Bildung

Die Donau und ihre Seitenarme formen den Nationalpark Donauauen © APA (Anna Riedler)
Die Donau und ihre Seitenarme formen den Nationalpark Donauauen © APA (Anna Riedler)

Wandern im Wandel - drei Nationalparks in drei Tagen

03.07.2020

Von Flusslandschaften über Salzlacken hin zu sonnenbeschienenen Buchenwäldern haben die drei optisch völlig unterschiedlichen Nationalparks Donauauen, Seewinkel und Thayatal eines gemeinsam: Alle Lebensräume befinden sich in einem Wandel. APA-Science hat sich auf eine Reise durch die Schutzgebiete im Osten Österreichs begeben.

Eingebettet zwischen Wien und Bratislava, umzingelt von Industrie, Flughafen und lärmenden Straßen liegt der Nationalpark Donauauen. Hier findet man ein "Mosaik an Lebensräumen", deren gestalterische Kraft die Donau ist, betont Nationalparkdirektorin Edith Klauser. Der sonst schon recht abgedroschene Ausspruch Panta Rhei, alles ist im Fluss, war niemals zutreffender als in den Auwäldern um die Donau.

Holzsäulen und Tafeln markieren den Beginn des Nationalparks. Wer ihn betritt, bemerkt das auch an der steigenden Luftfeuchtigkeit. Von den 9.615 Hektar (das sind mehr als 13.400 Fußballfelder), die zu zwei Dritteln aus Auwald bestehen, sind 300 Hektar als Kernzone deklariert und somit für Besucher kaum zugänglich.

Aus Wald wird Wasser - und umgekehrt

Die Landschaft befindet sich in einem ständigen Wandel. "In 100 Jahren hat hier nur ein Prozent der Landschaftsfläche nicht mindestens einmal zwischen Fluss und Land gewechselt", so Christian Baumgartner, Leiter des Bereiches Natur und Wissenschaft. Die Dynamik der Flusslandschaft geht von den Donau-Seitenarmen aus, die ständig wandern - und die Aulandschaft wandert mit.

Dadurch, dass der Fluss sich bewegt und im Verlauf von wenigen Jahrzehnten so aus Wasser Wald und wieder Wasser macht, gebe es hier eine enorme Vielfalt an Stadien. Um diese Dynamik zu gewährleisten, ist es ein zentrales Vorhaben des Nationalparks, die Seitengewässer an die Donau anzubinden und durch Einstromöffnungen mit mehr Wasser zu versorgen. Schneidet man die Seitenarme von der Donau ab, können sie nicht genug Wasser führen, um die Au im Wandel zu halten.

Charakteristisch für das Landschaftsbild sind die mannshohen Brennnesselwälder und das viele Totholz, das durch die hohe Feuchtigkeit viel schneller zersetzt wird als in gewöhnlichen Wäldern und Lebensraum für unzählige Organismen ist. Die in den Auwäldern heimischen Baumarten haben eine verhältnismäßig kurze Lebenszeit von rund hundert Jahren. Wozu auch älter werden, wenn der Fluss sich das Gebiet ohnehin in einigen Jahrzehnten wieder zurückholt?

Zerstören, um zu schützen

Um ebenjene Auwälder, die das Landschaftsbild neben den Gewässern am meisten prägen, längerfristig zu erhalten, müsse man sie töten, erklärt Baumgartner, denn Auwälder sind nicht verjüngungsfähig - wenn man nicht eingreife, werde irgendwann ein ganz normaler Wald daraus. In einer Welt, in der rundherum alles reguliert wird, benötigt die Au Hilfestellung bei der eigenen Verjüngung. "Auwald gibt es immer nur, wenn es Auwald-Zerstörung gibt. Die Glasglocke über dem Auwald erhält ihn nicht." Durch die Zerstörung beginne der Zyklus von vorne.

In den Gewässern, Wäldern, Wiesen und Kiesstränden leben rund 8.000 Arten, die perfekt an die starken Schwankungen angepasst sind. Ein charakteristischer Vertreter der Fauna des Nationalparks ist der Seeadler, der lange Zeit als ausgestorben galt. Mittlerweile gibt es in den Donauauen wieder sechs Brutpaare. Neben 100 Brutvogelarten kommen dort acht Reptilien-,13 Amphibien- und 30 Säugetierarten vor. Dass der Nationalpark ehemaliges habsburgerisches Jagdgebiet war und nach Ende der Monarchie in Bundeseigentum überging, davon zeugen auch die gesunden Wildbestände, die ihre Spuren in den Kiesstränden an den Ufern hinterlassen. Auch eingeschleppte Arten wie die chinesische Teichmuschel lassen sich blicken. Die handtellergroßen Muscheln haften an Booten an und gelangen so von Asien in die Donau, erklärt Baumgartner. Übrigens: Zwei ursprünglich in den Auen vorkommende Arten haben die menschliche Kultur besonders bereichert und sind nach anstrengenden Wanderungen in verarbeiteter Form gern gesehen: Hopfen und Wein.

Vor dem Klimawandel fürchtet sich Baumgartner nicht - sehr wohl aber vor den menschlichen Reaktionen darauf: Wasserkraftwerke und Wasserentnahmen für landwirtschaftliche Bewässerung könnten die Donau und ihre Seitenarme in zivilisierte Bahnen lenken und ihnen die gestalterische Kraft rauben, die sie brauchen, um der Au ihren Stempel aufzudrücken.

Aus dem Brennnesselwald in die Steppe

Weiter südlich, an der Grenze zu Ungarn, liegt der Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel. Topografisch tiefer gelegen als der Rest Österreichs, ist auch das Klima anders: trocken, kontinental, aber trotzdem (weil am tiefsten Punkt eben alles zusammenrinnt) ein Feuchtgebiet. Der Park umfasst auf burgenländischer Seite knapp 9.600 Hektar Fläche, auf ungarischer Seite sind es sogar 23.700. Zentrales Thema hier, wie auch im Logo des Parks ersichtlich, sind die Vögel. Ungefähr 360 Arten konnten nachgewiesen werden, 178 davon dient das Gebiet als Brutplatz, für viele Arten ist es als Rastplatz bei der Überwinterung von großer Bedeutung. Ein Paradies nicht nur für Vögel, sondern auch für Touristen, die hier nicht auf der Suche nach dem besten Selfie, sondern Sumpfhuhn, Stelzenläufer oder Schnatterente sind.

Neben dem Schilfgürtel -nach dem Donaudelta Europas größter Schilfbestand-, Wiesen und Weiden, sind es vor allem die Salzlacken, die für diesen Nationalpark charakteristisch sind. Entstanden sind die Lacken nach der letzten Eiszeit. Die Eislinsen, sie sich damals als Vorläufer der heutigen Lacken gebildet hatten, verhinderten, dass sich Schotter von der Donau ablagern konnte. Als die Linsen schmolzen, ließen sie Vertiefungen zurück, die sich mit Wasser füllten. Sie befinden sich in einem ständigen Wechsel zwischen trockenen Salzwüsten und überfluteten Sumpflandschaften - zumindest noch.

Den Lacken geht das Wasser aus

Denn damit sich eine Lacke mit Salzwasser füllt, braucht es zweierlei: Einerseits Regen, damit sich die nach unten hin abgedichtete Lacke mit Wasser füllen kann. Andererseits einen Grundwasserpegel, der bis zum Lackenboden reicht, damit das Salz aus dem Grundwasser über Kapillaren durch den abgedichteten Boden dringen und in die Lacke gelangen kann.

Ist der Grundwasserpegel dauerhaft niedrig, gibt es nicht genug Salz-Nachschub für die Lacke, und sie verschwindet, erinnert sich Harald Grabenhofer, Leiter der Abteilung Monitoring, Forschung und Citizen Science, an viele Salzflächen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, die mittlerweile so gut wie verschwunden sind.

Ein Paradies namens Hölle

Bewaffnet nur mit einem aus einer alten Plastikflasche gebastelten Schöpfer macht sich Grabenhofer auf den Weg in die "Hölle". Warum das Gebiet am östlichen Ufer des Neusiedler Sees (nördlich vom angrenzenden Oberen Stinkersee) so heißt, ist nicht restlos geklärt. Vielleicht stamme der Name vom Mittelhochdeutschen Wort "Helja", eine Bezeichnung für die am weitesten von einem Dorf entfernte Nutzfläche. Vielleicht heiße es auch wegen der vielen Gelsen so, scherzt der Forscher und schöpft Wasser aus einer Salzlacke in einen Kübel, um die Salinität zu messen. Das Messgerät zeigt 3.000 Mikrosiemens pro Zentimeter (mS/cm), ein Wert, der aufgrund des vorangegangenen Regens erst einmal niedrig ist - für eine Salzlacke. Der Salzgehalt von Leitungswasser beträgt nur rund 600 mS/cm. Von den 130 Lacken, die es 1858 noch gab, sind bis 2006 nur mehr 48 übrig geblieben, mittlerweile sind es nur noch 45. Dabei wäre der Erhalt der Salzwiesen, -steppen und -lacken besonders wichtig, betont Grabenhofer, weil dieser Lebensraumtyp EU-weit fast nur hier zu finden ist.

Erste Hilfe für die Lacken

Die größte Bedrohung stellt auch im Seewinkel nicht der erwartete Klimawandel dar, sondern vielmehr der Verbau durch Siedlungserweiterung und die Absenkung des Grundwasserspiegels durch Kanalisation und Entwässerungsgräben sowie Grundwasserentnahme durch die Landwirtschaft. Erste Hilfe leistet der Nationalpark durch Rückstauungsmaßnahmen in Entwässerungsgräben, um das Wasser in der Region zu halten.

Wer über die flachen Blumenwiesen und von Tümpel zu Tümpel wandert, vielleicht mit einem Feldstecher bewaffnet auf der Suche nach Seeregenpfeifer oder Limikolen (wer Graugänse sehen möchte, kann sich das Fernglas sparen - mit 1.500 Brutpaaren handelt sich das Brutvorkommen um den Neusiedler See immerhin um das größte Österreichs), der wird auf der Pirsch auch der einen oder anderen Herde ungarischer Steppenrinder begegnen. Die Beweidung ist kein Widerspruch zur Naturbelassenheit, sondern so wie die Rückstauungsmaßnahmen eine Methode, um die Lebensräume zu erhalten. Denn in und um degradierte Lacken, deren Salzgehalt sinkt, kommt es zu einer Ansiedelung von Arten, die unter salzhaltigeren Bedingungen nicht gedeihen würden (beispielsweise Schilfgras) und den Boden mit ihrem Wurzelwerk durchlöchern. Die Rinder wiederum fressen das Schilf und legen die bewachsenen Flächen frei.

Ein Verlust der Salzlacken sei nicht nur für die Arten eine Katastrophe, sondern hätte auch wirtschaftliche Folgen, gibt Grabenhofer zu bedenken. Corona sei nur ein Vorgeschmack auf das gewesen, was kommen werde, wenn es keine Lacken und deshalb keine Vögel mehr zu besichtigen gibt und deshalb die Touristen der Region dauerhaft fernbleiben.

Es war einmal im Thayatal

Von der Steppe führt die Reise weiter in den Norden. Der Nationalpark Thayatal ist der kleinste der sechs österreichischen Nationalparks, die seit 2011 unter dem gemeinsamen Dachverband Nationalparks Austria zusammengeführt sind. Der Park, der zu über neunzig Prozent aus Wäldern besteht, taucht vor dem Besucher auf wie ein von einem Magier aus dem Hut gezaubertes Kaninchen. Plötzlich wird aus flachen, bewirtschafteten Feldern eine Tallandschaft mit grünen Schluchtenwäldern, soweit das Auge reicht. Am Talboden schlängelt sich die namensgebende Thaya entlang, auf den gegenüberliegenden Hängen stechen hellgrüne blühende Linden zwischen sattgrünen Wipfeln hervor.

Beobachter fühlen sich in einen Märchenwald versetzt, komplett ausgestattet mit Burg und mittelalterlicher Stadt. Mit 80 Einwohnern und 120 Häusern ist Hardegg im nördlichen Niederösterreich die kleinste Stadt Österreichs. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ist Tschechien zu sehen. Die Umgebung des Eisernen Vorhangs, der die beiden Länder bis 1989 trennte, wurde von beiden Seiten gemieden. "Das hat die Nationalparksidee vorweggenommen", so Direktor Christian Übl. Die Natur nutze das Fehlen menschlicher Aktivität in dem Gebiet und bildete ein grünes Band, das beide Länder bis heute gemeinsam schützen.

Hier sind auf nur 0,016 Prozent (1.360 Hektar) der Fläche Österreichs 44 Prozent der österreichischen Flora und Fauna vertreten. Zusammen mit dem tschechischen Anteil stehen 7.700 Hektar unter Schutz. Was nicht vom Wald beschlagnahmt wird, teilen sich Wiesen, Gewässer, Trockenrasen und Fels.

Fichten vernichten

Der Wandel, der im Thayatal vonstattengeht, ist menschgemacht. Die Fichte und andere Arten, die in der Gegend nicht heimisch sind, wurden Schritt für Schritt entfernt, um heimischen Arten Platz zu machen und dem Wald eine Möglichkeit zu geben, zu einer natürlicheren Form zurückzufinden. Je nach Standort sind das Buchenwälder, Ahornmischwälder, etc. Inzwischen reguliere sich der Wald wieder selbst, Management sei nicht mehr notwendig, erklärt Rangerin Bernadette Lehner.

Was die Wälder ausmache, sei zu einem Großteil das viele Totholz, betont Übl. Im Gegensatz zu wirtschaftlichen Wäldern, wo Bäume umgeschlagen werden, sobald sie nicht mehr wachsen (und damit ihre Lebenszeit um rund zwei Drittel verkürzt), darf Totholz stehen und liegen bleiben und bietet beispielsweise Insekten Lebensraum. Wenn ein Baum stirbt, hinterlässt er eine große Lücke. Diese bleibt nicht ungenutzt: "Die Arten, die an diesen Standort am besten angepasst sind, kommen durch", so Übl - und das sind eben keine Fichten: "Da entsteht etwas ganz anderes, als es in Wirtschaftswäldern der Fall ist. Nadelbäume wachsen nicht mehr nach, weil sie hier nicht her passen."

Nach und nach wurden in den vergangenen 20 Jahren immer mehr naturferne Arten entfernt. 2000 waren noch 120 Hektar naturfern, 2020 sind es nur mehr vier. Bis 2030 sollen so sämtliche naturfernen Arten entfernt werden - ohne, dass ein einziger Baum nachgeforstet werden musste. Das wird in Tschechien anders gehandhabt. Hier wird gezielte Aufforstung betrieben. Konflikte durch die unterschiedliche Politik bei der Waldumwandlung gebe es aber keine, so Übl.

TERZ - Österreich sucht den Waldsuperstar

Trotz der an den Standort angepassten Bäume ist die Trockenheit auch im Thayatal und in der Umgebung ein Thema. Deshalb ist man im Nationalpark auf der Suche nach dem Baum der Zukunft. In einer Zusammenarbeit mit dem Bundesforschungszentrum Wald (BFW) und dem Institut für Holztechnologie der Universität für Bodenkultur (BOKU) wurde festgestellt, dass die bereits im Nationalpark beheimatete Traubeneiche besonders gut an heiße und trockene Umweltbedingungen angepasst ist.

Um nun unter den Traubeneichen jede zu finden, die sogar noch ihre eigenen Artgenossen übertrumpfen, wurden 400 Eichen an Extremstandorten im Nationalpark ausgewählt und Bohrkerne daraus gewonnen. Anhand derer wurde untersucht, wie der einzelne Baum auf Trockenjahre mit Zuwachs reagiert hat und analysiert, wie trockenheitsresistent er ist. Die Eicheln der hundert besten Eichen sollen im heurigen Herbst gesammelt, in Pflanzgärten gezogen und für die österreichische Forstwirtschaft verwendet werden. In drei bis vier Jahren sollen die Pflanzen dann bereit sein für die Verpflanzung in wirtschaftlich genutzte Wälder, die mit der Trockenheit schlechter zurechtkommen.

Südöstlich der Gegend um Hardegg befindet sich die Burgruine Kaja. Ritter und Burgfräulein haben mittlerweile Fledermäusen, Siebenschläfern und Schlangen Platz gemacht, und die Schätze, die schon lange kein Drache, sondern nur mehr die vereinzelte Blindschleiche bewacht, sind mit Gold nicht aufzuwiegen: Bei Nacht schwirren Glühwürmchen wie Feenschwärme durch die umliegenden Wälder. Klimawandel und Trockenheit scheinen plötzlich wie in weiter Ferne.

Von Anna Riedler / APA-Science

(Die Pressereise erfolgte auf Einladung von Nationalparks Austria)

Service: Diese Meldung ist Teil der Reportage-Reihe "APA-Science zu Besuch ...": http://science.apa.at/zubesuch

Multimedia

Slideshow: Eindrücke aus den Nationalparks

Weitere Meldungen aus Bildung
APA
Partnermeldung