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13.07.2020

Als Vorboten von Krankheit, Krieg und Seuche galten Kometen seit der Antike. In der frühen Neuzeit wurden sie aber auch zu einem medialen Ereignis, an dem alle Menschen, vom Gelehrten bis zur Magd, Anteil nahmen. Wie die ÖAW-Historikerin Doris Gruber in einem neu erschienenen Buch schildert, spielten frühneuzeitliche Druckwerke bei der Deutung und Entschlüsselung von Kometen eine entscheidende Rolle.

Ob giftige Dampfklumpen, Goldlieferanten, bewohnte Himmelsobjekte oder Warnung vor dem Jüngsten Gericht - an vielfältigen Theorien zu Kometen mangelte es in der frühen Neuzeit nicht. Insbesondere die drei großen Kometenerscheinungen von 1577/78 sowie 1680/81 und 1743/44 wurden auch in Mitteleuropa mit einer Vielzahl von Bedeutungen verknüpft, bestätigt Doris Gruber, Historikerin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Viele davon hatten zunächst mit einer alten Vorstellung der Himmelskörper als himmlische Wunderzeichen zu tun.

"Die seit der Antike verbreitete Beurteilung von Kometen als Wunderzeichen, die von Gott oder von Göttern geschickt werden, war auch in der frühen Neuzeit tief im kollektiven Bewusstsein verankert", erläutert Gruber. So wurde der mit freiem Auge sichtbare Komet C/1618 W1 als Vorbote des Dreißigjährigen Krieges gedeutet. Auch im großen Kometen von 1680 sah man, vor dem Hintergrund einer damals im Mitteleuropa grassierenden Pestepidemie, eine göttliche Warnung: In Regensburg wurden nach der Kometenerscheinung der Bevölkerung umgehend Vorschriften ausgegeben, um "alles sündige Wesen insgesamt abzulegen" und damit die drohende Seuchenwelle abwenden zu können.

Die Deutung von Kometen als Anzeichen oder Warnungen ist dabei nicht nur aus einer religiösen Perspektive heraus zu erklären. Vielmehr dienten die Himmelskörper als Projektionsfläche für unterschiedlichste gesellschaftliche Sorgen, Hoffnungen und Erfahrungen, die ebenso Kriege wie Zeiten von Inflation und selbst Hungersnöte umfassten. Himmelserscheinungen, die wie der große Komet von 1743 über viele Monate auch bei Tag mit freiem Auge sichtbar waren, stießen schließlich nicht nur bei Gelehrten auf großes Interesse.

Kometen als Verkaufsschlager

Interesse, das wiederum von unterschiedlichsten Seiten bedient wurde - nicht zuletzt durch Flugblätter und Flugschriften. Diese Vorläufer der heutigen Zeitungen waren um relativ wenig Geld zu haben. Indem fahrende Händler ihre Waren auf Märkten lautstark anpriesen und auch daraus vorlasen, und weil die gekauften Druckzeugnisse in der Kirche, am Stammtisch, im Bauernhaus oder am Markt diskutiert wurden, kamen selbst jene Menschen mit ihren Inhalten in Berührung, die nicht lesen konnten.

Bei der Untersuchung derartiger Kleindrucke konnte Gruber feststellen, dass Kometen nicht nur häufiger auftauchten als erwartet, sondern auch verlässliche Verkaufsschlager waren - insbesondere wenn dabei damals verbreitete Annahmen in Frage gestellt wurden. Manche Theorien und Deutungen von Kometen dürften überhaupt nur entstanden sein, um mehr Flugblätter und Flugschriften zu verkaufen. So behauptete der Schulmeister Johannes Vulpius in einer pseudonym veröffentlichten Flugschrift Ende des 17. Jahrhunderts, Kometen seien Vorzeichen, die etwa Frieden, Gesundheit und die Geburt hoher Potentaten ankündeten - während derselbe Verfasser unter anderem Namen Drucke herausbrachte, in denen er Kometen als Vorzeichen schlimmer Ereignisse darstellte.

Glücksfälle für Wissenschaft

Für die Wissenschaften waren Kometen ohnehin seltene Glücksfalle. Da sie einzigartige Möglichkeiten zur Himmelsbeobachtung boten, ebneten sie den Weg für neue Theorien und Entdeckungen. Bis heute werden große Denker wie Tycho de Brahe, Johannes Kepler, Edmond Halley oder Leonhard Euler mit den Himmelskörpern in Verbindung gebracht: Nach Jahrhunderten, in denen man sich größtenteils mit dem Wissen der Antike begnügt hatte, gelangten wissbegierige Menschen der frühen Neuzeit nach und nach zu neuen Erkenntnissen über Kometen. Tycho de Brahe, Michael Mästlin und Helisäus Röslin berechneten etwa, dass Kometen nicht - wie bis dahin weitgehend angenommen - zwischen Erde und Mond liegen, sondern sich weit jenseits des Mondes befinden. Johannes Kepler argumentierte wiederum als erster dafür, dass Sonnenstrahlen für das Entstehen der Kometenschweife verantwortlich sind.

Angesichts zahlreicher Erkenntnisse wie dieser vermag es nicht zu verwundern, dass Kometen vor dem Hintergrund der aufstrebenden Wissenschaften im Rückblick als immer exklusiveres Betätigungsfeld der Wissenschaften betrachtet wurden. Das allerdings ist gründlich in Frage zu stellen, wie Doris Gruber betont. "Kometen beschäftigten in der frühen Neuzeit nicht nur bis heute sehr angesehene Denker wie Johannes Kepler", ist die Forscherin überzeugt. "Vielmehr waren sie gesamtgesellschaftliche Ereignisse - und gerade das gemeinsame Nachdenken weiter Teile der Bevölkerung förderte neue Erkenntnisse." So hätten insbesondere Flugschriften und Flugblätter dazu beitragen, dass sich auch die Wissenschaften mit diesen Phänomenen befassten. Diese Verzahnung zwischen medialem gesellschaftlichen und wissenschaftlichem Interesse verdeutlichte unter anderem die Tatsache, dass sehr angesehene und gelehrte Personen wie der Wiener Hofastronom David Fabricius, der Mathematiker Leonhard Euler oder auch Johannes Kepler Flugschriften verfassten.

Kepler selbst soll übrigens schon als Kind von einer Kometenerscheinung tief beeindruckt gewesen sein. Ob er seinen späteren Weg in die Wissenschaften auch dann gewählt hätte, wenn Diskussionen über Kometen seinerzeit nicht allgegenwärtig gewesen wären? Das jedenfalls steht in den Sternen.

Auf einen Blick

Doris Gruber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Forschungsarbeiten sowie die Monographie "Frühneuzeitlicher Wissenswandel. Kometenerscheinungen in der Druckpublizistik des Heiligen Römischen Reiches" wurden von der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf) gefördert.

Quelle: ÖAW Newsletter

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