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Experten diskutieren Sicherheit von neuartigen Materialien in Wien

10.03.2020

Ultraleichte Metallschäume, Kunststoffverpackungen, die Lebensmittel haltbarer machen, und Textilien, die auf den Körper einwirken - nützliche "Innovative Materialien" werden entwickelt und marktreif, während ihre Sicherheit und Unbedenklichkeit gewährleistet sein muss. Was es alles gibt und wie Forschung, Industrie und Behörden damit umgehen sollen, erörtern Experten in Wien.

Bis vor kurzem waren vor allem die Nanomaterialien im Gespräch. Mittlerweile sind eine Reihe von anderen Stoffen dazugekommen, die einerseits praktischen Nutzen versprechen, von denen man aber nicht weiß, wie sie sich langfristig in der Umwelt verteilen und auswirken, erklärte Andre Gazso vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch mit der APA. Zusammengefasst werden diese "Innovativen Materialien" unter dem Begriff "Advanced Materials".

Dabei handelt es sich zum Beispiel um "aktive Materialien", die auf einen Außenreiz wie einen Temperaturanstieg oder mechanische Belastung reagieren und dadurch ihre Eigenschaften ändern. Auch Verbundmaterialien (Komposite) gehören dazu, die gänzlich andere Eigenschaften haben als ihre Einzelkomponenten und demnach auch von der gesetzlichen Regulierung in der Produktion sowie beim Recycling anders behandelt werden müssen. "Nanomaterialen passen weiterhin in diese Gruppe, ebenso wie von der Natur abgeschaute, sogenannte biomimetische Stoffe", erklärte der Experte. Ein weiterer Trend wären Ultraleichtbaustoffe wie Metallschäume, aus denen man formgebende Elemente im Automobil- und Flugzeugbau herstellt und Textilien, die nicht gewoben, sondern gedruckt werden.

Projekt "NanoTrust" bewahrt den Überblick

Den Überblick über all diese Entwicklungen zu gewinnen und zu bewahren ist unter anderem Ziel des "NanoTrust" Projekts der ÖAW, erläuterte Gazsos Kollegin Gloria Rose. Dies geschieht nicht nur für die Forscher, Politiker und Behörden, sondern auch für die Öffentlichkeit in Form von Dossiers, die allgemein verständlich geschrieben für alle zugänglich und vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung bereitgestellt werden.

In welche Richtlinien diese Stoffe fallen, ist unterschiedlich: Lebensmittelverpackungen sind mit der Verpackungsverordnung abgedeckt, neuartige Lebensmittel würden in die "Novel Food" Verordnung fallen. "Komplizierter wird die Sache bei Hybrid-Anwendungen: Ein intelligentes Kleidungsstück, das zum Beispiel die Körperdaten seines Trägers übermittelt und mittels Biofeedback wieder den Körper beeinflusst, könnte zu den Textilien genauso wie zu den Medizinprodukten gehören", so Gazso, der auch Vorsitzender der "Nanoinformationskommission" des Gesundheitsministeriums ist.

Was bei allen "innovativen Materialien" gleich sei ist, dass die Erfahrungswerte damit fehlen, sagte er. Bei den Nanomaterialien habe man unter anderem mit Hilfe des seit 2007 laufenden Projekts "NanoTrust" des ITA sehr gut gelernt, damit adäquat umzugehen: Zunächst müsse man die Forschungslage inklusive toxikologischer Effekte recherchieren und die verfügbaren Forschungsergebnisse bewerten, um zu klären, wie eine sichere Anwendung funktioniert. Zweitens gälte es Personen, Institutionen und Fachdisziplinen zu identifizieren, die sich damit beschäftigen, und sie an einen Tisch zu holen. Dort sollte ein breiter, transdisziplinärer Diskurs stattfinden. Anschließend wird festgestellt, welche Materialien überhaupt für einen Regulierungs- und Sicherheitsforschungs-Prozess relevant sind. "Genau dies ist Sinn der aktuellen Veranstaltung", erklärte Gazso.

Unabhängige Sicherheitsforschung

Wichtig sei in jedem Falle, dass die Sicherheitsforschung zu neuen Materialien unabhängig ist. Die einzige Möglichkeit dazu, sei, dass sie von öffentlichen Institutionen durchgeführt und von staatlichen Stellen bezahlt wird. Dies passierte zum Beispiel im österreichweiten "NanoAdd" Projekt der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien, so ITA Forscherin Anna Pavlicek: "Hier wurden vor allem 'Advanced Materials' als Additive in Kunststoffen angeschaut, die zum Beispiel in Autoreifen die Eigenschaften des Gummis beeinflussen". Laut noch nicht veröffentlichten Forschungsergebnissen würde "erstaunlich viel Abrieb in die Umwelt gelangen", erklärte sie.

Für die Forscher gälte es über viele Jahre hinweg immer die neuesten Entwicklungen zu beobachten, meint Gazso: "Wir haben immer bewegte Ziele vor uns, es kommen immer neue Daten dazu, genauso wie Aussagen über mögliche Risiken und Bedrohungen, die man im Auge behalten muss." Deshalb sei die Aktualisierung und ständiger Kontakt mit allen Beteiligten von der Industrie bis zu den Behörden unumgänglich.

Die Situation in Europa sehen die Experten als "wesentlich besser" an als in anderen Teilen der Welt inklusive der USA. Es gäbe hier auf dem "Alten Kontinent" eine Sicherheitskultur auf Basis des Vorsorgeprinzips, das auch vorsieht, öffentliche Sicherheitsbedenken aktiv zu integrieren, indem Konsumenten stark in den Bewertungsprozess eingebunden werden.

Die "12. NanoTrust Tagung des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW" findet Dienstag in Wien statt. Mehr als 30 Experten erörtern hier wie Risiken und Ungewissheiten im Kontext von neuen oder modifizierten Materialien mit einzigartigen oder verbesserten Funktionalitäten gehandhabt werden können, so die Veranstalter. Insbesondere soll die Erweiterung der Sicherheitsforschung von der Nanotechnologie auf andere Materialien diskutiert werden.

Service: http://go.apa.at/UcHd6BbG

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