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EU ist für Snyder ein bewahrenswertes "Ausnahmekonstrukt" © APA (Pfarrhofer)
EU ist für Snyder ein bewahrenswertes "Ausnahmekonstrukt" © APA (Pfarrhofer)

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Historiker: Einzigartiges Konstrukt EU darf Mythen nicht erliegen

10.05.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 18/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

In einer ersten "Rede an Europa", aus der sich eine Vorlesungsreihe entwickeln soll, hat der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder im Rahmen der Wiener Festwochen die Europäer gemahnt, sich von ihren Mythen loszusagen. Nur so könne die Europäische Union zu ihrer wahren Stärke finden und "eine Quelle der Hoffnung, vielleicht die einzige Quelle der Hoffnung für die Zukunft sein".

In seinem Vortrag auf dem Judenplatz im Herzen von Wien vor dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah schlug Snyder, der Geschichte an der Yale University lehrt, die Brücke zwischen den beiden Gedenktagen des 9. Mai: den Sieg über Nazi-Deutschland 1945 und den Europatag anlässlich der Rede des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman 1950, die den Einigungsprozess auf dem Kontinent einleitete. Der 49-Jährige rief dazu auf, bei der Wahl der Erinnerungskultur an die Ereignisse damals bis heute nicht den Mythos von Nationalstaaten heranzuziehen, sondern die Geschichte, "wie sie tatsächlich war".

Absage an "unschuldige" Nationalstaaten

Der "netten, kleinen, unplausiblen" Erzählung von "unschuldigen" Nationalstaaten, die sich zusammenfanden und kooperierten, erteilte er eine Absage. Die Gründungsmitglieder der späteren EU seien nämlich keine Nationalstaaten gewesen, sondern "die europäische Integration ist die Schöpfung von gescheiterten und scheiternden Großreichen (Kolonialreichen, Anm.)". Aus Sicht Snyders war der von NS-Diktator Adolf Hitler angezettelte Zweite Weltkrieg der "letzte europäische Versuch", ein solches Großreich zu schaffen. Als auch dieser scheiterte, sei man in Europa in dieser Phase vor der Wahl gestanden: Nationalstaaten oder neue Imperien. Zu beiden sei es aber nicht gekommen, sondern zur Europäischen Union als "einzige neue, fruchtbare, produktive Antwort" auf die Frage, wie es weitergehen sollte, analysierte Snyder.

Die EU ist für den Historiker, der auch am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien tätig ist und sich insbesondere mit der Geschichte Osteuropas und dem Holocaust auseinandergesetzt hat, in dieser Form eine "Ausnahme", denn der Rest der Welt sei nach wie vor von Imperien wie den USA, Russland oder China geprägt. Dieses Ausnahmekonstrukt - "eine Einheit wie keine andere auf der Welt" - habe Erscheinungen des Imperialismus wie Eroberungen, um sich angeblich überlebensnotwendige Ressourcen zu sichern, die Zerstörung von Staaten, oder - wie etwa beim Massenmord an den Juden - Menschen nicht als Menschen zu betrachten, überwunden. "Die Europäische Union stärkt die europäischen Staaten. (...) Die Europäische Union schützt den Staat", betonte Snyder. Indem sie Marktmonopolen entgegenwirke oder Bildung und faktenbasierten Journalismus fördere, setze sie einer Entmenschlichung etwas entgegen.

Mythen als Angriffsfläche

Die Imperien um Europa, die "Feinde" des geeinten Europa, versuchten freilich die EU - eben "weil ihr eine Zukunft habt" - an ihrer schwächsten Stelle anzugreifen: bei den Mythen der einzelnen Staaten indem sie sagten, dass es Nationalstaaten gebe "und ihr könnt wieder dahin zurück". Zugleich seien überwundende imperialistische Erscheinungen, die Europa aus der Geschichte der eigenen Imperien kennt, "überall um uns herum".

Snyder nannte beispielsweise Flüchtlinge und Migranten, nicht als Menschen zu betrachten, eine "Dehumanisierung" durch die Digitalisierung oder Versuche, andere Staaten zu zerstören, wie den Irak-Krieg der USA oder den Russland-Ukraine-Konflikt. Daher dürfe Europa seinen Mythen nicht erliegen, sondern seine wahre Geschichte und geschichtliche Verantwortung anerkennen. Dies "wird zu Schmerz führen, aber es wird auch zu Stärke führen. (...) Ihr seid mehr als eure Mythen. Ihr seid Hoffnung für die Zukunft", mahnte der Geschichtsforscher. "Sie müssen es schaffen."

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