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"Corona ist ein globales Problem, kein österreichisches", so Hirn © APA (GEORG HOCHMUTH)
"Corona ist ein globales Problem, kein österreichisches", so Hirn © APA (GEORG HOCHMUTH)

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Coronavirus - Philosophin Hirn: "Leben nicht auf danach verschieben"

19.03.2020

Die Philosophin Lisz Hirn warnt davor, die Zeit der Isolation während der Ausgangssperren mit To-Do-Listen zu kaschieren und "Normalität zu faken". "Man sollte das Leben nicht auf die Zeit danach verschieben, diese Zeit ist Teil unseres Lebens. Daraus sollte man auch eigene Erkenntnisse ziehen", sagte sie im APA-Gespräch. Die Ereignisse könnten etwa Ansporn sein, sich wieder stärker zu vernetzen.

Immerhin zeige sich gerade, dass das Individuum allein nicht besonders stark ist und wie sehr wir unsere Mitmenschen brauchen. "Das könnte uns nachher auch sehr helfen, wirtschaftliche Probleme auszugleichen", so die Philosophin, die gerade ihr jüngsten Buch "Wer braucht Superhelden - Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten" veröffentlicht hat.

Die Krise habe außerdem zwei Dinge ganz deutlich gemacht: Kleinere Unternehmen, Einzelunternehmer und Künstler bräuchten in Österreich deutlich bessere soziale Absicherung. "Das ist eine riesige Gruppe, auf die wir besser achten müssen in Zukunft, damit sie auch wirtschaftlich nicht zu einem Problem wird." Und es werde offensichtlich, welch wichtige Ressource die Sozialpartnerschaft für die Gesellschaft ist.

Mit Digitalisierung der Isolation trotzen

Die Digitalisierung zeigt sich für Hirn in der aktuellen Situation als Glücksfall, um die Isolation und ihre Folgen besser zu beherrschen. Immerhin würden Menschen in Grenzsituationen dazu neigen, sich in Ängste hineinzusteigern. Die Philosophie könne den Menschen in der aktuellen Verunsicherung indes keinen Trost spenden: "Dafür ist sie nicht zuständig, das kann die Religion besser."

Außerdem sei das Vorhandensein wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Coronavirus ohnehin ein großer Fortschritt im Vergleich zu Zeiten, in denen Menschen etwa an eine von Gott gesandte Pest glaubten. "Ich will nicht sagen, dass Wissenschaft tröstet. Aber sie kann vieles dazu tun, unsere Situation rasch zu verbessern und unser Chaos im Kopf zu ordnen und auch Ängste außer Kraft zu setzen."

Vernünftig gegen das Virus vorgehen

Dass es trotz der massiven Beschneidung von Freiheiten derzeit keinen Widerstand gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus und zum Schutz besonderer Risikogruppen gibt, hat für Hirn weniger mit Altruismus als mit Vernunft zu tun. "Das so zu pinnen, dass das eine Entscheidung ist, weil wir so lieb sind gegenüber älteren Generationen, halte ich für sehr gefährlich, weil das auch Frustrationen und Aggressionen schürt. Ich hielte es aber auch für verfehlt, denn wir haben alle etwas davon, wenn wir das Virus unter Kontrolle bekommen, indem das medizinische System nicht so stark überlastet wird und indem die Krise nicht ganz so schlimm wird und wirtschaftlich nicht so viele Auswirkungen hat. Wir haben alle ein Interesse daran, daheimzubleiben und diese Maßnahmen zu akzeptieren."

Die Hamsterkäufe in der vergangenen Woche zeigen für Hirn, dass viele Menschen heute nicht mehr daran gewohnt sind, vorzusorgen. "Dieses Bewusstsein dafür, was Knappheit ist und sich etwas ökonomisch einteilen zu müssen, ist nicht da. Man sollte nicht in einem ständigen Alarmismus leben. Aber dass wir bisher in einer sehr, sehr guten Zeit gelebt haben mit sehr, sehr guten Versorgungsmechanismen, das hat uns möglicherweise ein bisschen unvorsichtig oder leichtsinnig werden lassen."

Gutes Zeugnis für Krisenkommunikation

Der Krisenkommunikation der Regierung stellt Hirn bisher ein recht gutes Zeugnis aus. Es sei geglückt, den Ernst der Lage zu verdeutlichen, ohne dass Panik ausgebrochen ist. Auch die zuletzt drastischen Schilderungen der Lage in Italien durch die Regierung sind aus ihrer Sicht gerechtfertigt. "Es ist wichtig, hier an die Emotion zu appellieren - nicht nur um Empathie zu schüren, sondern auch im ein Verständnis für die Situation zu schaffen. Das ist jetzt scheinbar leichter über Emotionen, als über Ansteckungsraten. Das tut mir persönlich zwar leid, aber in diesem Fall hätte ich den Eindruck, dass diese Maßnahme zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt funktioniert hat."

Kritisch sieht Hirn das Heraufbeschwören eines "Team Österreich", das durch Befolgen der Regierungsvorgaben das Virus gemeinsam besiegen kann. "Corona ist ein globales Problem, kein österreichisches." Trotz Grenzschließung bleibe man mit den umliegenden Ländern verbunden. Statt nach irgendwelchen Schuldigen für die Pandemie zu suchen müsse der Ressourcenaustausch gewährleistet sein - auch für die Zeit danach, wenn es um den wirtschaftlichen Aufbau gehe.

(Das Gespräch führte Judith Riß/APA)

ZUR PERSON: Lisz Hirn (Jahrgang 1984) studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Sie ist als Philosophin, Autorin und Dozentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und als freiberufliche Künstlerin an Kunstprojekten und Ausstellungen beteiligt. Sie lebt und arbeitet in Wien und startete kürzlich ihren Podcast "Philosophieren mit Hirn" unter https://www.styriabooks.at/info/blogs/philosophieren-mit-hirn.

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