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Konzepte für Mehrsprachigkeit im Unterricht nicht umgesetzt © APA
Konzepte für Mehrsprachigkeit im Unterricht nicht umgesetzt © APA

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Experten fordern mehr Wertschätzung von Mehrsprachigkeit an Schulen

19.02.2020

In Österreich hat ein Viertel der Kinder und Jugendlichen eine andere Umgangssprache als Deutsch, in Wien sind es 50 Prozent. Das bedeute allerdings nicht, dass diese Schüler schlecht Deutsch beherrschen, haben Wissenschafter der Uni Wien heute im Vorfeld des Tags der Muttersprachen vor Journalisten betont. Sie forderten, Mehrsprachigkeit als Kompetenz anzuerkennen.

Schüler, die laut Statistik "daheim" eine andere Sprache als Deutsch nutzen, würden dort tatsächlich je nach Gesprächspartner verschiedene Sprachen einsetzen, verwies Soziologin Veronika Wöhrer auf die von ihr miterarbeitete Längsschnittstudie "Wege in die Zukunft" unter Wiener NMS-Schülern. Im Gespräch mit Gleichaltrigen setzen demnach 93 Prozent der 3.000 Befragten auf Deutsch.

Die größte Hilfe beim Deutschlernen waren der Untersuchung zufolge übrigens Mitschüler, die als Übersetzer und Erklärer eingesprungen sind. Überhaupt hätten mehrsprachige Schüler viele Kompetenzen im Vermitteln und Übersetzen. "Die mehrsprachigen Schüler haben aber nicht das Gefühl, dass das in der Schule honoriert wird", bedauerte Wöhrer bei der Veranstaltung von "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz".

Erstsprache als Basis für alle weiteren Sprachen

Die Erstsprache sei die Basis für alle weiteren Sprachen, betonte Alexandra Wojnesitz, Fachdidaktikern an der Romanistik der Uni Wien und Vorsitzende des Österreichischen Verbands für angewandte Linguistik. Immerhin könne man auch kein Haus auf einem brüchigen Fundament errichten. Die verschiedenen Erstsprachen der Schüler als Ressource zu nutzen, heiße nicht, dass Lehrer diese selbst beherrschen müssen. Es sei schon motivierend, wenn etwa grammatikalische Strukturen oder Zeitfolgen mit jenen der Erstsprachen verglichen werden. Es gebe in Österreich auch tolle Konzepte dafür, etwa das "Curriculum Mehrsprachigkeit". Aber: "Man muss die tollen vorhandenen Konzepte auch in der Praxis umsetzen."

Dafür bräuchten die Lehrer eine entsprechende Ausbildung, so Hannes Schweiger, Germanist an der Uni Wien. Tatsächlich müssten sich Lehrer derzeit in der Ausbildung allerdings kaum verpflichtend mit Mehrsprachigkeit beschäftigen, verwies er auf eine Studie zur neuen Volksschullehrerausbildung. Dabei sollte interkulturelles Lernen und sprachsensibler Unterricht eigentlich in jedem Fach gelebt werden.

Besonderen Reformbedarf ortet Schweiger bei den Deutschförderklassen. Der Lehrplan sehe bei diesen zwar vor, dass die Mehrsprachigkeit der Schüler berücksichtigt werden soll. Laut Rückmeldungen von Lehrern und kleineren qualitativen Studien sei das allerdings wegen der schlechten Rahmenbedingungen gar nicht möglich. Immerhin würden die Schüler extrem unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Da es keine Schülerhöchstzahl pro Klasse gebe, sei dort ein Lehrer für bis zu 27 Schüler zuständig.

Forderung nach mehr Autonomie bei Deutschklassen

In allen Studien sei deshalb die Forderung nach mehr Autonomie bei der Gestaltung der Deutschförderklassen gekommen, schilderte Schweiger. Er sei gespannt, welche Möglichkeiten die neue Regierung hier eröffnen wird. Außerdem brauche es andere Fördermöglichkeiten für Schüler, die gerade erst nach Österreich gekommen sind und jene, die hier schon geboren sind.

Wie Mehrsprachigkeit den Unterricht bereichern kann, zeigten Projekte in Deutschland, wo etwa die Herkunftssprachen der Schüler auch im Fachunterricht, etwa Physik oder Chemie, eingesetzt werden. Dafür müssten freilich jene Lehrer, die muttersprachlichen Unterricht geben, mit jenen anderer Fächer enger zusammenarbeiten. In Österreich fehle es derzeit dafür allerdings an Ressourcen, so Schweiger. "Es sind nicht mehr geworden, obwohl die Mehrsprachigkeit mehr geworden ist."

Wojnesitz sieht Verbesserungsbedarf bereits ab dem Kindergarten, der sei immerhin die Basis der Sprachbildung. Hier bräuchten die Pädagoginnen in der Ausbildung viel Unterstützung, um zu wissen, wie sie die Kinder optimal diagnostizieren und fördern können. Auch mehr gut ausgebildete Pädagoginnen in kleineren Gruppen seien notwendig.

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