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Demokratische Strukturen oft ausbaufähig © APA (AFP)
Demokratische Strukturen oft ausbaufähig © APA (AFP)

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Studie: Häuptlinge regieren genauso gut wie gewählte Vertreter

08.04.2020

Traditionelle Oberhäupter im südlichen Afrika regieren ebenso gut wie gewählte Amtspersonen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal "Science Advances" publizierte sozialwissenschaftliche Studie, an der auch Finanzwissenschafter der Universität Innsbruck beteiligt waren. Untersucht wurden dafür unterschiedliche Formen der Führung in Dörfern in Namibia.

Ausgangspunkt der Studie war die politische Lage im seit 1990 unabhängigen Staat. Dort gibt es erst seit ca. 20 Jahren demokratische Basisinstitutionen auf lokaler Ebene. Oft bestehen außerdem parallel traditionelle Autoritäten weiter.

Für ihre Untersuchung wählten die Wissenschafter um Esther Blanco (Uni Innsbruck) und Björn Vollan (Uni Marburg) auf Zufallsbasis 32 ländliche Gemeinden aus. Aus jedem Dorf nahmen das traditionelle Oberhaupt, die demokratisch gewählten Obleute der Wasserentnahmestelle und zwölf Einwohner teil, insgesamt also 64 lokale Anführer sowie 384 Bürger. Anschließend erhielten die Führungspersonen verhaltensbezogene Aufgaben - etwa die Verteilung von Geld oder die Bestrafung von Fehlverhalten. So sollte etwa herausgefunden werden, wie fair diese entscheiden bzw. ob sie Verwandte bevorzugen. Außerdem wurden Oberhäupter wie Dorfbewohner zu den Regierungspraktiken der jeweiligen Führungspersönlichkeiten befragt. Darüber hinaus verglichen die Forscher die Studienregion mit bereits vorliegenden Umfragedaten aus anderen Gegenden Afrikas.

Vetternwirtschaft seltener

Resultat: Die lokalen Häuptlinge agierten nicht schlechter als die Wahlbeamten. Sie setzten demnach sogar faire und demokratische Entscheidungsverfahren etwas besser um bzw. neigten noch etwas seltener zu Vetternwirtschaft. Beide Führungsgruppen zeigten außerdem ähnliche soziale Präferenzen und Persönlichkeitsmerkmale. "Überraschenderweise gibt es keine Unterschiede zwischen den Obleuten, wenn man sie nach ihren Einstellungen zu demokratischen Wahlen, nach der Rechenschaftspflicht gegenüber den Dorfbewohnern oder nach Korruption fragt", so Blanco in einer Aussendung. Dies stimmte auch mit der Wahrnehmung der Dorfbewohner überein. Diese waren sogar insgesamt zufriedener mit der Leistung der traditionellen Oberhäupter.

Einschränkung der Autoren: Untersucht wurden nur Gemeinden mit nebeneinander bestehenden traditionellen wie gewählten Oberhäuptern. "Die Koexistenz der unterschiedlichen Führungstypen könnte dazu führen, dass alle höhere Ansprüche an ihr eigenes Verhalten stellen", meinte Blanco.

Abstimmungen nicht geheim

Die Forscher stellten auch fest, dass die Umsetzung demokratischer Strukturen in den Dörfern nicht in Idealform passierte. So wurden etwa Abstimmungen nicht geheim durchgeführt. "Die traditionellen Autoritäten hingegen übertreffen die erwarteten Standards häufig, indem sie legitim und rechenschaftspflichtig agieren und bei den Dorfbewohnern beliebt sind", so Blanco. Eine Lösung sehen die Forscher in einer Kooperation: "Auf den traditionellen Institutionen aufzubauen oder mit ihnen zusammen zu arbeiten, statt sie aus Angst vor Despotismus links liegen zu lassen, könnte auf Dauer Vorteile für die Gemeinden in der Subsahara-Region bringen", betonte Vollan.

Service: https://dx.doi.org/10.1126/sciadv.aay7651

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