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Expertin will Bildungssystem "neu aufsetzen" © APA/Heidi Schrodt
Expertin will Bildungssystem "neu aufsetzen" © APA/Heidi Schrodt

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Umtriebige Kämpferin für Bildungsgerechtigkeit: Heidi Schrodt wird 70

13.07.2020

Wer sich mit Bildungspolitik in Österreich beschäftigt, kommt am Namen Heidi Schrodt kaum vorbei: Schon als langjährige Direktorin der Wiener AHS Rahlgasse machte sie mit progressiven Schulversuchen von sich reden, ab den 2000ern begann sie offensiv für die Verbesserung des gesamten Schulsystems zu kämpfen, etwa als eine Proponentin des Bildungsvolksbegehrens 2011. Am Mittwoch wird Schrodt 70.

Umtriebig ist die am 15. Juli 1950 in Ybbs an der Donau (NÖ) geborene Heidemarie Schrodt noch immer: Als bestens vernetzte Vorsitzende der Initiative "Bildung Grenzenlos" lobbyiert sie für Bildungsgerechtigkeit und beteiligt sich über ihren Blog, soziale und klassische Medien am bildungspolitischen Diskurs. "Das Ziel ist eine Schule, die kein Kind zurücklässt und in dem jedes Kind so weit kommen kann, wie es nur irgendwie möglich ist - unabhängig von der Herkunft", betont sie im Gespräch mit der APA.

Dass Schule überhaupt zu ihrem Herzensthema wurde, ist Schrodts Elternhaus zu verdanken: Eigentlich wollte sie nach ihrem Lehramtsstudium für Deutsch und Englisch an der Uni Wien nämlich nicht Lehrerin werden, sondern ihre Dissertation schreiben. Der Mutter zuliebe absolvierte sie trotzdem ihr Probejahr an einem Gymnasium - und entdeckte ihre Passion für den Unterricht. Schon damals hatte sie den Drang, Dinge zu verändern. "Gerade in Deutsch war man in Österreich didaktisch sowas von hintennach." Durch ihre vielen Besuche an Schulen im Ausland habe sie bemerkt, dass das gesamte österreichische System "in vielem nicht mehr zeitgemäß ist".

Genderbeauftragte und Streitschlichter

1992 übernahm die Pädagogin die Leitung des Gymnasiums Rahlgasse in Wien-Mariahilf und etablierte dort ein neues Schulleitbild mit den Schwerpunkten Gender, Umwelt und Soziales, installierte Genderbeauftragte und Streitschlichter. Mädchenförderung war für die SPÖ-nahe Direktorin mit der roten Kurzhaarfrisur ein besonderes Anliegen. Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet, für Projekte wie eine reine Mädchenklasse aber auch angefeindet.

2003 veröffentlichte Schrodt gemeinsam mit dem damaligen Klubobmann der Grünen, Christoph Chorherr, ein "Bildungsmanifest", mit dem die Schule von Grund auf verändert werden sollte. Stichworte: gemeinsame Schule, Aus für Ziffernnoten. Ein Jahr danach holte der damalige SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer sie in sein "Kompetenzteam Bildung", mit dem eine "Entprovinzialisierung des Schulwesens" erreicht werden sollte. 2007 berief SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied sie in eine Expertenkommission zur Evaluierung bestehender Schulmodelle.

Initiative "Bildung grenzenlos" gegründet

Im selben Jahr gründete Schrodt die überparteiliche Initiative "Bildung grenzenlos", deren Vorsitzende sie noch heute ist, mit dem Ziel einer "Belebung und Versachlichung des bildungspolitischen Diskurses". 2011, ein Jahr nach ihrem Pensionsantritt, war sie schließlich unter den Proponenten des Bildungsvolksbegehrens um Ex-Vizekanzler Hannes Androsch.

Ein Schwerpunkt in Schrodts Engagement war zuletzt vor allem das Thema Bildungsgerechtigkeit und der Umgang mit Kindern mit anderer Erstsprache als Deutsch aus ökonomisch schwachen, bildungsfernen Elternhäusern, den sie 2014 in ihrem Buch "Sehr gut oder Nicht genügend - Schule und Migration in Österreich" detailreich analysiert hat. Als Mitglied der Initiative "Religion ist Privatsache" macht sie sich derzeit auch für einen Ethikunterricht für alle Schüler unabhängig vom Religionsbekenntnis stark. Bei einer Reform des Bildungssystems verfolgt Schrodt mittlerweile einen radikalen Zugang: "Neu aufsetzen. Das ist alles nur noch ein Flickwerk."

"Es gibt keinen Lerneffekt aus Corona"

Die Corona-Pandemie hat für Schrodt die Schwächen des Schulsystems im Umgang mit Schülern aus bildungsfernen Familien offengelegt. "Man müsste daraus lernen und sagen: Was können wir tun, damit wir diese Kinder besser stärken können. Aber ich habe noch nichts von Zusatzressourcen gehört. Es gibt keinen Lerneffekt aus Corona."

Das habe auch mit der Rolle der Eltern im österreichischen Schulsystem zu tun. "Die Eltern werden als Zuarbeiter gesehen, die daheim das nachholen, was in der Schule nicht gelernt wird", so Schrodt im Gespräch mit der APA. "Dass viele das gar nicht können, interessiert - zuletzt auch systemisch - nicht so wirklich."

Sommerschule ist keine große Hilfe

Die Sommerschule in ihrer derzeitigen Form ist für Schrodt keine große Hilfe für jene Kinder und Jugendlichen, die während der Schulschließungen von den Lehrern nicht gefördert werden konnten und nun in den Sommerferien im Vergleich zu Schülern aus bildungsnahen Familien noch weiter zurückfallen werden. "In zwei Wochen kann ich überhaupt nichts lernen", kritisiert Schrodt. Die aktuelle Konstruktion, dass dort nur Schüler mit Problemen im Unterrichtsfach Deutsch Unterstützung bekommen und anstelle von Spezialisten im Bereich Deutschförderung Studenten zum Einsatz kommen, findet sie problematisch.

Schrodt hätte es besser gefunden, zu Schulbeginn bei allen betroffenen Kindern und Jugendlichen zu analysieren, wie weit diese jeweils im Stoff zurückgefallen sind. Die Schulen sollten dann die notwendigen Zusatzressourcen etwa für Förderlehrer bis hin zu Einzelunterricht unkompliziert anfordern können, um den Schülern die Chance zu geben, aufzuholen. "Aber Bildungsgerechtigkeit ist kein Fokus bei uns."

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