Dossier

Dossier

1918/2018 - 101 Jahre steirisches Leben: Fünf Systeme, vier Währungen

Dossier

13.02.2018
  • Von ihrem großen Fenster im Pflegeheim sieht Zieseritsch das ganze Jahr auf den Gipfel des Plabutsch am Grazer Stadtrand. Im Winter ist durch die kahlen Bäume der Schloßberg sichtbar. Wie sie denn Silvester verbracht habe? "Feier haben wir keine, viele schlafen da schon". Aber zusammen mit ein paar anderen habe sie zu Mitternacht eine Mitbewohnerin in einer höher gelegenen Wohnung besucht: "Und für das Feuerwerk, das wir von dort aus gesehen haben, haben wir nichts bezahlt", und der Schalk in den Augen blitzt mindestens so wie eine große Silvesterrakete.

  • Graz (APA) - Sie ist ein Jahr älter als die Republik, aber zehnmal jünger als das Land, das ihre Heimat ist: Die Steirerin Hermine Zieseritsch hat am 28. November 1917 das Licht der Welt erblickt, als sich die letzte Offensive Österreich-Ungarns am Piave erschöpfte, Streiks das Reich erschütterten und Graz sich auf die letzte Gemeinderatswahl vorbereitete, die in der Monarchie noch stattfinden sollte.

  • Hermine wurde als Tochter eines Bergbau-Mitarbeiters und einer Hausfrau geboren, unter dem Namen Kolb. Die Familie folgte dem in den steirischen Bergbaubetrieben arbeitenden Vater zum jeweiligen Arbeitsplatz und wohnte in Piberstein-Lankowitz, in Leoben, in Frohnleiten und schließlich in Graz. Zur Zeit von Hermines Geburt - sie hatte noch zwei Brüder und drei Schwestern, Annerl, Mitzi und Emma - und in den Jahren danach waren Lebensmittel- und Bezugskarten gang und gäbe. Karten für Zucker, Fett, Seife, Brot und Mehl, Erdäpfel, Petroleum und Kohle - an die ersten Jahre ihres Lebens hat die im 101. Lebensjahr stehende und im Grazer Aigner-Rollett-Pflegeheim am Rosenhain wohnende Steirerin naturgemäß keine Erinnerung.

  • Erinnerung an Dienstmädchen

  • Ihre ersten Lebensjahre dürften aber nicht ganz so wie für den größten Teil der Bevölkerung von Mangel geprägt gewesen sein. Der Vater hatte als Bergbau-Angestellter in der damaligen Kohlengrube Leoben-Seegraben, wo der Abbau 1964 eingestellt wurde, Zugang zu Heizmaterial. Auch an ein Dienstmädchen der Mutter erinnert sie sich. Die Familie wohnte beim Freimannsturm, dem neben dem als "Schwammerlturm" bekannten Mautturm einzigen erhaltenen Wehrturm der Leobener Stadtmauer. Da habe es eine Art betonierten Balkonrand gegeben. Den wollten sie und eine Schwester eines Sommers mit Wasser füllen, als Schwimmbad, als die Eltern nicht zuhause waren. Das hätte beinahe den darunter befindlichen Hühnerverschlag überschwemmt und kam nicht gut an: Zu dieser Zeit war die Haltung von Hühnern und Kaninchen in der Stadt eine Ernährungsfrage.

  • Auch an ein Weihnachten im von ausgedehnten Bergwäldern umgebenen Leoben erinnert Zieseritsch sich. "Der Förster hat auf den vom Vater ausgesuchten Christbaum einen Namenszettel angebracht. Zum Glück hat ihn niemand anderes sich geholt", spielte sie auf ihren in der Obersteiermark häufigen Mädchennamen an.

  • Die Jugend und die jungen Erwachsenenjahre waren unbeschwert: "Für Politik haben wir uns nicht interessiert". Dabei war gerade das weststeirische Kohlerevier einer der Brennpunkte der Auseinandersetzungen zwischen Heimwehren, Schutzbund und illegalen Nazis. Die vier Mädchen unternahmen viel gemeinsam im Kohlebergbauort Piberstein bei Maria Lankowitz, wo der Vater erneut Arbeit gefunden hatte - wandern, schwimmen im Fluss und in einem abgesoffenen Kohletagbau. "Das war wohl gefährlich. Da standen Schilder mit der Aufschrift "Nicht tauchen".

  • Mit dem Anschluss kam der Arbeitsdienst

  • Der Einmarsch der Truppen Nazi-Deutschlands und der "Anschluss" waren die Vorboten des Krieges, in dem sich für Zieseritsch vieles veränderte: Sie und einige ihrer Schwestern wurden zum Arbeitsdienst verpflichtet, um die zur Wehrmacht eingezogenen Männer zu ersetzen - zwei waren bei der Post, Hermine arbeitete als Sekretärin bei der Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbaugesellschaft, die den "Reichswerken Hermann Göring" einverleibt worden war. Ihre Erinnerungen reichen von weiten Wegen zur Arbeit mit dem Fahrrad bis zum Hasten in Luftschutzstollen bei Fliegerangriffen. Ihr Verlobter, Gefreiter einer Gebirgs-Einheit der Wehrmacht, bekam Urlaub für die Hochzeit im Jahr 1944. Sie trug die etwas umgeschneiderte Bluse, die schon ihre Mutter bei deren Heirat getragen hatte. Bemerkenswert: Geheiratet wurde in Zivil, wie aus ihrem Fotobuch hervorgeht, das sie zum 100. Geburtstag von ihrer Familie geschenkt bekam. Noch bemerkenswerter: Es wurde eine Kutsche für die Hochzeitsfahrt organisiert - fast wie im Frieden.

  • Der Frieden kam im Mai 1945, wenig später ihr Mann nach Hause. Kaum wieder in der Heimat, wurde er praktisch vom Feld weg dienstverpflichtet: "Do you speak English? Yes? Come down, then," kommandierte ihn eine britische Patrouille zu Dolmetschdiensten. Die Briten hatten die in weite Teile der Steiermark vorgerückten Sowjets im Juli 1945 als Besatzungsmacht abgelöst. Der Kontakt mit den Briten - Zieseritsch selbst konnte "nur" Französisch - brachte Vorteile: Mit dem Dolmetschen kamen auch diverse Zubußen zu den bis 1952 rationierten Lebensmitteln.

  • Zieseritsch arbeitete weiter in der Bergbauverwaltung, dann kam sie als Sachbearbeiterin zum Arbeitsamt. Das bedeutete Dienstreisen in der Steiermark, erst mit dem Motorrad, dann ab den 1960ern mit einem Puch 500, schwarzes Kennzeichen mit weißer Schrift, St 188. Hermine Zieseritsch hat in ihrem Leben fünf verschiedene Kfz-Kennzeichen erlebt, die ersten beiden Systeme der Monarchie bzw. der Ersten Republik, dann die des Deutschen Reichs, dann wieder die alten schwarzen österreichischen Nummerntafeln und schließlich die weißen Kennzeichen - und auch die Umstellung von Links- auf Rechtsverkehr in der Steiermark 1938.

  • Nachkriegszeit: "Es ist uns gut gegangen"

  • Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg ermöglichte vielen Menschen erstmals oftmaliges Reisen ins Ausland. "Es ist uns gut gegangen, wir hatten keine Sorgen", sagt Zieseritsch zusammenfassend über die Nachkriegszeit. Sie führte ein Reisetagebuch - 63 verschiedene Städte hat sie mit ihrer Familie, dem Mann und den beiden Söhnen oder auch alleine besucht. Darunter waren Cilli in Slowenien, der Attersee, Venedig, die jugoslawische Küste, Oslo, Kopenhagen, Brünn, Stockholm. Die Schären vor der schwedischen Hauptstadt hatten es ihr besonders angetan - dorthin gekommen war sie aufgrund ihrer schwedischen Schwiegertochter.

  • Bis zu ihren 90. Lebensjahr wohnte sie dann in der Grazer Hilmgasse, ihr Mann war im Alter von 73 Jahren gestorben. In Zieseritschs Lebenszeit fielen auch mehrere Währungen - wobei sie sich an die erste Währung, die Krone, nicht erinnern kann und nach Schilling, Reichsmark und wieder Schilling mit der letzten, dem 2002 eingeführten Euro, nicht mehr wirklich Kontakt hatte. "Mit dem Euro hatte ich eigentlich nichts mehr zu tun. Um das Finanzielle hat sich da schon die Schwiegertochter gekümmert". Diese ist Notarin. Die Entscheidung, ins Heim zu gehen, habe sie alleine getroffen: "Ich gehe, damit Ihr nicht belastet seid", habe sie zu ihrer Familie gesagt.

STICHWÖRTER
Geschichte  | Soziales  | Arbeit  | Steiermark  | Interview  | Koop  | Bez. Graz  | Graz  | Wissenschaft  | Sozialwissenschaften  | Politik  | Regierungspolitik  | Innenpolitik  | 1918-2018  |