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Xenophobie - Nichts als ein gesellschaftliches Konstrukt

23.09.2019

"Angst und deren Bewältigung", lautete das Thema der Wiener Vorlesungen zur Sozialpsychiatrie. Angsterkrankungen sind eindeutig psychische Leiden. Andere Ängste sind hingegen bloß gesellschaftliche Konstrukte. Dazu gehört die Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit), sagte die Berliner Psychiaterin Marion Aichberger. Neu sei das Problem mit Nähe zu Rassismus und Antisemitismus auch nicht.

Phobien als Krankheiten sind eng definiert. Der von einer Angsterkrankung Betroffene leidet an Attacken, die ausschließlich oder überwiegend von ungefährlichen Situationen ausgelöst werden. "Xenophobie ist aber weniger Angst als Verachtung und Ärger, Wut oder Argwohn", sagte die Psychiaterin von der Berliner Universitätsklinik Charite, die sich auch mit Migrationsforschung und transkultureller Psychiatrie beschäftigt, bei der Veranstaltung im Wiener AKH.

Historisch bedingte Fremdenfeindlichkeit

Hass gegen "fremde Gruppen" funktioniert laut Aichberger nicht losgelöst vom Historischen und ist auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation angewiesen: "Xenophobie benötigt einen gesellschaftspolitischen Nährboden." Historische Grundlagen, soziale Faktoren, Medienpropaganda und andere Faktoren ergänzen einander. Logisch nachvollziehbar seien fremdenfeindliche Ansichten kaum.

Neu ist Xenophobie, die nicht den "Wanderer" als Zielobjekt hat, sondern Jenen, "der heute kommt und morgen bleibt", auch nicht, wie die Expertin erklärte: "Xenophobie ist eng mit Rassismus verbunden." Aichberger präsentierte Fotos aus der grässlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Transparenten mit der Aufschrift "We won't go to School with Negroes" demonstrierten Jugendliche in den US-Südstaaten kurz vor der Aufhebung der Rassentrennung in den USA. Bei ihnen dürfte eher das Elternhaus als eigene Meinungsbildung für die Protesthaltung gesorgt haben. "Nur für Juden", war im Nationalsozialismus auf Parkbänken zu lesen, in Südafrika bis zum Ende der Apartheid hingegen "Only for Europeans" für die privilegierten Weißen. Neu seien in Europa in den vergangenen Jahren im Endeffekt nur das vermehrte Äußern xenophober Ansichten in der Öffentlichkeit.

Konkurrenzgefühl zu anderen Gruppen

Die gefühlte Konkurrenz zwischen gesellschaftlichen Gruppen um Güter, die Wahrnehmung, dass andere Gruppen bessere Bedingungen vorfänden und Fragen der Identität stünden oft im Hintergrund fremdenfeindlicher Einstellungen, betonte die Psychiaterin. Was aber xenophobe psychische Prozesse charakteristisch macht: Vereinfachend wird ein kleiner Teil der Identität der Betroffenen - eben beispielsweise die Herkunft - als alleiniges Merkmal von Personen angesehen.

Die potenziellen Opfer der Xenophobie sind in Ländern wie Österreich und Deutschland in der globalisierten Welt ein erheblicher Anteil der Bevölkerung: 23 Prozent der in Österreich Lebenden haben Migrationshintergrund, in Deutschland sind es 24 Prozent. Während laut OECD-Daten ein knappes Drittel der Österreicher negative Einstellung zu diesen Menschen angaben, waren es 2017 in Griechenland 70 Prozent der Bevölkerung, in Ungarn rund 60 Prozent, zitierte die Psychiaterin aktuelle Daten.

Betroffene emotional belastet

Ohne Zweifel schädigt Xenophobie die Betroffenen. Aichberger nannte "gesteigerte emotionale Belastungen", depressive Störungen und das Gefühl, ein "wertloses menschliches Wesen" zu sein, als Hauptpunkte. Stressabbau, soziale Unterstützung und Wertschätzung durch Umwelt und Betreuer seien die besten Gegenmittel. Auch Protest gegen Diskriminierung könne notwendig sein.

Wichtig sei aber auch, dass die verschiedensten zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sonst ihre eigenen Interessen vertreten, sich gemeinsam zu Wort melden, um einfach zu zeigen: "Es gibt auch noch jemand Anderen", nicht nur Xenophobe.

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