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Den Vorwurf der Untätigkeit der EU lässt Nowotny nicht gelten © APA (HERBERT PFARRHOFER)
Den Vorwurf der Untätigkeit der EU lässt Nowotny nicht gelten © APA (HERBERT PFARRHOFER)

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Coronavirus - Helga Nowotny: "Es gibt Grundvertrauen in Wissenschaft"

16.04.2020

Wenn in Zeiten der Coronakrise Menschen an den Lippen von Virologen oder Simulationsexperten hängen, ist sie kaum mehr zu spüren, die oft diskutierte Abwendung großer Bevölkerungsteile vom faktenbasierter Diskurs. Für die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny ist hier eine deutliche Veränderung spürbar, wie sie zur APA sagte: "Es gibt also eine Art Grundvertrauen in die Wissenschaft".

Dieses Vertrauen wurde offenbar durch "die populistischen Anschuldigungen" - allen voran von US-Präsidenten Donald Trump - eher verschüttet denn wirklich zerstört. Zwar steuerte die wissenschaftliche Community just im April vor drei Jahren etwa mit dem weltweiten "March for Science" öffentlichkeitswirksam der wachsenden Skepsis entgegen, der Corona-Effekt ist nun aber deutlich größer.

Wissenschaft soll Antwort geben

"Wenn die Not groß ist, weiß man, wohin man sich wenden muss. Jetzt ist die Not groß und wer, wenn nicht die Wissenschaft soll Antworten geben?", so die Forscherin und frühere Präsidentin des Europäischen Forschungsrates (ERC). Auch wenn es weiter der Politik obliegt, Maßnahmen zu verhängen und Regeln zu erlassen, steckt dahinter gerade spürbar viel Arbeit von Experten aus unterschiedlichsten Fachgebieten.

Hier zeige sich auch: "Wir brauchen mehr gelebte Interdisziplinarität", betonte die Wissenschaftsforscherin. "Die Krise hat auch gezeigt, dass man nicht sehr weit kommt, wenn man nur Virologen oder Epidemiologen beisammen hat. Es braucht zusätzlich die Modellierer aus der Komplexitätsforschung und ebenso die Sozialwissenschaften. Das ist schon ein Umdenken, das hoffentlich bleiben wird." In der Forschungsförderung mit ihren oft langfristigeren Zyklen sehe man jetzt auch Beispiele für sehr rasch vergebene Mittel für Projekte zum Corona-Ausbruch, sowie die Möglichkeit bei bereits bewilligten Projekten die Fragestellung flexibel anzupassen. Das Virusgenom wurde in Rekordzeit öffentlich zugänglich gemacht und die internationale Zusammenarbeit habe bestens funktioniert.

Nicht zuletzt zeige die Coronakrise die zentrale Rolle der rein ideen- und neugierdegeleiteten Grundlagenforschung auf. Wenn jetzt alle nach einem schnell verfügbaren Impfstoff fragen, dann ist eine derart rasche Neuentwicklung ohne die Grundlagenarbeit der vergangenen Jahrzehnte undenkbar. Das Virus gibt uns noch viele Rätsel auf, die Pionierarbeit verlangen, bei der eben nicht immer klar gesagt werden kann, welche Erkenntnisse zu erwarten sind. Das sei auch eine Art Rückversicherung für den Umgang mit unvorhersehbaren Entwicklungen aller Art. "Letztendlich kommt uns das eindeutig zugute. Wir brauchen die Grundlagenforschung, denn es wird auch eine nächste Krise kommen. Wir wissen nur nicht wann und wo", sagte Nowotny.

Vielfältige Zugänge zu Krisenmanagement in Europa

Der Umgang mit der Krise wiederum stellt sich von Land zu Land bekanntlich sehr unterschiedlich dar. Europa falle hier "vor allem durch seine vielfältigen Zugänge positiv und negativ auf". Auf der positiven Seite sieht Nowotny eindeutig Österreich: "Es ist hier gelungen, relativ früh mit vernünftigen Maßnahmen mit der Krise umzugehen." Wenn man sich etwa ansehe, wie restriktiv die Maßnahmen etwa in Frankreich gehandhabt werden, sei die Situation hierzulande gut. "Italien war einfach überfordert", was sich auch in mitunter panischen politischen Reaktionen äußerte. Nowotny: "Wenn man Mailand zumacht, springen natürlich alle dort ansässigen Sizilianer in den Zug und tragen das Virus nach Sizilien."

Im Angesicht der Krise kommen auch soziale Ungleichheiten in Staaten und deren Gesundheitssystemen deutlich zum Vorschein. "Das erleben wir in den Vereinigten Staaten ganz dramatisch", so die Wissenschafterin. Dort sei spürbar, wie sehr die Krise mit dem sozioökonomischen Status und der Zugehörigkeit zu ethnischen Minderheiten zusammenhängt. "Die arme, und nochmals mehr die arme, schwarze Bevölkerung wird dort überproportional stärker getroffen." Ähnliches sehe man in Europa allerdings auch und vor allem dort, wo Gesundheitssysteme unter starkem Spardruck stehen.

Den Vorwurf der Untätigkeit der EU lässt Nowotny nicht gelten. Man dürfe nicht vergessen, dass Brüssel im Gesundheitsbereich keine Kompetenzen hat. Es zeige sich aber auch, dass die EU nicht viel tun kann, "wenn plötzlich die Grenzbalken hinuntergehen" und etwa Länder wie Deutschland Lieferungen mit Schutzausrüstungen nicht mehr ausreisen lassen oder Ungarn Pflegerinnen aus Rumänien nicht nach Österreich durchlässt. Dass aber wiederum der EU anzulasten, sei "unfair".

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