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Stermann: "Sein Leben hätte ich nicht gerne geführt." © APA
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"Nicht sympathisch": Stermann über den Orientalisten Hammer-Purgstall

13.09.2019

"Das Problem ist, wenn Autoren nur lesen und nicht schreiben." Diesen Satz seines Lektors Marcus Gärtner hat Dirk Stermann ans Ende seiner Danksagung gesetzt. Im Falle seines kommende Woche erscheinenden Romans "Der Hammer" war das kein geringes Problem. Zwei Jahre lang hat sich Stermann in Leben und Zeit des Joseph von Hammer-Purgstall (1774 -1856) eingelesen, ehe er selbst zu schreiben begann.

In Berührung mit dem Wiener Orientalisten sei er vor ein paar Jahren bei einer nächtlichen Führung durch die Wiener Akademie der Wissenschaften gekommen, erzählt der Autor im Gespräch mit der APA. "Das war unglaublich spektakulär. In einem riesigen Saal mit wahnsinnig schönen Deckenmalereien stand etwa eine einsame Tischtennisplatte. Dort übt die Tischtennisabteilung der Hauptpost. Es gibt Schreibtische mit Unterlagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Alles ist noch da. Sehr beeindruckend! Im Foyer standen wir plötzlich vor einer Büste: Das war Hammer-Purgstall, der erste Präsident." Seine aus der Steiermark stammende Freundin erzählte von Schloss Hainfeld, das dieser geerbt hatte, und wo er im Stall vor den Kühen angeblich arabische Sprüche angebracht hatte. "Da war ich sofort angefixt." Diese Anekdote fehlt allerdings in Stermanns Roman: "Weil ich keine Bestätigung dafür gefunden habe, kommt es nicht vor."

Gründliche Recherche

Eingang in sein Buch hätten nur belegbare Begebenheiten gefunden, versichert der Autor. "Die Grundlage war seine Autobiografie. Und ich habe mich gründlich eingelesen in die Zeit. Mir war ganz früh klar, dass ich etwas über Gerüche schreiben will. Ich habe dann den Historiker Peter Payer getroffen, der einmal über den Gestank von Wien geschrieben hat - das war großartig. Oder die Frage: Was hat man damals gemacht, wenn man Zahnschmerzen hatte?" Alleine die faszinierende Recherche und Lektüre im AKH habe ihn Monate gekostet. "Das ist ja wirklich eine Zeitreise, in die man da eintaucht." Schließlich habe er aber doch einen Rat Daniel Kehlmanns beherzigt: "Er hat gesagt: Du musst irgendwann aufhören, denn das Gefühl, dass Du nicht genug gelesen hast, wird Dir bleiben. Es ist besser, das einmal zu akzeptieren."

Was ihn an Joseph von Hammer interessiert habe, sei vor allem Zweierlei gewesen, schildert Stermann: "Ich fand, dass sein Leben exemplarisch für so vieles steht. Es waren so viele Epochen, in denen er gelebt hat." Und er sei eine vielschichtige, umstrittene Persönlichkeit gewesen. "Er war zerrissen zwischen der Wissenschaft und einer Position, die er angestrebt hat. Er wollte immer Botschafter werden. Aber den Zuständigen war immer klar, dass er für die Diplomatie ungeeignet ist. Und es gab auch zwischen den Wissenschaftern viele Eifersüchteleien. Er war wohl nicht so gut, wie er dachte. Aber er war ein sehr wichtiger Mann, der zwischen Orient und Okzident vermittelt hat." Das ist schließlich ein heute wieder überaus wichtiges Thema. Dabei auch eine zeitgenössische Perspektive einzubauen, war allerdings "nie im Plan. Die Aktualität erklärt sich von sich heraus." Der Roman folgt ganz konventionell dem Leben seines Protagonisten, von der Wiege bis zur Bahre. "Ich wollte springen und dramaturgische Schnitte machen, aber mein Lektor, dem ich sehr vertraue, fand die chronologische Erzählung ohne Zeitsprünge besser."

Vier Jahre für das vierte Buch

Insgesamt habe er vier Jahre an seinem vierten Roman gearbeitet, erzählt der 53-jährige Deutsche, der seit über 30 Jahren in Österreich lebt. Eine ungewöhnliche Erfahrung: "Den letzten Roman ('Der Junge bekommt das Gute zuletzt', Anm.) habe ich in drei Monaten geschrieben." Für den Kabarettisten und TV-Moderator ("Willkommen Österreich") ist "das Schreiben die Möglichkeit eines Lebens neben dem eigenen Leben. Andere Leute fahren dafür in die Toskana. Als Autor brauchst du das nicht, da kannst du am Küchentisch sitzen und reisen. In diesem Fall war es halt eine recht aufwendige Reise." Eine Reise, die sich auch an Etappenorten eigener Kabarett-Tourneen unternehmen ließ: "Während der Kollege im Hotelzimmer vor dem Fernseher lag, habe ich die endlos öden Stunden in den Hotels zum Arbeiten genutzt." "Der Kollege" ist Christoph Grissemann. Ein humoristisches Leben ohne den Kollegen werde es für ihn auch künftig nicht geben. "Das ist aber eine ganz gute Mischung, dass ich das alleine machen darf, das Schreiben."

In den vier Jahren, die er quasi mit Joseph von Hammer-Purgstall verbracht habe, sei dieser ihm "nicht sympathisch geworden", gibt Dirk Stermann zu. "Das erste Mal hatte ich eine Hauptfigur, die mir nicht sympathisch war. Ich glaube aber, ihn verstanden zu haben." Eines weiß er aber nach intensivem Studium der hygienischen und medizinischen Zustände im Wien des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sicher: "Wir haben wahnsinniges Glück, heute zu leben. Sein Leben hätte ich nicht gerne geführt."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Service: Dirk Stermann: "Der Hammer", Rowohlt Hundert Augen, 448 Seiten, 24,70 Euro, Erscheinungstermin: 17.9.; Buchpräsentation am 20.9., 20 Uhr, Wien, Rabenhof Theater, Musik: EsRAP

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