Bildung

Martin Ebner © Ebner
Martin Ebner © Ebner

#CoronaAlltag: Wenn ein Lehrbetrieb sich neu erfinden muss

03.04.2020

Martin Ebner, Technische Universität (TU) Graz

Das öffentliche Leben, den Sport, die Wirtschaft und die Bildung: Ein neuartiges Virus in Österreich veränderte innerhalb weniger Tage alles. Doch während die "Coronakrise" viele Bereiche vollkommen lahmlegte, legten Österreichs Bildungseinrichtungen sprichwörtlich den Schalter um. Praktisch über Nacht wechselten wir vom Präsenzbetrieb in die digitale Lehre - ein Terrain, in dem Österreichs Hochschulen an und für sich schon viel Erfahrung haben (Bratengeyer et al, 2016). Online-Kurse, E-Learning-Plattformen, Webinare und sogenannte MOOCs ("Massive Open Online Courses") gibt es schließlich nicht erst seit Start dieses Sommersemesters. Doch trotz flächendeckender Learning-Management-Systeme waren die Hochschulen in den letzten Wochen mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Situation war vergleichbar mit der jahrelangen Vorbereitung auf einen Sturm, der sich letztendlich als Tsunami entpuppt.

In kurzer Zeit von 10 auf 100 Prozent

So haben es zumindest wir an der Technischen Universität Graz erlebt. Während wir in "Normalzeiten" 10 Lehrveranstaltungen über unser TU Graz eigenes Videoportal TUbe streamen und viele digital begleiten, sollten jetzt plötzlich alle Pflichtlehrveranstaltungen der TU Graz digital werden - und viele weitere Wahllehrveranstaltungen, Übungen etc. Wir widmeten uns dann sofort jenen mit großen Hörendenzahlen.

Gleich zu Beginn des Prozesses war es für uns wichtig, schnell einen Plan zu entwickeln, wie wir den digitalen Lehrbetrieb aufrechterhalten können, ja mehr noch, wie wir diesen exorbitanten Anstieg an digitalen Lehrveranstaltungen zur Zufriedenheit der Lehrenden und Studierenden bewältigen können. Uns kam dabei zugute, dass wir uns bereits in den Wochen vor Inkrafttreten der Corona-Maßnahmen - noch intensiver als sonst - mit anderen Universitäten ausgetauscht und überlegt hatten, welche Möglichkeiten es im Fall des Falles gab.

Das digitale Angebot der TU Graz

Unsere (drei) Antworten auf den Ernstfall waren erstens Live-Übertragungen der großen Pflichtlehrveranstaltungen aus den großen Hörsälen der TU Graz. Dank der technischen Infrastruktur ist es in diesen Sälen möglich, den Lehrbetrieb mit Livestreams von "Geistervorlesungen" weiterzuführen - also Vorlesungen, bei denen die Lehrenden im Hörsaal vor leerer Kulisse sprechen, anstatt wie üblich vor weit über 200 Studierenden.

Für kleinere Veranstaltungen sahen wir in Live-Streamings und Live-Webinaren über WebEx eine Möglichkeit. Denn zum einen haben alle TU Graz-Angehörigen eine Lizenz für dieses Videokonferenzsystem. Zum anderen funktioniert dieses System auch dann noch störungsfrei, wenn mehrere Dutzend Personen gleichzeitig darauf zugreifen.

Neben diesen beiden Varianten gab es noch die Option, Lehrveranstaltungsinhalte mit unterschiedlichen Programmen aufzuzeichnen und dann asynchron anzubieten - auf unserer Videoplattform TUbe oder im TU Graz TeachCenter. Über diese webbasierte Lehr- und Lernplattform können auch sonst digitale Lehr- und Lerninhalte jeglicher Art bereitgestellt werden. Studierende können natürlich auch andere digitale Möglichkeiten nutzen wie Online-Abgaben oder Self-Assessments.

Proaktives Anleiten und infrastrukturelle Hausaufgaben

Wie kann man rund 2.000 Lehrende und 16.000 Studierende unterstützen, damit sie sich von heute auf morgen in der Distanzlehre zurechtfinden? Mit umfassenden Kommunikationsmaßnahmen und ganz viel personeller Unterstützung. Wir schufen im Intranet der TU Graz einen Kommunikations-Hub mit allen technischen Anleitungen zu den digitalen Lehrsystemen. Für Fragen zur digitalen Lehre wurde ein zentraler E-Mail-Service eingerichtet. In Aussendungen wurden alle Lehrenden über die Maßnahmen informiert und ersucht, in den Modus der digitalen Lehre zu wechseln und auch ihre Studierenden darauf vorzubereiten. Ob telefonisch, per E-Mail oder in Videokonferenzen: Mit allen verfügbaren Medien wurden Lehrende in der Umsetzung unterstützt.

Damit die Server nicht an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, stockten wir parallel zum Informationsprozess die technische Infrastruktur auf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des technischen Supports wurden in mehrere redundante Gruppen eingeteilt. Zum einen, um die Arbeitslast besser zu verteilen. Zum anderen, um im Falle einer Corona-Ansteckung nicht das gesamte Team aufgrund der notwendigen Quarantäne zu verlieren.

Neben den operativen Maßnahmen wurde auf strategischer Ebene eine "Task Force Lehre" gegründet, die mit dem Vizerektor für Lehre an der Spitze das Vorgehen koordiniert und sowohl organisatorisch als auch logistisch Struktur in die Arbeit bringt. Eine interne Einheit der Lehr- und Lerntechnologien forciert dabei einen schnellen First-Level-Support. Dieser erfolgt - aufgrund der verhängten Ausgangsbeschränkungen und der Homeoffice-Pflicht - seit dem zweiten Tag örtlich getrennt über Videokonferenzen.

Angekommen im digitalen Lehr-Alltag

Knapp zwei Wochen nach Start der Distanzlehre an der TU Graz sehen wir, dass die Maßnahmen greifen. Mehr als 200 Pflichtveranstaltungen werden derzeit online abgewickelt und wir erleben eine enorme Aufbruchsstimmung. Erste Reaktionen zeigen, dass viele Vortragende ihre Lehre möglichst gut weiterführen wollen und unglaublich motiviert ans Werk gehen. Einige haben bereits Online-Webinare mit rund 100 Studierenden abgehalten. Andere ließen sich vom Hörsaal aus übertragen, ihnen sahen dabei oft mehr als 400 Studierende online zu. Schon in der ersten Online-Woche wurden mehr als 500 Videopräsentationen erstellt und hochgeladen. Pro Tag verzeichnen wir zwischen 750 und 1.000 WebEx-Meetings. Und den Streaming-Stresstest von mehr als 2.500 gleichzeitigen Zusehern und Zuseherinnen hat unser System auch bereits erfolgreich bestanden.

Nun bereiten wir uns auf die nächste schwierige Phase vor - es gilt, die Interaktion mit den Studierenden online weiter zu erhöhen und sie in ihrer Lernphase zu begleiten. Eine weitere Herausforderung des digitalen Lehralltages.

Literatur: Bratengeyer, E., Steinbacher, P., Martina, F., Neuböck, K., Kopp, M., Gröblinger, O., & Ebner, M. (2016). Die österreichische Hochschul-E-Learning-Landschaft. Book on Demand

Zur Person: Priv.-Doz. Dr. Martin Ebner ist Leiter der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien an der TU Graz und ist dort für sämtliche E-Learning-Belange zuständig. Er forscht und lehrt als habilitierter Medieninformatiker (Spezialgebiet: Bildungsinformatik) am Institut für Interactive Systems and Data Science. Seine Schwerpunkte sind Seamless Learning, Learning Analytics, Open Educational Resources, Making und informatische Grundbildung.

Service: Dieser Gastkommentar ist Teil der Rubrik "Corona - Geschichten aus dem Krisen-Alltag" auf APA-Science: http://science.apa.at/CoronaAlltag. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor/der Autorin.

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