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1938/2018 - Niedergang 2 - NS-Kontinuitäten nach 1945 überbordend

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13.03.2018
  • Wien (APA) - Das NS-Regime beschäftigte nach der Machtübernahme im März 1938 in Österreich mehrere hundert jüdische Ärzte, welche sonst aus ihrem Beruf vertrieben worden waren als "Fach(Kranken)behandler" für die jüdische Bevölkerung. Auf diese Weise konnten sie teilweise ihren Leidensgenossen helfen, hieß es bei dem Symposium Wien.

  • "Das waren mit 1. Oktober 1938 insgesamt 368 Ärzte. 60.000 von 180.000 Menschen mit jüdischem Familienhintergrund galten als fürsorgebedürftig, stellte bei dem Symposium Paul Weindling vom Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (Wien), fest. Doch der Experte betonte auch: "Für die NS-Machthaber war die jüdische Fürsorge eine Vorstufe zur Vernichtung."

  • Während aus Österreich geflüchtete medizinische Kapazitäten von Weltruf wie Eugen Steinach, der Begründer der Neuroendokrinologie, Sigmund Freud und viele Andere vor allem in Großbritannien und in den USA empfangen und geehrt wurden, setzte das NS-Regime seine Tötungsmaschinerie in Gang. "Bereits im Juli 1940 wurden 400 Patienten vom 'Steinhof' in Wien abtransportiert. Viktor Frankl (Begründer der Logotherapie; Anm.) hat falsche Gutachten zum Schutz von durch Euthanasie Bedrohten geschrieben", schilderte Weindling die immer dramatischer werdende Situation.

  • Warten auf den Neuanfang

  • Nach 1945 wäre Zeit für einen völligen Neuanfang in der österreichischen Medizin gewesen. Doch dieser erfolgte nicht. "60 Prozent der Ärzte waren Mitglieder der NSDAP, 18 Prozent bei der SA, acht Prozent bei der SS gewesen. Illegale Nationalsozialisten und hochrangige Mitglieder hätten sofort entlassen werden müssen. Das ist aber nur bei der Hälfte geschehen", sagte Margit Reiter vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

  • Die Entnazifizierung des österreichischen Ärztestandes funktionierte besonders schlecht, weil sich die Betroffenen bereits ab ihrer zeitweiligen Internierung im britischen Nazi-Lager in Wolfsberg in Kärnten und in Glasenbach (USA) in Salzburg alter Netzwerke für ihre weitere berufliche Karriere bedienen konnten, betonte die Historikerin. Das Entnazifizierungslager Glasenbach hätte als "Hochschule einer geistigen Elite" gegolten. Zusätzlich wurden die Ärzte dringend für die Aufrechterhaltung eines Gesundheitswesens benötigt. Das öffnete ein Schlupfloch zurück in den angesehenen Beruf des Arzts für viele "Belastete".

  • Als Beispiele für die weiteren Karrieren von NS-Ärzten nannte Margit Reiter Isidor Alfred Amreich, der später in Gars am Kamp eine Praxis eröffnen konnte. SS-Arzt Sigbert Ramsauer (KZ-Dachau, Mauthausen und Gusen) wurde später Oberarzt am LKH-Klagenfurt. Das ehemalige NSDAP-Mitglied Burghard Breitner (Chirurg, auch Rektor der Universität Innsbruck), sei Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes geworden und hätte für den Verband der Unabhängigen (VdU) 1951 bei den Bundespräsidentschaftswahlen rund 15 Prozent der Stimmen erhalten. Arzt, NSDAP- und SA-Mitglied Otto Scrinzi (unter anderem Primar am LKH Klagenfurt) sei noch 2012 von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als "freiheitliches Urgestein" bezeichnet worden.

  • Nachhall bis in die 1980er

  • Grässlich war auch der "Lange Nachhall", den das mörderische NS-Regime am "Steinhof" in Wien als Mord-Institution bei den dort untergebrachten Kindern bis in die 1980er-Jahre hatte, schilderte Hemma Mayrhofer vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie der Universität Wien. Nach den Morden am "Spiegelgrund" unter nachweislicher Beteiligung des Gerichtspsychiaters Heinrich Gross (in seinem sehr späten Prozess für verhandlungsuntauglich erklärt) hätten am Pavillon 15 der "Baumgartner Höhe" bis Mitte der 1980er-Jahre weiterhin furchtbare Bedingungen geherrscht. Gross hätte aus Autopsien auch weiterhin Gehirn- und Rückenmarkproben für Studien erhalten.

  • Morde an Kindern gab es dort wahrscheinlich nach 1945 keine mehr. "Es gab aber weiterhin eine sehr hohe Sterberate", sagte die Historikerin. Möglicherweise seien Kinder dort unmittelbar nach Kriegsende verhungert. Bis zur Änderung der Verhältnisse seien die Kinder zum größten Teil ohne entsprechende Versorgung geblieben. "Das ist nicht als Weiterwirken von ein paar Nazis zu betrachten", sagte Hemma Mayrhofer. Vielmehr müsse die gesamte in Österreich bis vor relativ kurzer Zeit herrschende Haltung psychiatrisch Kranken und Behinderten gegenüber einbezogen werden.

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