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Neue Biografie von Mona Horncastle © Molden Verlag
Neue Biografie von Mona Horncastle © Molden Verlag

APA

Neue Bücher - Die Architektin der Moderne und der Leibarzt des Schah

12.12.2019

Eine neue Biografie und ein Band mit autobiografischen Erinnerungen beleuchten das Leben von Margarete Schütte-Lihotzky. Außerdem erhält die außergewöhnliche Geschichte des Mediziners Jacob E. Polak eine umfassende wissenschaftshistorische Würdigung.

Margarete Schütte-Lihotzky: Neue Biografie

Ihr 100. Geburtstag 1997 wurde mit einem großen Fest im Museum für angewandte Kunst (MAK) gefeiert, bei dem sie mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl einen Walzer aufs Parkett legte. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) war eine eindrucksvolle Erscheinung und eine Pionierin: die erste weibliche Architekturstudentin in Österreich und als Erfinderin der Frankfurter Küche die erste Architektin, die sich in ihrer Arbeit zentral mit dem Alltag der Frauen auseinandersetzte. Sie wurde Kommunistin und entging als aktive NS-Gegnerin nur knapp der Hinrichtung.

"Architektin - Widerstandskämpferin - Aktivistin" lautet daher der Untertitel der mit vielen Fotos sehr ansprechend gestalteten neuen Biografie von Mona Horncastle, die im Vorjahr gemeinsam mit Alfred Weidinger bereits eine Klimt-Biografie vorgelegt hat, und die nun alle wesentliche Etappen dieses außergewöhnlichen Lebens, von Wien über Frankfurt und die Sowjetunion bis nach China und in die Türkei nachzeichnet. "Es ist sicherlich die Übereinstimmung von beruflichem Handeln, privatem Interesse, sozialem Bewusstsein und politischem Engagement, die Margarete Schütte-Lihotzky auszeichnete und insofern bemerkenswert war, als dass sie mit ihrem Einsatz, ob architektonisch oder politisch, stets die Absicht verband, den sozial Schwächsten der Gesellschaft zu dienen", schreibt Architekturprofessorin Uta Graff in ihrem Nachwort. (Mona Horncastle: "Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin - Widerstandskämpferin - Aktivistin", Molden Verlag, 304 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-222-15036-4)

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Margarete Schütte-Lihotzky: Autobiografische Erinnerungen

Margarete Schütte-Lihotzky war mehr eine Frau der Tat als eine Frau des Wortes. Ihre Anmerkung "... im übrigen habe ich immer sehr ungern geschrieben und wollte immer nur bauen", stellt Karin Zogmayer ihrem Buch voran, mit dem sie Schütte-Lihotzkys Selbstzeugnisse herausbringt. Grundlage dafür war das in Schütte-Lihotzkys von der Universität für angewandte Kunst gehütetem Nachlass gefundene Manuskript "Erinnerungen und Betrachtungen" - ein Text, den sie erst in hohem Alter und auf Drängen von Freunden und Kollegen zu verfassen begann.

Jener Teil, der sich mit ihren politischen Aktivitäten befasste, ist 1985 unter dem "Erinnerungen aus dem Widerstand" erschienen. Der nicht vollendete zweite Teil mit dem Fokus auf die Architektur, an dem sie bis kurz vor ihrem Tod arbeitete, wird dagegen in dem mit Fotos und einem biografischen Anhang ergänzten Buch nun erstmals publiziert. Er beginnt mit der Studienzeit an der Kunstgewerbeschule 1915 bis 1920 und endet mit der Ausreise aus Deutschland: "Wir kommen in Moskau an, man schreibt den 7. Oktober 1930. Deutschland liegt weit hinter uns. Ein neues Kapitel meines Lebens beginnt." (Karin Zogmayer (Hg.): "Margarete Schütte-Lihotzky - Warum ich Architektin wurde", Residenz Verlag, 232 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-7017-3497-9)

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Jacob E. Polak: Eine west-östliche Lebensgeschichte

Im Weltmuseum Wien sind seit der Wiedereröffnung in der Abteilung "Der Orient vor der Haustüre" Fragmente eines Grabsteins mit einem persischen Gedicht samt deutscher Übersetzung ausgestellt. Dass sie vor elf Jahren am Wiener Zentralfriedhof vor ihrer Entsorgung gerettet wurden, ist der im Iran geborenen und seit 1988 in Wien lebenden Soziologin, Ethnologin und Medizinhistorikerin Afsaneh Gächter zu verdanken. Sie hat nun eine ausführliche Darstellung der ungewöhnlichen Lebensgeschichte jenes Mannes vorgelegt, auf dessen Wirken die ausgestellten Grabsteinfragmente aufmerksam machen: Jacob E. Polak (1818-1891), geboren in Zentralböhmen, zum Mediziner ausgebildet in Prag und Wien, wird zu Recht als großer kultureller und wissenschaftlicher Vermittler zwischen West und Ost gefeiert.

1851 trat er in den Dienst des Persischen Hofes und gründete in Teheran die erste moderne Schule für Medizin, 1855 wurde er zum persönlichen Leibarzt des Schahs ernannt. 1860 kehrte er nach Wien zurück, blieb aber auch in der Folge in Büchern wie "Persien. Das Land und seine Bewohner. Ethnographische Schilderungen", mit Forschungsreisen oder als Kommissär der persischen Ausstellung auf der Wiener Weltausstellung 1873 seinem Lebensthema treu. "Polak steht exemplarisch für die Idealvorstellung von Wissensaneignung und Wissensvermittlung in mehrere Richtungen", schreibt Gächter über den polyglotten und vielsprachigen Gelehrten, dessen Wirken durch sie erstmals eine umfassende wissenschaftshistorische Würdigung erhält. (Afsaneh Gächter: "Der Leibarzt des Schah. Jacob E. Polak 1818-1891. Eine west-östliche Lebensgeschichte", new academic press, 284 Seiten, 26,50 Euro, ISBN: 978-3-7003-2078-4)

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