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1938/2018 - Niedergang der Wiener Medizin schon vorher

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13.03.2018
  • Wien (APA) - Der Niedergang der Wiener Medizinischen Schule hat schon vor dem sogenannten "Anschluss" im März 1938 eingesetzt - vor allem durch sich verschärfenden Antisemitismus im Austrofaschismus. Wahrscheinlich sind rund 4.200 Mediziner durch das NS-Regime verfolgt worden, hieß es bei der wissenschaftlichen Tagung "Anschluss" im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft" in Wien.

  • "Es war ein massiver Aderlass, der nach 1945 irreparabel war", fasste Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien ihre Recherchen zusammen. Der Wiener Journalist und Autor Klaus Taschwer sprach im Gefolge von Austrofaschismus und Nationalsozialismus mit der Vertreibung oder Vernichtung der politisch "missliebigen" Mediziner oder Ärzten mit jüdischer Abstammung von zumindest "50 verlorenen Jahren".

  • Entlassungen aus rassistischen Gründen

  • Die Verfolgungen setzten aber nicht erst mit dem "Anschluss" am 12. März 1938 ein. Auch der Niedergang der Wiener Medizinischen Schule begann schon in der Zwischenkriegszeit. "1927 hatte die medizinische Fakultät in Wien 75 Professoren und 264 Dozenten. 1942/1943 waren es 27 Professoren und 93 Dozenten. 1949 23 Professoren und 93 Dozenten", stellte Taschwer dar.

  • An der medizinischen Fakultät wurden mit dem Nationalsozialismus in Österreich allein 177 von 321 Angehörigen des Lehrpersonals aus rassistischen Gründen entlassen. Das war ein Anteil von 55 Prozent, ebenso hoch wie der Anteil der an der juridischen Fakultät wegen der Rassengesetze aus ihren Posten Vertriebenen. Suizid, Emigration oder Ermordung durch die NS-Schergen waren die Folgen. "Aber schon zwischen 1933 bis 1938 wurden an der Universität Wien 25 Prozent der Professoren eingespart, 22 von 60 Professoren der medizinischen Fakultät", sagte der Journalist ("Der Standard") und Autor.

  • Niedergang begann vor NS-Machtübernahme

  • Nicht nur die Universitäten bzw. die medizinische Fakultät in Wien war von den der Vertreibung und Vernichtung der Intelligenz betroffen. Der Fokus auf Akademiker jüdischer Abstammung setzte aber schon vor der NS-Machtübernahme ein. "1934 waren etwa 190.000 Österreicher jüdischer Abstammung. Das waren 2,8 Prozent der Bevölkerung, in Wien waren es zehn Prozent (92 Prozent der Menschen jüdischer Abstammung in Österreich lebten in Wien; Anm.). 1936 gab es laut NS-Angaben 8.170 Ärzte in Österreich, davon 4.550 in Wien. Es gab schon im Austrofaschismus deutliche Säuberungsmaßnahmen", sagte Ilse Reiter-Zatloukal.

  • Im Austrofaschismus warf man bereits in Wien sozialdemokratische Ärzte (politisch "Missliebige") aus ihren beruflichen Positionen. "Fast alle von ihnen waren jüdischer Abstammung. Seit 1937 war eine Neueinstellung von jüdischen Ärzten wegen der Notwendigkeit der Vorlage eines Taufscheins unmöglich. 1937 erklärten sich in Wien bereits drei Spitäler 'judenfrei'", sagte die Rechtshistorikerin.

  • Die schärfsten Demütigungen fanden dann unmittelbar nach dem "Anschluss" mit den "Reibepartien" statt. Der bekannte Arzt und Sanatoriumsbesitzer Lothar Würth musste am 13. März 1938 vor seinem Sanatorium in Wien den Gehsteig "säubern". Am Tag darauf begingen er und seine Frau Selbstmord. "Nichtzulassung zum Eid auf den Führer" war die nächste Maßnahme, welche eine weitere Anstellung in Spitälern unmöglich machte. Die "Neuordnung des Berufsbeamtentums" ließ alle "Beamten" (auch Spitalsärzte durch analoge Anwendung) mit jüdischem Familienhintergrund Opfer der Vertreibung werden. Niedergelassenen Ärzten wurden die Anstellungs-Krankenkassenverträge gekündigt.

  • NS-Machthaber in Österreich radikaler und schneller

  • Laut Ilse Reiter-Zatloukal waren die österreichischen NS-Machthaber viel radikaler und schneller als die NS-Kriminellen in Deutschland. "Mit 1. Oktober 1938 wurde bereits Entjudung der österreichischen Ärzteschaft verkündet. 4.200 Mediziner waren NS-Verfolgte, 93 Prozent davon mit Lebensmittelpunkt in Wien. (...) 81 Prozent waren jüdischer Abstammung." 1.244 Ärzten gelang die Flucht in die USA, 371 kamen nach Großbritannien, 220 konnten nach Palästina fliehen, 79 nach Südamerika. Nur 150 der Verfolgten überlebten in Österreich, 260 starben (zu einem beträchtlichen Teil durch Suizid). 326 Ärzte wurden aus Wien deportiert, nur 44 schließlich 1945 aus Konzentrationslagern befreit.

  • Übrig blieben nach 1945 an vielen Positionen und Orten die Nationalsozialisten und ehemaligen Austrofaschisten in Ärzteschaft und Bürokratie. "Von 29 Professoren der Medizinischen Fakultät in Wien waren 24 nach 1945 von der Entnazifizierung betroffen", sagte Taschwer. Die Chance einer "Stunde Null" sei vertan worden - auch weil nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes teilweise politisch aus dem Austrofaschismus stammende, antisemitische Personen an die Machthebel der Wissenschaftspolitik in Österreich kamen.

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