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Der Frühjahrsputz klappt auch nonverbal © APA (dpa)
Der Frühjahrsputz klappt auch nonverbal © APA (dpa)

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Wissenschafter weiter uneins, ob Affen sprechen könnten oder nicht

13.07.2017

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 26/2017 und nicht zwingend tagesaktuell

Ein für alle Male wollte man mit dem Mythos aufräumen, dass Affen keinen zum Sprechen geeigneten Vokaltrakt haben, sagte der Wiener Biologe Tecumseh Fitch kürzlich zur APA. Mit Kollegen zeigte er im Dezember des Vorjahrs, dass Affen aufgrund ihrer Anatomie sehr wohl plaudern könnten. Doch die Wissenschaftswelt erhebt im Fachblatt "Science Advances" Einspruch. Die Affensprache wäre nicht gut genug.

Fitch, der am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien forscht, hat die stimmbildenden Organe wie Kehlkopf, Zunge und Lippen von lebenden Makaken ganz genau untersucht und dabei herausgefunden, dass der Vokaltrakt der Tiere um einiges flexibler ist als bisher angenommen. In Simulationen beobachtete er mit Kollegen, dass die Affen fünf Selbstlaute perfekt verständlich artikulieren können. Nicht darunter war aber etwa der Laut "i". Trotzdem gäbe es tausende Worte, die sie auf Englisch oder Deutsch bilden könnten, sagte der Forscher.

Es läge also an den fehlenden kognitiven Fähigkeiten - und nicht an der falschen Anatomie, dass Affen nicht miteinander tratschen, folgerten Fitch und Kollegen. Sie waren der Meinung, die "nervigen Behauptungen" und "hartnäckigen Annahmen" vom sprachunfähigen Vokaltrakt der Affen, die auf Untersuchungen von toten Tieren fußten, seien nun "endgültig aufgeklärt" und würden aus den Lehrbüchern verschwinden.

Artikulation "nicht robust genug"

Dem ist wohl nicht der Fall. In der aktuellen Ausgabe von "Science Advances" kritisiert Philip Lieberman von der Brown University in Providence (USA) die Schlussfolgerungen von Fitch und Co. heftig. Ohne "Quantenvokale" wie "i" sei eine Artikulation nicht "robust genug" für das tägliche Leben und ähnle nicht der Menschensprache. Bei den Menschen sei eine eigene Evolution des Sprachapparats nötig gewesen, damit sie so reden können wie heute. Weil die Sprache für Menschen extrem wichtig ist, hätte ihre Evolution sogar einen großen Nachteil in Kauf genommen: Nämlich, dass Essen oder Trinken auch in die Atemwege gelangen können, was immerhin die vierthäufigste Ursache für Unfalltod in den USA ist. Lieberman ist übrigens einer jener Forscher, der den Vokaltrakt nur bei toten Affen untersucht hat.

Freilich haben sich die Sprachorgane bei den Menschen weiterentwickelt. Außerdem hätte man nie behauptet, dass eine hypothetische Affensprache jener der modernen Menschen gleicht, entgegnen Fitch und Kollegen im selben Heft. Von Lieberman als Quantenvokale bezeichnete Selbstlaute mit "extremer Aussprache" wie "i" seien bei menschlichen Sprachen zwar verbreitet, aber nicht universell vorhanden. Die Affen hätten auch ohne diese Töne genug anatomische Möglichkeiten für ein großes Vokabular an gut unterscheidbaren Wörtern. Die Ergebnisse ihrer Studie seien weiterhin gültig.

Service: Lieberman-Arbeit: http://dx.doi.org/10.1126/sciadv.1700442; Fitch-Replik: http://dx.doi.org/10.1126/sciadv.1701859; Ursprüngliche Arbeit von Fitch: http://dx.doi.org/10.1126/sciadv.1600723

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