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Medizinethiker: "In Österreich zum Glück andere Situation als in Italien" © APA (AFP)
Medizinethiker: "In Österreich zum Glück andere Situation als in Italien" © APA (AFP)

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Krise zeigt "strukturelle Defizite" im Umgang mit Tod

09.04.2020

Blickt man auf die Anzahl der bisher an Covid-19 Verstorbenen und schwer Erkrankten, ist "Österreich zum Glück in einer anderen Situation als Italien oder Spanien", so der Medizinethiker Ulrich Körtner zur APA. Trotzdem offenbare die Krise hierzulande "strukturelle Defizite" im Umgang mit dem Tod und dem Thema "Sterben". Vor Konflikten zwischen Jung und Alt warnt der Wissenschafter eindringlich.

Glücklicherweise halte sich die Zahl der Coronatoten in Österreich bis dato mit 273 (Stand: 8. April, 15.00 Uhr) noch in Grenzen, so der evangelische Theologe und Ethiker von der Universität Wien. Da das noch nicht die Ausmaße einer "nationalen Katastrophe" erreicht hat, stehen jene Menschen, die bisher jemanden durch Covid-19 verloren haben, noch ein Stück weit alleine da, während sich in China oder Italien schon "eine Art breite Gedenkkultur" entwickle.

Ungeachtet der teils dramatischen Appelle der Politik inklusive des für Körtner problematischen Bildes der "Auferstehung nach Ostern" sei Österreich hier ein Stück weit "in der Zuschauerhaltung. Ich sehe nicht, dass jetzt ein Ruck durch die Gesellschaft ginge, sich ganz massiv mit unserer Endlichkeit und Sterblichkeit auseinanderzusetzen." In der Krise zeige sich "im Grunde, wie säkular unsere Gesellschaft eigentlich ist", sagte Körtner.

Bei Sterbekultur "noch Luft nach oben"

Gleichzeitig werde auch klarer, dass in Österreich im Bereich der "verbesserten Sterbekultur" trotz jahrelanger Diskussionen "noch Luft nach oben ist". Von den Empfehlungen einer parlamentarischen Enquete im Jahre 2015 zu dem Thema sei vieles nicht umgesetzt worden. "In einer Extremsituation wie der jetzigen, werden die vorhandenen Defizite natürlich spürbar", so Körtner, dessen Befund sich weniger auf die Intensiv-, sondern mehr auf die Palliativ- oder Hospizversorgung sowie Pensionisten- und Pflegeheime richtet.

Letztere müssen sowohl eine Lebensperspektiven als auch Perspektiven im Umgang mit dem Sterben in einer "gewissen Würde und Intimität" bieten und tun dies auch. In Gesprächen mit Leuten, die in dem Bereich arbeiten, zeige sich, "dass die Häuser im Umgang mit Coronapatienten und ihren Angehörigen an ihre Grenzen stoßen". Dass dann logischerweise Verdachtsfälle in Krankenhäuser verlegt und bei positiver Testung auch dort verbleiben, führe dazu, dass sich bei schlechtem Krankheitsverlauf "das Sterben wieder aus den Häusern heraus verlagert".

Das liege aber nicht an den einzelnen Einrichtungen, sondern an strukturellen Fragen "zur Sterbekultur und Sterbebegleitung", betonte Körtner. Es sollte demnach über Möglichkeiten nachgedacht werden, auch mit schwerem Covid-19-Verlauf etwa im Pflegeheim oder in familiärer und hausärztlicher Pflege und - dem Wunsch vieler Menschen entsprechend - nicht unbedingt im Spital zu versterben.

Isolierung von Risikogruppen problematisch

"Extrem kritisch" sieht der Medizinethiker Ideen, die angesichts des Wieder-Hochfahrens Österreichs die stärkere Isolierung von Risikogruppen - und damit vor allem älterer Menschen - beinhalten. Neben großen ethischen Bedenken gebe es auch ganz pragmatische Argumente dagegen - so etwa die Frage, "wo fängt Alter an?". Pauschales Containment von bestimmten Altersgruppen sei nicht nur "medizinisch falsch, es hat auch sozial problematische Auswirkungen", sagte Körtner, der hier auch vor dem Aufbrechen eines Generationenkonflikts warnt, in dem "Junge gegen Alte ausgespielt werden".

Nichtsdestotrotz sei es wichtig, dass ältere Menschen jetzt ihre Sozialkontakte reduzieren. "Das aber zu erzwingen halte ich auch für verfassungs- und grundrechtlich problematisch" und laufe auf eine bedenkliche Bevormundung gesellschaftlicher Gruppen hinaus, betonte der Ethiker.

Zum Glück scheine die Überforderung des Gesundheitssystems vorerst an Österreich vorüberzugehen. Bei aller Hoffnung, "dass wir in solche Triage-Situationen nie hineinkommen", sollten sich Institutionen trotzdem weiter Gedanken darüber machen, nach welchen Kriterien der Betrieb weitergeführt wird, wenn Worst-Case-Szenarien tatsächlich eintreten. Dafür brauche es verbindliche, ethisch fundierte Leitlinien. Es sei aber zu befürchten, dass solche schwierigen und unangenehmen Fragen und gesundheitspolitische Strukturreformen nach dem Abebben der Krise in vermutlich erst mehreren Monaten, wieder auf die lange Bank geschoben werden.

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