Kultur & Gesellschaft

Kandel: "Ich fühle mich recht wohl mit meiner Wiener Vergangenheit" © APA (Pfarrhofer)
Kandel: "Ich fühle mich recht wohl mit meiner Wiener Vergangenheit" © APA (Pfarrhofer)

APA

Eric Kandel wünscht sich Museum über die Leistungen der Juden

13.09.2019

Statt einer Ehrung Österreichs für den Nobelpreis hat sich Eric Kandel (89) einst eine Antisemitismus-Tagung und die Umbenennung des "Dr.-Karl-Lueger-Rings" in Wien gewünscht - und beides bekommen. Nun schlägt Kandel ein Museum über die Leistungen der Juden vor. Denn bisher habe man sich "nicht sehr darum bemüht zu erinnern, was Österreich den Juden zu verdanken hat", sagte Kandel im APA-Gespräch.

Frage: Sie haben gerade eine neue Arbeit in PNAS veröffentlicht, in der es um die Rolle eines Proteins bei der Bildung von Erinnerungen geht. Sie arbeiten hart an einem zweiten Nobelpreis?

Eric Kandel: Absolut (lacht)!

Was genau haben Sie dabei herausgefunden?

Kandel: Das Protein CPEB3 bringt Neuronen dazu, Langzeiterinnerungen zu speichern und ist an der Aktivierung wichtiger Signale an der richtigen Stelle beteiligt. Es ist eine sehr interessante Arbeit.

Sie haben nach wie vor Ihre eigene Forschungsgruppe?

Kandel: Ja, ich habe hier am Jerome L. Greene Science Center der Columbia University mein Labor und ein fixes Budget vom Howard Hughes Medical Institute. Gott sei Dank muss ich keine Anträge mehr schreiben (für Fördermittel, Anm.).

Wie ist es möglich, dass jemand, der in wenigen Wochen (am 7. November, Anm.) 90 Jahre alt wird, noch so herausragende Arbeit leistet?

Kandel: Die Menschen leben heute viel länger. Um 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung für einen Mann bei 50 und für Frauen bei 52, heute bei 78 bzw. 82. Die medizinische Versorgung ist besser, wir wissen mehr über die Vorsorge, etwa wie wichtig Ernährung und körperliche Betätigung sind, usw. Ich habe zudem ein sehr gutes Familienleben, eine wundervolle Frau und fantastische Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite.

Aber ist es nicht eher eine Frage der Einstellung. In Österreich liegt das gesetzliche Pensionsalter für Männer bei 65 Jahren, das tatsächliche Antrittsalter aber bei 61 Jahren?

Kandel: Ist das wirklich so? In den USA ist man mit 61 ein Kind (lacht). Ich arbeite Vollzeit, ich werde Vollzeit bezahlt.

Werden Sie Ihren 90. Geburtstag tatsächlich in Wien verbringen, es gibt eine Einladung der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien?

Kandel: Ja, es wird etwas vorbereitet, ich weiß aber nicht genau was.

Bedeutet der 90. Geburtstag etwas für Sie?

Kandel: Es ist nett, aber jeder wird 90. Sprechen wir nochmals, wenn ich 100 werde (lacht). Ich scherze nur, ich bin sehr dankbar.

Haben Sie einen besonderen Geburtstagswunsch?

Kandel: Dass ich weiter Freude habe. Für mich ist nicht die Zahl der Jahre, die ich noch zu leben habe, entscheidend, sondern die Qualität meines Lebens, etwa in unserem Sommerhaus auf Cape Cod bei einem Glas Wein zu sitzen und den Sonnenuntergang zu beobachten.

Sie haben Jahrzehnte erforscht, wie das Gedächtnis geformt wird und dabei große Fortschritte gemacht. Sie haben auch an gedächtnisfördernden Medikamenten gearbeitet - wie weit ist die Entwicklung hier?

Kandel: Wir haben noch nichts, das die Leute einnehmen können. Wir haben Dinge, die man im Tierversuch direkt in den Hippocampus injizieren kann, aber wir haben noch keine Wirkstoffe, die das Gedächtnis auf zuverlässige und sichere Weise verbessern. Wir arbeiten nach wie vor daran und versuchen, eine Pharmafirma dafür zu gewinnen.

Angesichts der weltweiten Demenz-Epidemie und der Tatsache, dass Millionen von Menschen mit zunehmendem Alter ihr Gedächtnis verlieren, sollte das kein Problem sein, oder könnten Ihre Ansätze nichts gegen Alzheimer ausrichten?

Kandel: Derzeit zeigen die Ergebnisse im Tierversuch und erste Studien an Menschen, dass es vor allem bei altersbedingtem Gedächtnisverlust hilft und nicht unbedingt bei Alzheimer.

Haben Sie persönlich Angst vor Gedächtnisverlust?

Kandel: Mein Erinnerungsvermögen ist nicht mehr so gut wie es war, aber es ist nicht weiter schlimm. Ich muss mir halt Dinge aufschreiben.

Es gibt nicht nur einen individuellen, sondern auch einen kollektiven Gedächtnisverlust - die Erinnerung an den Holocaust schwindet. Vor einigen Monaten schrieb die "Washington Post" unter Verweis auf Länder wie Ungarn oder Polen sogar, dass "Niemals vergessen", der Appell des Holocaust-Gedenkens, tot sei.

Kandel: Die leugnen das schon lange, das ist sehr bequem für sie. Viele Länder, die den Juden schreckliche Dinge angetan haben, konfrontieren sich nicht auf ehrliche Weise mit ihrer Vergangenheit.

Dazu kommt, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt.

Kandel: Das ist sicher nicht der einzige Grund. Es ist unangenehm für die Leute, darüber nachzudenken.

Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden?

Kandel: Ein Museum zum Beispiel. Schauen sie sich an, was Österreich den Juden angetan hat, die so wunderbar zu Österreich beigetragen haben und die Stadt Wien zu so einem reichhaltigen Platz in vielerlei Hinsicht gemacht haben. Wäre es nicht wundervoll, so ein Museum zu haben, in dem das thematisiert wird. Es gibt ein jüdisches Museum in Wien, das wurde aber nicht von der Regierung initiiert, sondern von der jüdischen Gemeinde. Von offizieller Seite hat man sich bisher nicht sehr bemüht, die Menschen daran zu erinnern, was sie den Juden zu verdanken haben.

Sie haben einmal gesagt, Sie träumen vom Wiederaufbau einer jüdischen Gesellschaft in Wien. Bisher ist es beim Traum geblieben.

Kandel: Die Gemeinde wächst nicht. Österreich hat keine Anstrengungen unternommen, Juden zu ermutigen, wieder nach Wien zu kommen. Deutschland dagegen hat sich sehr bemüht, da wurden viele Juden aus Osteuropa nach Berlin und andere Städte geholt.

Es ist vielleicht auch gar nicht so verlockend, nach Österreich zu kommen, angesichts eines nach wie vor grassierenden Antisemitismus.

Kandel: Ich habe jüdische Freunde in Wien, die sich dort sehr wohlfühlen. Je mehr Juden kommen, desto weniger Antisemitismus könnte es geben, denn dann sehen die Leute, dass das auch Menschen sind.

Sie wurden als neunjähriges Kind von den Nazis aus Ihrer Heimatstadt vertrieben und haben einmal gesagt, dass Sie Ihr ganzes Leben lang versucht haben, mit Ihrer Wiener Vergangenheit fertig zu werden. Wird dieser Versuch jemals abgeschlossen sein?

Kandel: Ich glaube, das habe ich abgeschlossen. Ich fühle mich recht wohl mit meiner Wiener Vergangenheit.

Sie haben sich auch dafür interessiert, wie Menschen an einem Tag Haydn, Beethoven oder Mozart hören und am nächsten Tag Juden verprügeln können. Haben Sie schon eine Antwort auf diese Frage gefunden?

Kandel: Menschen sind komplex. Sie können sehr kultiviert, sehr zivilisiert, aber auch sehr brutal und kriminell sein. Das ist die Komplexität des menschlichen Geistes.

Womit wir wieder bei der Neurowissenschaft wären. Vor einigen Jahren startete US-Präsident Obama die Initiative "Brain Activity Map" und die EU das "Human Brain Project" - aber noch hört man nicht viel über Fortschritte. Werden wir das Gehirn nie verstehen?

Kandel: Sicher, wir machen gewaltige Fortschritte. Schauen sie sich dieses Gebäude an (das Jerome L. Greene Science Center ist in einem von Stararchitekt Renzo Piano geplanten, 2017 eröffneten Bau in der Nähe des Haupt-Campus der Columbia University untergebracht, Anm.), es ist nur der Gehirnforschung gewidmet. Jede Universität hat eine Forschungsgruppe in diesem Bereich. Gehirnforschung ist großartig. Zu verstehen, wie Erinnerung arbeitet, wie wir wahrnehmen, wie wir handeln - das sind wundervolle Probleme, ebenso Störungen des Gehirns, Schizophrenie, Depressionen, und die Frage, was unter diesen Umständen passiert.

(Das Gespräch führte Christian Müller/APA)

ZUR PERSON: Eric Kandel, am 7. November 1929 in eine jüdische Familie in Wien geboren, musste 1939 als Neunjähriger vor den Nazis in die USA fliehen. Er studierte an der New York University Medizin, um Psychiater zu werden, entschied sich aber dann für die Grundlagenforschung und widmete sich der experimentellen Untersuchung biologischer und molekularer Vorgänge im Gehirn. 1974 kam Kandel an die Columbia University in New York, wo er das Zentrum für Neurobiologie und Verhalten gründete und wo er nach wie vor Professor ist. Im Jahr 2000 erhielt er für die Entdeckung, dass Veränderungen der Stärke von Verbindungen zwischen Nervenzellen die Grundlage für Lernvorgänge im Gehirn darstellen, den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

STICHWÖRTER
Medizin  | Holocaust  | Museen  | USA  | New York  | Wissenschaft  | Forschung  | Sozialwissenschaften  | Geschichte  | Holocaust  | Kunst & Kultur  | Kultur  |
Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung