Kultur & Gesellschaft

Vohland will "größere Rolle in internationalen Diskursen" © APA (Hochmuth)
Vohland will "größere Rolle in internationalen Diskursen" © APA (Hochmuth)

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Neue NHM-Chefin Vohland: "Corona wird eine wichtige Rolle spielen"

29.04.2020

Die 51-jährige Biologin Katrin Vohland vom Museum für Naturkunde Berlin tritt am 1. Juni ihr Amt als wissenschaftliche Geschäftsführerin und damit Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums (NHM) an. Noch vor ihrem offiziellen Amtsantritt sprach Vohland mit der APA über aktuelle und künftige Herausforderungen von naturwissenschaftlichen Museen und ihre Vorhaben für Wien.

APA: Frau Vohland, wie geht es Ihnen in Ihrem Berliner Home-Office? Vor allem aber: Wann wird das Berliner Museum für Naturkunde, wo Sie ja derzeit noch beschäftigt sind, wieder aufsperren?

Katrin Vohland: Grundsätzlich sind wir tatsächlich angewiesen, zu Hause zu arbeiten. Ab und zu bin ich aber in meinem Büro, etwa, wenn ich etwas unterschreiben muss. Wir diskutieren jetzt die Öffnung ab Mitte Mai. Da sind noch viele Sachen unklar: Misst man Fieber, wenn die Besucherinnen und Besucher durch die Tür kommen? Wie kriegt man das Abstand-Halten hin? Sind die sanitären Anlagen überhaupt geeignet? Da ist eine ganze Menge zu bedenken.

APA: Hier in Österreich gab's ja eine recht heftige Debatte. Was ist Ihre Meinung: Müssen Museen aufsperren, sobald sie dürfen?

Vohland: Ich denke, die einzelnen Museen sind da etwas unterschiedlich zu behandeln. Sie haben teilweise unterschiedliche Aufgaben und auch unterschiedliche Besucherströme. Naturhistorische Museen haben beispielsweise große Sammlungen, bei denen ständig etwas zu tun ist, auch ohne täglichen Besucherverkehr. Natürlich ist auch das kulturelle Angebot eine wichtige Aufgabe dieser Museen. Vermutlich kann man in Museen die Besucherabstände leichter regulieren als bei Großveranstaltungen. Es ist eine Abwägung zwischen der Verminderung des Ansteckungsrisikos und dem Bedürfnis nach Kultur.

APA: Ist das nicht eine große Chance für naturkundliche Museen, da aufklärend zu wirken?

Vohland: Auf der Website in Berlin finden Sie die neuesten Informationen zu Corona. Auf der europäischen Plattform zu Citizen Science, die wir kürzlich eröffnet haben, gibt es Projekte, bei denen sich Menschen an der Forschung zu Corona beteiligen können. Neben dem biologischen Bereich, wo beispielsweise spielerisch der Zusammenhang zwischen der DNA-Sequenz und der Struktur der Virenproteine hergestellt werden kann, gibt es dabei auch Projekte, die sich mit den sozialen Auswirkungen beschäftigen: Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie und der Umgang mit ihr auf die Gesellschaft? Dieses Zusammenspiel zwischen Natur- und Sozialwissenschaften könnte auch in Wien viel stärker werden. Diese ganze Frage der Koevolution finde ich unglaublich spannend. Dass so ein kleines Virus aus irgendeinem Tier aus China die Weltwirtschaft lahmlegt - das ist doch verrückt!

APA: Wird die Coronakrise bei Ihrem Wiener Start im Juni ein Themenschwerpunkt sein?

Vohland: Ich gehe davon aus, dass wir uns mit den Auswirkungen noch sehr viel länger auseinandersetzen werden und die Angebote an das veränderte Besucherverhalten anpassen werden. Corona wird also eine wichtige Rolle spielen. Primär fokussiere ich mich darauf, das Haus, die Menschen, die Infrastruktur kennenzulernen. Wir sind verpflichtet, in den ersten drei Monaten eine Strategie für das Museum vorzulegen. Das wird die erste Aufgabe sein. Basierend auf meinem ersten Konzept freue ich mich darauf, gemeinsam mit dem Team zu überlegen: Wofür steht das Museum jetzt und wohin wollen wir eigentlich?

Das Museum hat eine große Sammlung an Tieren und Pflanzen, an Biodiversität. Der Verlust an biologischer Vielfalt ist ein großes Thema. Hier kann das Museum noch stärker im europäischen Raum aktiv werden, auch im Zusammenhang mit dem Green Deal, den EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellt hat. Beim International Council of Museums (ICOM) werden die Aufgaben eines Museums derzeit heftig diskutiert: Ein Museum ist für Menschenrechte, für Demokratie, für Empowerment da, hieß es dort. Eine Vision für das Naturhistorische Museum zu entwickeln und dann gemeinsam mit den Mitarbeitenden die Forschungsstrategie, die Sammlungsstrategie, die Ausstellungsstrategie abzuleiten - das ist der erste Job, den ich machen muss.

APA: Begibt man sich damit nicht weg von den Zielsetzungen des Bundesmuseengesetzes? Dort heißt es: sammeln, bewahren, forschen.

Vohland: Nein, es geht um die Schwerpunktsetzung. Die Sammlungsstrategie muss dem folgen, was man beforscht. An Forschung kommt das Museum überhaupt nicht vorbei. Ohne die Forschung ist das Museum nicht glaubwürdig. Aber die Forschung muss sich daran orientieren, was das Museum tatsächlich erreichen will, und sie muss auch ganz stark sammlungsbasiert sein. Das bedarf eines Gesamtkonzepts für das Museum. Das Museum für Naturkunde in Berlin beispielsweise ist Teil der Leibniz-Gemeinschaft, deren Einrichtungen alle sieben Jahre evaluiert werden. Ich bin stolz, dass die eben veröffentlichte letzte Evaluierung unseren sense of purpose besonders hervorgehoben hat - dass also das Museum weiß, wozu es da ist, und es sich damit auch als role model für die Zukunft entwickelt.

APA: Denken Sie für die Forschung an mehr Drittmittel oder daran, den Bund stärker in die Pflicht zu nehmen? Das könnte angesichts der kommenden Wirtschaftskrise schwierig werden.

Vohland: Das stimmt, in Deutschland hatten wir Projekte in der Pipeline, die gestrichen wurden, weil das Geld jetzt gerade zu Corona fließt. Klar. Das ist aber eine Sache, die auszuhandeln ist. Bei den Drittmitteln wird sicherlich etwas wegbrechen. Aber auch an der Corona-Forschung kann sich das Museum beteiligen. Es wird sicherlich nicht die letzte Krankheit sein, die von Tieren auf Menschen überspringt. Sich da bereits Gedanken zu machen, ist wichtig. Da können die naturkundlichen - oder auch pathologischen - Sammlungen wertvolle Hinweise geben. Bei uns in Berlin sind sogar die Dinosaurierknochen in Hinblick auf Krankheiten untersucht worden.

APA: Die Dinosaurier-Grippe hatten wir noch nicht...

Vohland: Es kann durchaus sein, dass es beim Einwerben von Forschungsmitteln kompetitiver wird. Mir wäre es wichtig, dass wir uns mit Partnern als Naturhistorisches Museum an den europäischen Ausschreibungen beteiligen. Ich denke, dass das Museum da eine größere Rolle spielen kann als bisher.

APA: Was sind die größten Defizite, die Sie mit Ihrer Vita und Ihrer Erfahrung in Wien beheben können?

Vohland: Ich möchte diese Idee, als ganzes Haus zu wirken, stark voranbringen, und ich möchte, dass das Naturhistorische Museum in den internationalen Diskursen und Debatten über Forschungsmuseen eine größere und sichtbarere Rolle spielt. Es ist zwar groß, es ist wunderschön, aber es hat keine sichtbare Relevanz in den internationalen Netzwerken. Wenn man die Naturwissenschaften und die Sozial- und Geisteswissenschaften stärker zusammenbringt, hätte es unglaublich großes Potenzial, den internationalen Diskurs fundiert zu bereichern.

APA: Sie haben viel zu Biodiversität geforscht. Befürchten Sie nicht, dass Themen wie Artenvielfalt und Klimawandel in den kommenden Jahren, wenn es vornehmlich darum gehen wird, die Wirtschaft wieder "hochzufahren", wieder arg an Boden verlieren könnten?

Vohland: Im aktuellen Regierungsprogramm von Österreich stehen durchaus einige Sachen zum Umweltschutz und Klimawandel. Es hängt jetzt sehr stark davon ab, wie aktiv die Netzwerke da sein werden. Einerseits hat man jetzt gesehen, was alles geht. Andererseits führt die Krise tatsächlich zu sehr großen ökonomischen Verlusten. Aber was ich extrem interessant finde: Welche Rolle die Wissenschaft auf einmal spielt, und wie stark die Politikerinnen und Politiker jetzt auch Wissenschafterinnen und Wissenschafter in ihre Debatten und Entscheidungen einbeziehen. Ich möchte, dass sich auch das Museum mit seiner wissenschaftlichen Expertise mehr und breitenwirksamer einmischt. Das Museum ist kein politischer Player, aber es spielt eine Rolle in der Gesellschaft, und es sollte sicherlich auch eine Haltung entwickeln.

APA: Staatssekretärin Lunacek sagte bei Ihrer Präsentation, sie haben ihr das "Bild einer modernen Museumsdirektorin" vermittelt. Was muss eine solche jedenfalls können?

Vohland: Ich hatte das große Glück gehabt, an dem zweijährigen Noyce Leadership-Programm teilnehmen zu können, bei dem es darum geht, Leitungen von Museen und Science-Centern auszubilden. Das hat mir sehr geholfen. Darauf aufbauend, stecke ich erst mal ganz viel Vertrauen in die Mitarbeitenden und ihre Potenziale. Gemeinsam werden wir eine Vision für das Haus entwickeln. Ich denke, ein modernes Museum hat den Auftrag, auch die Menschen für Natur und Forschung zu begeistern, die dem etwas ferner sind. Da gibt es auch in Wien bereits spannende Ansätze. In Berlin habe ich mich entsprechend viel mit Bürgerforschung befasst. Das ist eine gute und sicherlich auch hier ausbaufähige Möglichkeit, eine Brücke zwischen Wissenschaft und anderen Teilen der Gesellschaft zu schlagen.

APA: Ihre Bestellung war von viel Kritik begleitet - von der Tatsache, dass Ihr jetziger Chef in der Jury war bis zu Ihrer politischen Tätigkeit für die deutschen Grünen. Wie werden Sie versuchen, die Kritiker zu überzeugen, dass sie dennoch die richtige Wahl sind?

Vohland: Durch meine Arbeit. Das ist natürlich leichter, wenn ich erst einmal vor Ort bin und anfangen kann. Ich hatte mich beworben und erst danach erfahren, dass mein Chef in diesem Auswahlgremium ist. Und: Ja, ich bin seit Mitte der 90er-Jahre Mitglied bei "Bündnis 90 / Die Grünen". Ich war Sprecherin im Kreisverband Potsdam und dann zwei Jahre Co-Sprecherin des Landesverbandes Brandenburg. Das war kein Posten, sondern tatsächlich ein unentgeltliches Ehrenamt neben Job und Familie. Ich habe in der Zeit unglaublich viel gelernt. Es gibt allerdings Zielkonflikte zwischen Wissenschaft und Politik, deswegen hatte ich mich entschieden, dass ich das nicht weitermache. Obwohl ich mit dem Landtag geliebäugelt habe. Brandenburg ist aufgrund des Kohleausstiegs aktuell in einer spannenden Transformationsphase, aber ich habe meine Mitgliedschaft ruhend gestellt. Ich bin von meinem Wesen her vor allem Wissenschafterin.

APA: Der jetzige NHM-Generaldirektor Christian Köberl war sehr enttäuscht über die Tatsache und die Umstände seiner Nicht-Wiederbestellung. Wie läuft unter diesen Vorzeichen die Amtsübergabe an Sie?

Vohland: Wir werden sehen, aber ich bin sehr zuversichtlich. Ich schätze sehr, was Herr Prof. Köberl alles für das Museum gemacht hat. Er hat Schausäle und Labore modernisiert, das ist verdienstvoll. Er hat in seinem Bereich die Forschung vorangebracht. Ich denke aber, es gibt schon Unterschiede zwischen uns - auch in der Vorstellung, wie die Leitung eines Museums aussieht. Ich stehe mit ihm in Kontakt, bin ab Mitte Mai in Wien und werde ihn dann aufsuchen. Ich mache mir da nicht wirklich Sorgen, sondern freue mich auf meine neue Aufgabe.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Zur Person: Katrin Vohland wurde am 29. September 1968 in Hamburg geboren. Sie studierte Biologie in Bielefeld und Bayreuth, wo sie im Bereich Tierökologie abschloss. Ab 1995 folgte eine vierjährige Tätigkeit in der Abteilung Tropenökologie am Max-Plack-Institut für Limnologie in Plön, im Rahmen derer sie etwa im Amazonasgebiet zu Artenbildung und Biodiversität forschte. Das war auch das Thema ihrer Dissertation, mit der sie 1999 an der Universität Kiel promovierte. Ihren wissenschaftlichen Weg führte sie am Museum für Naturkunde Berlin (MfN) fort, wo sie zur Artenvielfalt und Landnutzung im südlichen Afrika forschte und 2012 die Leitung des Forschungsbereichs "Wissenschaftskommunikation und Wissensforschung" und der Abteilung "Wissenschaft in der Gesellschaft" übernahm. Dazwischen hatte sie einen Lehrstuhl für Vegetationsökologie und Naturschutz an der Universität Potsdam und arbeitete am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit den 1990er Jahren war sie auch für das Bündnis 90/Die Grünen aktiv.

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