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Technologie führt zu neuen Wissensschätzen © Science Photo Library
Technologie führt zu neuen Wissensschätzen © Science Photo Library

APA

Digital, im Geiste

30.01.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 04/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Visionen und Engagement auf der einen, Geldmangel und Unstimmigkeiten auf der anderen Seite: Die digitalen Geisteswissenschaften haben in den vergangenen fünf Jahren in Österreich zwar einen deutlichen Schub bekommen, noch gibt es aber Hindernisse, die Vorteile der neuen Technologien für die "Humanities" zu nutzen – vor allem mangelnde Mittel und eine unklare Aufgabenverteilung. Das aktuelle APA-Science-Dossier widmet sich dieser Thematik in aller Ausführlichkeit.

Bücher scannen, Handschriften automatisiert erkennen oder Forschungsergebnisse visualisieren – die "Digital Humanities" sind auf dem Weg Wissensschätze zu heben und sich neue Forschungsmöglichkeiten durch computergestützte Methoden zu erschließen. Die Entwicklung verlief in Österreich aber lange Jahre schleppend. Erste Projekte, die digitale Methoden miteinbezogen haben, gab es um die Jahrtausendwende. Umfangreichere Datenbanken und größere Textsammlungen – sogenannte Korpora – wurden angelegt, Experimente mit digitalen Editionen durchgeführt.

Im Jahr 2010 gab es hierzulande die erste Konferenz, die die "Digital Humanities" (DH) im Titel führte, und schon von den internationalen europäischen Forschungsinfrastrukturen CLARIN und DARIAH mitgetragen wurde, erinnert sich Claudia Resch, die am "Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage" (ACDH-CH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht, im Gespräch mit APA-Science.

Startschuss fiel 2015

Letztendlich dauerte es für ein echtes Lebenszeichen bis zum Jahr 2015. "Da ist Österreich aufgewacht", so Georg Vogeler, Professor für Digital Humanities an der Universität Graz. Zwar habe es auch vorher schon einzelne Aktivitäten gegeben, es sei aber eher "vor sich hin gewurstelt" worden. Ohne Mittel beziehungsweise Institutionalisierung hätten sich viele beruflich anderweitig orientiert. "Dann aber gab es eine Kombination aus Ministeriumsfinanzierung, Gelder der Nationalstiftung und Zielvereinbarungen mit der Akademie. Da ist plötzlich viel Geld geflossen und dadurch hat das eine Breitenwirkung bekommen und sich als Label etabliert", so Vogeler.

"Alle österreichischen Akteure haben ab 2015 begonnen, strategisch gemeinsam zu planen. Damals wurde auch eine Strategie für Digital Humanities entwickelt, die aus sieben Leitlinien bestanden hat. Da ging es darum, Stärken zu forcieren, sich zu vernetzen, aber auch Doppelungen zu vermeiden und Synergien zu nutzen", erklärt Resch. Dass das kein Strohfeuer war, zeigt die Schaffung von dauerhaften Einrichtungen. So wurden drei Austrian Centre of Digital Humanities gegründet – an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ACDH-ÖAW, mittlerweile ACDH-CH, wobei CH für Cultural Heritage steht), der Universität Wien (ACDH-UniWien) und der Universität Graz (ACDH-ZIM Graz).

"Es widerspricht eigentlich dem Begriff eines Zentrums, dass es dann doch auf verschiedene Orte verteilt wird. Aber es gibt eben mehrere Kompetenzzentren, die digitale Methoden in der Forschung stärken wollen", so Resch. Das Institut an der Akademie sei sehr schnell gewachsen, da es von der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung großzügig ausgestattet wurde und noch weitere Drittmittel einwerben konnte. An der Universität Innsbruck gibt es inzwischen ein Forschungszentrum Digital Humanities, die Universität Salzburg baut eine dhPLUS-Plattform auf.

Professuren in Graz und Wien

Im Jahr 2016 sind dann die ersten Professuren für Digital Humanities berufen worden. In Graz hat man die Stelle mit Georg Vogeler besetzt, in Wien mit Tara Andrews. Seit 2017 existiert in Graz ein eigenes Masterprogramm, in der Bundeshauptstadt kann man voraussichtlich ab Herbst 2020 ein entsprechendes Studium beginnen (siehe "Digital Humanities – Vom Schattencurriculum zum Schwerpunkt in der Lehre"). Außerdem gibt es bereits eine Vielzahl an Lehrveranstaltungen, die sich mit digitalen Angelegenheiten befassen, etwa in der Geschichte, Sprachwissenschaft oder Theaterwissenschaft, sowie Summer Schools und Weiterbildungsangebote.

Um die Sichtbarkeit der Digital Humanities zu erhöhen, wurde auch die Plattform Digital Humanities Austria (dha) aufgebaut. Hier können sich die Akteure vernetzen, ihre Projekte, Konferenzen und Tools bewerben, Kontaktmöglichkeiten anbieten sowie Ausschreibungen veröffentlichen. Was die Forschungsinfrastruktur betrifft, hat sich das Konsortium CLARIAH-AT gebildet, das die beiden europäischen Großprojekte CLARIN und DARIAH repräsentiert. "Was dort international diskutiert wird, beispielsweise Standards, die sich zu etablieren beginnen, oder rechtliche Fragen, das bringen wir auf die nationale Ebene", sagt Resch.

Thematisch entfallen die meisten Digital Humanities-Projekte in Österreich auf die Sprach-und Literaturwissenschaften (siehe "D!gital€ Spr@che"), Geschichte (siehe "Digital Geschichte(n) erzählen") und Archäologie. Bei letzterem zählt man international zu den führenden Nationen (siehe "Der digitale Archäologe"). Zurzeit bilden sich auch viele fachspezifische Gruppen, zum Beispiel die digitale Musikwissenschaft oder die digitale Kunstgeschichte.

Ein paar heimische Projekte haben es auch geschafft, international wahrgenommen zu werden. Die Palette reicht von ARCHE (ÖAW) über GAMS (Uni Graz) bis zum Repositorium der ÖNB. Auch die Forschungsplattform Transkribus an der Universität Innsbruck oder das Projekt KONDE(Kompetenznetzwerk Digitale Edition), das Vertreter von Gedächtnisinstitutionen und universitäre Forschungsinstitute zusammengebracht hat, sind anerkannte Infrastrukturen (siehe "Forschungsinfrastruktur: Leuchttürme, aber noch viel Luft nach oben").

Ungewissheit über "Time Machine"

Eine umfassende Digitalisierung von Europas Kulturerbe hat das Projekt "Time Machine" zum Ziel. Aus historischen Daten aus ganz Europa soll quasi ein "Big Data der Vergangenheit" werden. Im Herbst ist die "Time Machine Organisation" (TMO) gegründet worden, im Rahmen derer das Vorhaben verfolgt wird. Ihr Hauptsitz wird gerade in Wien aufgebaut, sagt der Präsident des internationalen Archivnetzwerkes ICARUS und "Time Machine"-Mitinitiator, Thomas Aigner (siehe "Projekt "Time Machine" will virtuelle Zeitreisen ermöglichen").

Im vergangenen Jahr war die Initiative einer von sechs Kandidaten im Rennen um die hohen Förderungen im Rahmen der EU-Flagship-Initiative, die inzwischen jedoch offiziell eingestellt wurde. Nun sollen einzelne Projekte auf der Basis von nationalen oder EU-Forschungsprogrammen vorangetrieben werden. "Ich bin neugierig, wie sich das entwickelt. Das Ganze steht und fällt mit der Finanzierung", ist Vogeler überzeugt. Das werde entscheiden, "ob man das nebenher in kleinen Schritten macht, oder in absehbarer Zeit Ergebnisse liefert".

"Das Projekt ist ein fantastisches Supernym für viele Herausforderungen, denen wir uns stellen sollten. Aber natürlich geht es auch darum, digitale Technologien auf die Agenda zu setzen und Aufmerksamkeit zu schaffen", so Resch. Derzeit würden Gespräche laufen, wie eine Wiener "Time Machine" aussehen könnte. Konkret gibt es Pläne, etwa Gebäude mit Hilfe von 3D-Technologien, historischen Quellen und vernetzten Daten zu rekonstruieren. Aber dafür sind erst Mittel einzuwerben – ein Problem, das man mit vielen anderen Projekten teilt.

Ruf nach Infrastrukturprogramm

Die Unterstützung für Digitalisierungsprojekte beispielsweise durch die go!digital-Ausschreibungen der ÖAW in den Jahren 2014, 2016 und 2018 ist in der Community sehr positiv aufgenommen worden (siehe "Digitale Geisteswissenschaften? Läuft!"). Allerdings besteht der Wunsch nach längerfristigen Programmen, da viele Vorhaben im Bereich Infrastruktur nicht in zwei bis drei Jahren umsetzbar sind. Gleichzeitig gibt es in diesem Bereich Probleme mit den Fördergebern. "Man bräuchte eigentlich neue Rahmenbedingungen oder ein spezielles Infrastrukturprogramm", ist Resch überzeugt. Insgesamt ist der FWF derzeit laut Studie die wichtigste "Bottom-up"-Finanzierungsquelle für die Digital Humanities.

"In Österreich gibt es bezüglich der Geldgeber immer ein Sonderproblem, weil die Kulturerbe-Institutionen nicht unter Wissenschaft ressortieren und dadurch die Forschung nicht mit den Finanzierungssystemen zusammenfindet", meint auch Vogeler. Der FWF lehne zu Recht und explizit Anträge ab, die rein infrastrukturell konzipiert sind, oder in dem die Entwicklung von Forschungssoftware im Vordergrund steht. "Hier geht man davon aus, dass das eigentlich keine Forschung ist. In den Digital Humanities ist die Grenze aber nicht sauber zu ziehen beziehungsweise ist das technische Tun Teil der Forschung. Damit wird es dann manchmal schwer. Es bräuchte systematische Digitalisierungsprogramme für das Kulturerbe", so der Professor gegenüber APA-Science.

Bisher seien viele Digitalisierungsaktivitäten, etwa an der ÖNB, aus eigener Initiative und Kapazität heraus gestemmt worden (siehe "Das digitale Gedächtnis Österreichs"). "Damit sind wunderbare Ressourcen für die Geisteswissenschaften entstanden, die aber nicht Teil eines Forschungsprozesses oder gar einer öffentlich konzipierten Strategie waren. Das hat die ÖNB hingekriegt, andere Institutionen waren da eher träge", so Vogeler. Eine Gruppe um Thomas Aigner vom Diözesanarchiv St. Pölten, die hier sehr früh engagiert war, sei letztendlich auf europäische Mittel ausgewichen, "weil national nichts passiert ist. Und das hat sich nicht geändert. Das systematische Digitalisieren von Kulturerbe-Objekten als öffentliche Aufgabe, auch als forschungsgeleitetes Programm, das gibt es hierzulande nicht", konstatiert Vogeler.

Unklarheit über Rollenverteilung

Aber auch an anderen Stellen dürfte es Auffassungsunterschiede hinsichtlich der Zuständigkeiten geben – einerseits zwischen Geisteswissenschaftern und Informatikern, andererseits zwischen Forschungseinrichtungen und Gedächtnisinstitutionen. "Ein Forschungsdatenrepositorium sollte eigentlich nicht von einem Universitätsinstitut betrieben werden, sondern von technischen Einrichtungen, sprich: Es gibt Nachholbedarf bei der Kooperation zwischen Wissenschaft und Gedächtniseinrichtungen", erklärt Johannes Stigler vom Austrian Centre for Digital Humanities an der Universität Graz.

Im Zuge der Digitalisierung des kulturellen Erbes könnten auch einschlägige Gedächtniseinrichtungen Aufgaben übernehmen, die dann nicht von jedem Universitätsstandort geleistet werden müssten. "Es gibt Themen, die genuin nicht unsere Tätigkeiten ausmachen. Der Aufbau der rein technischen Infrastruktur müsste nicht unbedingt Forschungsaufgabe sein", meint Stigler. Natürlich gebe es auch fachspezifische Fragen. Allerdings könnten hier durchaus Synergien erzeugt werden, wenn bessere Formen der Kooperation und der Institutionalisierung dieser Zusammenarbeit existieren würden.

Die ÖNB mache beispielsweise sehr innovative Sachen, habe aber klar nicht die Aufgabe, solche übergreifende Aufgaben wahrzunehmen. "Sie ist nicht in der Rolle des Anbietens von Servicedienstleistungen, wie das die deutsche Nationalbibliothek für den wissenschaftlichen Bereich im Rahmen ihres politischen Auftrages tun muss. Das ist sicher eine Situation, die nicht befriedigend ist", so Stigler.

"Was ich mir wünsche ist, dass in dem Feld so agiert wird, dass man voneinander lernt und füreinander Nachnutzbares produziert", meint auch Vogeler. In den Digital Humanities würden immer wieder Organisationsformen entstehen, deren vorrangiges Interesse es nicht sei Forschungsergebnisse zu produzieren, sondern einfach Arbeit zu verrichten. "Wenn eine Universitätsbibliothek beschließt, ein Repositorium aufzubauen, dann tut sie das meist mehr aus dem Interesse, das möglichst einfach und billig zu machen. Dabei werden Entscheidungen getroffen, die es nicht wahrscheinlich machen, dass es dann integrierbar ist und die Daten austauschbar sind. Da sollte man mehr voneinander lernen."

Geisteswissenschaft versus Technik

"Wichtig zu betonen ist, dass die Datenmodellierung und -aufbereitung auch eine wissenschaftliche Tätigkeit ist. Das stellt eine Grundvoraussetzung für alles Weitere dar", sagt Resch. Es müsse von der wissenschaftlichen Community entsprechend gewürdigt werden, wenn jemand digitale Editionen erstellt oder ein Korpus aufbaut (siehe "Digitale Editionen retten das kulturelle Erbe"). "Das ist keine bloße Hilfestellung oder Dienstleistung, sondern eine eigenständige, anspruchsvolle Tätigkeit, die oft viel zu wenig gesehen wird. Es ist nicht so, dass auf der einen Seite die Geisteswissenschafterinnen und Geisteswissenschafter sind und auf der anderen die Technikerinnen und Techniker, die das dann erledigen", so die Forscherin. Beide Seiten müssten gleichermaßen Interesse an einer Kooperation haben.

"Die Problemstellung kommt von den Geisteswissenschafterinnen und -wissenschaftern. Und manchmal interessiert sich eine Informatikerin oder ein Informatiker dafür und manchmal nicht", meint Vogeler. Bei Transkribus hätten die Informatikerinnen und Informatiker plötzlich Gefallen an alten Schriften gefunden und gemerkt, dass ihre Kompetenzen da auch einsetzbar sind. "Aber so ein Schub kommt selten, also dass die Ideen von der Informatik ausgehen. Dort, wo das nicht der Fall ist, bauen sich die Digital Humanities eigenständig Kompetenzen auf, weil sie auch um die Besonderheiten der Problemstellungen wissen. Die Informatik treibt die Entwicklung nicht, aber sie nimmt daran teil."

Ein Blick in die Zukunft

Was ist also in den kommenden Jahren zu erwarten? "Ich gehe davon aus, dass das Bewusstsein von Entscheidungsträgern im wissenschaftlichen Betrieb bezüglich digitaler Methoden schnell wächst. Viele Dinge, die heute experimentell sind, werden bis dahin etablierte Forschungswerkzeuge. Dazu gehört auch ein steigender Anteil an Geisteswissenschaftern, die ein erweitertes Verständnis vom Programmieren haben, weil es auch in ihrem Forschungsalltag immer wieder auftauchen wird. Das wird einsickern", prognostiziert Vogeler.

"Für die nächste Dekade erwarte ich eine Vertiefung und Ausdifferenzierung, die etwa mit der digitalen Textwissenschaft, der digitalen Archäologie, der digitalen Kunstgeschichte und der digitalen Musikwissenschaft schon begonnen hat", so Resch. Zu hoffen sei auch, dass sich Standards und Best Practises weiter etablieren und sehr bald unterrichtet werden können. Bestehende Tools sollten in den nächsten Jahren noch nutzerfreundlicher werden und neue Services das DH-Inventar erweitern.

"Ich würde hoffen, dass die Digital Humanities in zehn Jahren ein anerkanntes, mit Fördermitteln und Lehrstühlen ausgestattetes akademisches Feld sind, das die geisteswissenschaftlichen Disziplinen weiterhin stärkt, inspiriert und herausfordert. Ich hoffe auch, dass mehr und mehr Forschende von der Wiederverwendung digital erstellter Daten überzeugt werden können und man sich mit den Resultaten noch stärker der Gesellschaft öffnen kann", erwartet Resch.

Von Stefan Thaler / APA-Science

Service: Das vollständige Dossier ist unter science.apa.at aufrufbar

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