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Sprachforscher zeichnete in Buch minutiös Weg der Auswanderer nach © Universitätsverlag Wagner
Sprachforscher zeichnete in Buch minutiös Weg der Auswanderer nach © Universitätsverlag Wagner

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Tiroler "Wirtschaftsflüchtlinge" gründeten Austro-Kolonie Pozuzo

19.09.2018

"Heute würden wir sie wohl 'Wirtschaftsflüchtlinge' nennen", beschreibt Wilfried Schabus jene rund 300 Tiroler und Rheinländer, die 1857 nach Peru auswanderten. Nur etwa die Hälfte davon erreichte nach zweijähriger Irrfahrt ihr Ziel Pozuzo am Rande Amazoniens. Ihre Nachfahren leben noch heute dort und sprechen "Tirolisch". Der Sprachforscher Schabus erzählt ihre Geschichte in seinem Buch "Pozuzo".

Als "Österreichs größtes Dschungelcamp" hat der "Spiegel" einmal das Dorf im peruanischen Regenwald bezeichnet, über das auch schon mehrere Dokumentarfilme gedreht wurden. Schabus, der am Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften und als Honorarprofessor an der Uni Wien tätig war, hat in seinem Buch "Pozuzo - Auswanderer aus Tirol und Deutschland am Rande Amazoniens in Peru" minutiös den mühseligen Weg nachgezeichnet, der zur Gründung der "einzigen österreichisch deutschen Kolonie der Welt" geführt hat, wie es - inhaltlich nicht korrekt - auf dem Willkommensportal des Städtchens steht. Heute, Mittwoch, Abend präsentiert Schabus sein bereits vor zwei Jahren erschienenes Buch im Naturhistorischen Museum Wien.

Mussten Straße selber bauen

Schabus besuchte alle für die Auswanderer-Geschichte relevanten Orte, wanderte über den Hauptkamm der Anden und auch von Acobamba nach Pozuzo - jener Weg, den die Einwanderer von 1857 fast zwei Jahre lang selbst bauen mussten, um zu ihrem Ziel zu kommen. Denn eine befahrbare Straße, die den Kolonisten schon vor ihrer Auswanderung versprochen worden war, wurde erst 1975 fertig, 118 Jahre nach ihrer Ankunft.

Mitte des 19. Jahrhunderts ließ die Armut auch viele Tiroler ans Auswandern denken. Gleichzeitig suchte Peru - durch den Guano-Export zu Reichtum gekommen - Siedler, die die peruanischen Gebiete jenseits der Anden erschließen sollten. Davon erhofften sich die Peruaner, die ihre gesamten Exporte über den langen und gefährlichen Weg um das Kap Hoorn verschiffen mussten, auch eine alternative Handelsroute per Fluss-Schifffahrt bis zum Atlantik. Zudem sollten die katholischen Auswanderer auch ein Gegengewicht zur "freimaurerischen" Einwanderung aus Nordamerika bilden.

Das in Zeitungen verbreitete Angebot eines von Peru beauftragten Agenten, in Peru gebe es "1,5 Mio. Morgen fruchtbarstes Acker- und Weideland" zu verteilen, musste "den verarmten Tiroler Bauernfamilien wie ein Geschenk des Himmels erschienen sein", schreibt Schabus. Für viele war es ein Danaergeschenk: Von den etwas mehr als 300 Auswanderern - rund 180 Tiroler und 120 Rheinländer, die ihre abenteuerliche Reise angetreten haben, sind nur knapp 170 in der Kolonie angekommen. Alle anderen haben die Gruppe während der ausweglos scheinenden Odyssee quer über die Anden verlassen oder starben auf der beschwerlichen Reise.

"Unglaubliche Odyssee"

Peruanische Zeitungen bezeichneten den Weg der Auswanderer damals als die "Odisea increible" und "Colonia Martir". Diese "unglaubliche Odyssee" habe die "Kolonie der Märtyrer" schließlich in eine länger als ein Jahrhundert dauernde Isolation von der Außenwelt geführt, so Schabus, für den die Besiedlungsgeschichte Pozuzos ein auch für damalige Verhältnisse unerhörtes Unterfangen war. Andere staatlich gelenkte Kolonisierungsprojekte dieser Zeit, etwa in Brasilien oder im südlichen Chile, seien im Vergleich dazu umsichtig und verantwortungsbewusst geplante Unternehmungen gewesen.

Langfristig war das Projekt dennoch erfolgreich: Die Nachfahren der ausgewanderten Tiroler leben noch heute in Peru, und es bestehen vielfältige Beziehungen zwischen den Pozucinern und ihren Herkunftsländern, vor allem mit Tirol. "Das ausgeprägte Tiroler Erbe auf sprachlicher, kulinarischer, kirchlicher, volkskundlicher oder auch architektonischer Ebene hat dieses Dorf inzwischen zu einem Reiseziel gemacht, das auch für peruanische Touristen äußerst attraktiv ist", so Schabus. Immerhin sind nach offiziellen Angaben von den 7.700 Einwohnern des Distrikts 35 Prozent Nachfahren der europäischen Einwanderer, zahlreiche, vor allem ältere Leute, beherrschen noch ihr altes "Tirolisch", das man laut Schabus "auch als deutschsprachiger Nicht-Tiroler gut versteht".

Service: Wilfried Schabus: "Pozuzo - Auswanderer aus Tirol und Deutschland am Rande Amazoniens in Peru", Universitätsverlag Wagner, 448 S., 29,90 Euro, ISBN: 978-3-7030-0890-0; Buchpräsentation und Vortrag von Wilfried Schabus im Naturhistorischen Museum, 19.9., 18.30 Uhr; Freundeskreis für Pozuzo: http://www.pozuzo.at/

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