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(v.l.) Heinz Faßmann, Barbara Schober, Sabine Ladstätter, Angela Kallhoff © BMBWF/Thomas Wagner
(v.l.) Heinz Faßmann, Barbara Schober, Sabine Ladstätter, Angela Kallhoff © BMBWF/Thomas Wagner

APA

Faßmann sieht Forschungsthemen-Vorgaben "legitim, aber problematisch"

01.02.2018

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 04/2018 und nicht zwingend tagesaktuell

Die Vorgabe langfristiger Themen, mit denen sich Wissenschaft und Forschung beschäftigen, sieht Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) als zweischneidiges Schwert. Lenkung sei "legitim, aber problematisch", weil sie die Flexibilität der Forschung, auf akute Entwicklungen zu reagieren, einschränke, sagte der Minister bei einer Diskussion in Wien.

Die Wissenschaft ist frei: Der Staat hat nicht das Recht, Forschung und Lehre an ideologischen Zielen auszurichten, heißt es schon im Staatsgrundgesetz von 1867. Aber wie frei sind Forscher heute wirklich, und wo sind sie besonders gefordert, Verantwortung zu übernehmen? Diese Fragen wurden bei der Podiumsdiskussion im Rahmen des vom Bildungsministerium organisierten Science Talk erörtert.

Freiheit ist relativ

"Die Freiheit der Wissenschaft ist wohl elementar. Aber sie ist begrenzt durch das Angewiesensein auf Forschungsgelder. Etliche Rahmenprogramme, wie Horizon 2020, geben Themen vor. Kein Forscher kann nur auf seine innere Stimme hören", so Faßmann. Zudem sei ein Forscher immer Teil einer Hierarchie, auch Mentoren geben Themen vor. Hinzu komme mit der sogenannten Third Mission die Aufgabe der Universitäten, sich Themen zuzuwenden, die die Gesellschaft interessieren - "auch hier sind sie nicht frei".

Trotzdem: Das Ausmaß der Freiheit eines Politikers sei nichts im Vergleich zu jener eines Wissenschafters. "Ich habe beides probiert, kein Vergleich", so der Minister.

Die große Verantwortung jedes einzelnen Forschers unterstrich Sabine Ladstätter, Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAW) und Leiterin der Grabung Ephesos. "Bei der Grabungsarchäologie ist keine Reproduzierbarkeit gegeben. Macht man etwas nicht richtig, ist es für die Ewigkeit zerstört. Deshalb ist der Prozess des Ausgrabens eine Riesenverantwortung. Um die Ergebnisse nachzuvollziehen, ist eine lückenlose Dokumentation sehr wichtig", betonte sie. Diese exponierte Position öffne aber auch die Tür für Scharlatanerie: "Es müssen überzeugte Wissenschafter am Werk sein, die sich keine schlampigen Gedanken erlauben", so Ladstätter.

Öffentlichkeitsarbeit gehört für die Archäologin zum Wissenschaftsbetrieb dazu. Die Bevölkerung habe großes Interesse, informiert zu werden. Komplexe Themen einfach zu formulieren, ohne zu simplifizieren, "sollte Forschern keine lästige Pflicht sein, sondern ein tiefes Bedürfnis." Bei der Öffentlichkeitsarbeit ortete Faßmann eine gewisse Themenverantwortung. "Darf ich jedes Thema jederzeit publizieren? Wenn man seine Verantwortung wahrnimmt, ist nicht alles erlaubt", so der Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung.

Ethik gewinnt an Bedeutung

Angela Kallhoff, Ethik-Professorin an der Universität Wien und Leiterin der Forschungsplattform Nano-Norms-Nature, sah einen Paradigmenwechsel: "Die Ethik mischt sich in die Debatte ein, und das ist gut so." Man mache vorausschauende Forschung, entwickle Szenarien und Visionen, wo man hin möchte. "Aber das ist keine Einschränkung von Freiheit, wenn man sich Gedanken über eine lebenswerte Gesellschaft macht." So sehr der einzelne Forscher auch Verantwortung übernehme - er sei stets in Gesamtheiten und somit in der kollektiven Verantwortung "gefangen". In Bezug auf die chronische Unterfinanzierung der Geisteswissenschaften merkte sie an, auch hier müsse über Zukunftsszenarien nachgedacht werden, nicht nur in der medizinischen Forschung.

Die Wissenschaft solle ihre Verantwortung stärker wahrnehmen, um Sachverhalte zu relativieren und Evidenzen bzw. Widersprüche aufzuzeigen, betonte Barbara Schober, Dekanin der Fakultät für Psychologie und Professorin für Psychologische Bildungs- und Transferforschung an der Universität Wien. "Wir müssen den Diskurs forcieren und die Politik sollte aufmerksamer zuhören", so ihre Aufforderung.

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