Gastkommentar

Wolfgang Neubauer © Alexander Bernold
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Dossier

"Der digitale Archäologe"

Gastkommentar

30.01.2020
  • Wien (Gastkommentar) - Verschrobene Einzelgänger mit Pinseln auf der Suche nach Artefakten oder heldenmutige Abenteurer auf der Jagd nach mythischen Schätzen – das ist ein Bild, das sich für Archäologen stereotyp immer wieder findet. Ob Indiana Jones, Lara Croft oder auch nur der verquer denkende Mann mit langem weißen Bart in der Kindersendung, sie alle sind weit entfernt vom digitalen Zeitalter.

  • Die Wirklichkeit sieht bei weitem anders aus. Die archäologischen Fächer, als ein sehr sichtbarer Teil der Geisteswissenschaften, hatten und haben immer schon eine große Affinität zu Technik und Naturwissenschaften. Computer sind aus dem Werkzeugkoffer des modernen Archäologen nicht wegzudenken. Auf einer modernen Grabung wird Schicht für Schicht freigelegt. Junge Forscher steuern mit ihren Smartphones 3D Laserscanner, die in Sekundenschnelle die freigelegten Schichten aufnehmen. Aus den vielen einzelnen Scans werden dreidimensionale Modelle der ausgegrabenen Ablagerungen, Gräben, Gruben, Gräber, Fundstücke etc. (beispielsweise für die Kreisgrabanlage von Velm oder das Keltendorf Schwarzenbach) erstellt. Jedes Fundobjekt wird mit einem digitalen geodätischen Messsystem genau verortet und dreidimensional erfasst. Drohnen mit Digitalkameras und Laserscannern erstellen hochauflösende digitale Geländemodelle ganzer archäologischer Landschaften oder großflächiger Ausgrabungen.

  • Bereits die Suche nach archäologischen Fundstellen erfolgt seit über zwei Jahrzehnten vollständig digital. Spezialflugzeuge mit hochauflösenden Digitalkameras, Thermal- und Multispektralscannern ergänzen die 3D Laserscanner und tasten aus der Luft die Erdoberfläche ganzer Landschaften zentimetergenau ab. Am Boden übernehmen mit GPS getrackte Magnetometer- und Bodenradarsysteme die Durchleuchtung des Untergrunds. Aus den riesigen Datenmengen werden digitale Bilder erzeugt, in denen mit speziellen Filtern und Visualisierungstechniken im Boden Verborgenes sichtbar gemacht wird. So entsteht am Computerbildschirm ein Abbild des römischen Carnuntum. Ausgerüstet mit der entsprechenden Erfahrung und auf geographischen Informationssystemen aufbauenden und speziell entwickelten Werkzeugen erkunden die Experten des international operierenden Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie die Datenvolumen. Sie graben quasi virtuell in dem digitalen Abbild der archäologischen Fundstellen und bringen ohne einen einzigen Spatenstich römische Gladiatorenschulen, Wikingerschiffe oder unbekannte Monumente in der Landschaft von Stonehenge nach Jahrtausenden wieder ans Tageslicht.

  • Im Bereich der digitalen Archäologie zählt Österreich international zu den führenden Nationen. Die richtungsweisende Grundlagenforschung gibt wesentliche Impulse und entwickelt innovative Perspektiven für die Zukunft der Archäologie. Die internationalen Reviews geben den österreichischen Forschern Recht; die exzellente Personalausstattung und hervorragende Infrastruktur der interdisziplinär ausgerichteten Forschergruppen sind die wesentliche Grundlage für eine internationale Vernetzung mit dem gesellschaftlich relevanten Ziel der Bewahrung unseres kulturellen Erbes.

  • Die spezifischen Anforderungen in der Archäologie haben dazu geführt, dass bereits in den 1960er-Jahren die größten Computersysteme in Europa zur Prozessierung und Visualisierung archäologischer Prospektionsdaten herangezogen wurden. Die ersten digitalen Bildverarbeitungssysteme, im Apollo-Programm entwickelt, wurden in Europa in der Archäologie eingesetzt. Anfang der 90er-Jahre wurden auf vielen Grabungen in Österreich die Zeichenstifte vom Computer abgelöst. Dies führte dazu, dass seit zwei Jahrzehnten die meisten archäologischen Forschungsgrabungen vollständig digital dokumentiert werden. Archäologische Informationssysteme kombinieren digitale Planinformation mit ausgedehnten Datenbanken und verfügen mit spezifischer Software für die Erstellung von stratigrafischen Sequenzen, das heißt der zeitlichen Abfolge der ausgegrabenen Einheiten, über ein komplexes digitales System zur Analyse von Zeit und Raum.

Zur Person

Wolfgang Neubauer, LBI ArchPro und Universität Wien

Wolfgang Neubauer studierte prähistorische Archäologie, Informatik und Mathematik. Er ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ao. Professor an der Universität Wien und Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie. Er widmet sich der Entwicklung modernster zerstörungsfreier digitaler Technologien zur Erkundung und Dokumentation archäologischer Landschaften wie Stonehenge, Carnuntum oder Birka. Bekannt durch Entdeckungen wie der Gladiatorenschule in Carnuntum und neuer Monumente rund um Stonehenge und in Skandinavien wurde er 2015 zum österreichischen Wissenschafter des Jahres gewählt.

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