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Bis zu 500.000 lebende Vibrio cholerae-Bakterien pro Liter © APA (Jäger)
Bis zu 500.000 lebende Vibrio cholerae-Bakterien pro Liter © APA (Jäger)

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Erstaunliche Vielfalt an Cholera-Bakterien im Neusiedler See

18.05.2017

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 19/2017 und nicht zwingend tagesaktuell

Es klingt auf den ersten Blick besorgniserregender als es tatsächlich ist: In einer Studie haben Wiener Wissenschafter eine erstaunliche Vielfalt des Bakteriums Vibrio cholerae im Neusiedler See festgestellt. Jene Stämme, die die Infektionskrankheit Cholera auslösen, sind nicht darunter. Durch die Klimaerwärmung könnte es aber vermehrt zu Infektionen mit anderen Vibrio cholerae-Stämmen kommen.

Die Bakterienart Vibrio cholerae umfasst zahlreiche verschiedene Stämme. Weit über 100 davon prognostizieren die Wissenschafter in der von der Medizinischen und der Technischen Universität Wien sowie dem interuniversitären Kooperationszentrum "Wasser und Gesundheit" durchgeführten Untersuchung für den Neusiedler See. "Über 90 davon konnten wir nachweisen", sagte Studienleiter Alexander Kirschner vom Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie an der Meduni Wien zur APA.

"Jene zwei Typen, die Cholera auslösen, gibt es bei uns nicht", betonte Kirschner. Aufgrund verschiedener Untersuchungen und Indizien geht er davon aus, dass sie sich - selbst wenn sie etwa durch Vögel eingeschleppt würden - aufgrund der vorherrschenden Umweltbedingungen hierzulande nicht vermehren können. Zu den gefährlichen Cholera-Erregern werden die Bakterien erst, weil sie mit Bakteriophagen - das sind Viren, die auf Bakterien spezialisiert sind - infiziert sind. "Wir haben auch eine Methode entwickelt, direkt das Choleratoxin-Gen, das vom Phagen auf die Bakterien übertragen wird, nachzuweisen, doch noch nie eine Spur davon gefunden", so Kirschner.

Hohe Vielfalt im Schilfgürtel

Im Sommer haben die Forscher im Neusiedler See bis zu 500.000 lebende Vibrio cholerae-Bakterien pro Liter Wasser registriert. Besonders hoch war die Vielfalt im Schilfgürtel, hier komme es häufig zu Rekombinationen verschiedener Stämme und der Entstehung ganz neuer Bakterien-Stämme. Als zweiten Grund für die hohe Vielfalt sehen die Forscher den Eintrag von Bakterien über große Distanzen, etwa über Vögel. Das konnte durch den genetischen Vergleich mit Stämmen aus verschiedenen europäischen Ländern eindeutig gezeigt werden.

Auch wenn keine Erreger der schweren Infektionskrankheit Cholera im Neusiedler See vorkommen, sind die Artgenossen nicht völlig harmlos. "Zwei Stämme, die wir im See gefunden haben, hatten Jahre zuvor bei Patienten Krankheiten ausgelöst", sagte Kirschner. Dabei habe es sich um Ohrenentzündungen und Wundinfektionen gehandelt.

Relevant ist dies vor allem im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung. In den vergangenen Jahren sei es in vielen Teilen Europas aufgrund höherer Gewässertemperaturen zu mehr Erkrankungsfällen durch Infektionen mit Vibrio cholerae-Bakterien gekommen, so Kirschner, der in diesem Zusammenhang auf die in den vergangenen 30 Jahren um 1,5 Grad Celsius erhöhte durchschnittliche Wassertemperatur des Neusiedler Sees verweist. Dennoch seien solche Infektionen nach wie vor selten.

Ärzte sensibilisieren

Gegen die Vibrio cholerae-Bakterien im Wasser des Sees könne man jedenfalls nichts machen, "die leben dort". Speziell im Zusammenhang mit dem Klimawandel müsse man die Situation beobachten und analysieren, wie sich die Bakterien verändern bzw. neue Stämme hervorbringen. Zudem müsse man die Ärzte verstärkt auf die Möglichkeit einer Wund- oder Ohreninfektion durch Vibrio cholerae aufmerksam machen.

Die Erstautorin der im Fachjournal "Environmental Microbiology" veröffentlichten Studie, Carina Pretzer von der Technischen Universität Wien, wurde gestern Montag, mit dem "Österreichischen Hygienepreis" der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin ausgezeichnet. Sie teilt sich den Preis mit Jakob Thannesberger von der Medizinischen Universität Wien, der eine neue innovative Methode in der Genomanalyse entwickelt hat.

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