmt, zu investieren und neue Mitarbeiter einzustellen. Bezahlen Kunden ihre Rechnungen schneller, dann entspannt sich die Liquiditätssituation und der Zugang zu Finanzierung wird besser. In Folge nimmt die Beschäftigung in solchen Betrieben signifikant zu. Der typische Lieferant erzielte rund 8.5 Prozent seines Umsatzes mit Verkäufen an den Staat.

Die Wissenschaftler berechneten anhand ihrer Schätzergebnisse folgendes Szenario: Würden nicht nur die staatlichen Behörden, sondern alle Kunden ihre Rechnungen 15 Tage früher bezahlen, könnte das betroffene Unternehmen durchschnittlich rund 20 Prozent mehr Mitarbeiter einstellen. Bei einer Firma mit 10 Mitarbeitern beispielsweise wären dies zwei Leute mehr.

Würden alle Kunden ihre Rechnungen um 15 Tage früher bezahlen, könnte ein kleines Unternehmen seinen Personalstand um bis zu 20 Prozent erhöhen.

Die kürzeren Zahlungsfristen des Staates wirken sich zudem auf die Zahlungsmoral und Bonität der Lieferenten selbst aus. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen ihr Kreditrating auf einer Skala von 1 bis 100 um einen Punkt verbessern konnten, wenn sie von Quickpay direkt betroffen waren. Sie gerieten bei ihren eigenen Lieferanten oder Kreditgebern seltener in Verzug und bezahlten die Rechnungen schneller. Das Insolvenzrisiko ging zurück. Dabei zeigte sich, dass sich das Rating unverzüglich innerhalb der ersten sechs Monate nach der Reform verbesserte. Der Beschäftigungseffekt trat zwischen sechs und achtzehn Monaten später ein.

Von Quickpay direkt betroffene Unternehmen konnten ihre Bonität verbessern: Sie gerieten mit den eigenen Zahlungen seltener in Verzug und wurden weniger anfällig für Insolvenzen.

Wie wirkte sich Quickpay insgesamt auf den Arbeitsmarkt aus? Die Forscher schätzten schliesslich die Beschäftigungseffekte auf regionalen Arbeitsmärkten. In einem aus Unternehmenssicht entspannten Arbeitsmarkt mit wenigen offenen Stellen und vielen Arbeitslosen führte Quickpay zu einem Anstieg der gesamten Beschäftigung. Kleinere und mittlere Unternehmen, die sich dank der Reform leichter finanzieren konnten, fanden leicht neue Mitarbeiter. Hingegen zeigte sich auf angespannten Arbeitsmärkten mit vielen offenen Stellen und wenigen Arbeitslosen insgesamt kein signifikanter Beschäftigungszuwachs. Vielmehr fanden die Forscher Hinweise für Verdrängungseffekte: Das Wachstum der betroffenen Unternehmen ging auf Kosten jener Firmen, welche den Staat nicht belieferten und so nicht von Quickpay profitierten. Sie wiesen ein deutlich niedrigeres bzw. rückläufiges Beschäftigungswachstum auf und konnten manche Stellen nicht nachbesetzen.

Eine hohe Zahlungsmoral hilft der Wirtschaft. Zahlt der Staat seine offenen Rechnungen rascher, profitieren seine kleinen und mittelgrossen Lieferanten. Sie verfügen über mehr liquide Mittel und haben daher einfacheren Zugang zu Finanzierung. Sie können wachsen und zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Dabei hängt der Gesamteffekt von der Lage auf dem regionalen Arbeitsmarkt ab: Ist die Arbeitslosigkeit bereits tief und herrscht ein starker Wettbewerb unter Firmen um talentierte Arbeitskräfte, dann ist aufgrund von Verdrängungseffekten die Wirkung auf die gesamte Beschäftigung deutlich geringer. Dafür ist die Wirkung bei hoher Arbeitslosigkeit umso grösser, wenn die Wirtschaft besonders dringlich Entlastung braucht.

Autor: Lorenzo F. CURRENTI
Universität St. Gallen
Master in Economics
lorenzo.currenti@student.unisg.ch

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