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Abb. 1: Soziale Mobilität - Wahrnehmung und Realität © Essbaumer (nach Alesina u.a.)
Abb. 1: Soziale Mobilität - Wahrnehmung und Realität © Essbaumer (nach Alesina u.a.)

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WPZ - Forschungsnachricht Nr. 55: Mindern bessere Aufstiegschancen den Wunsch nach mehr Umverteilung?

17.10.2019

Zu starke Ungleichheit gefährdet den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die Politik soll möglichst allen eine angemessene Teilhabe am gemeinsamen Wohlstand sichern. Aber Ungleichheit unterliegt einem steten Wandel. Wer in jungen Jahren aus knappen Verhältnissen startet, mag nach erfolgreicher Karriere zu den Spitzenverdienern gehören. Und wer daran glaubt, bald selbst zu den Reichen zu gehören, hat womöglich weniger Verlangen danach, den eigenen Aufstieg mit progressiven Steuern und mehr Umverteilung zu erschweren. Wie weit klaffen Wahrnehmung und Wirklichkeit der Aufstiegschancen auseinander, und wie bestimmen die wahrgenommenen Aufstiegschancen die politische Unterstützung für mehr oder weniger Umverteilung?

Christian Keuschnigg und Michael Kogler, Herausgeber.

Quelle: Alesina, Alberto, Stantcheva, Stefanie and Edoardo Teso (2018), Intergenerational Mobility and Preferences for Redistribution, American Economic Review 108(2), 521-554.

Traditionell zeigen sich Amerikaner eher skeptisch, was staatliche Umverteilung betrifft. Der Nobelpreisträger John Steinbeck begründete dies einst mit dem ungebrochenen Glauben der armen Amerikaner, vielleicht bald selbst Millionär zu sein. Die Ökonomen Alberto Alesina, Stefanie Stantcheva und Edoardo Teso von der Universität Harvard gehen dieser Frage nach: Sind die Menschen bereit, mehr Ungleichheit hinzunehmen, wenn sie an ihren eigenen sozialen Aufstieg glauben? Und wie sehr unterscheiden sich die Amerikaner und ihre Kultur des American Dream von den Europäern?

Die Forscher stützen sich auf eine Befragung von über 12'000 Teilnehmern aus den USA, Frankreich, Italien, Schweden und Großbritannien. Die Teilnehmer wurden befragt, wie sie soziale Mobilität wahrnehmen und ihre Aufstiegschancen in der Gesellschaft einschätzen. Besonderes Augenmerk richten die Forscher auf die Aufstiegsmöglichkeiten von Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen. Wie viele Kinder der ärmsten 20 Prozent einer Gesellschaft schaffen es in ihrem Erwachsenenleben, zu den reichsten 20 Prozent ihrer Generation vorzustoßen? Und wie viele können ihre Situation nicht verbessern und gehören auch später zu den ärmsten Familien? Die Wissenschaftler vergleichen die individuell wahrgenommenen Aufstiegschancen mit dem tatsächlich gemessenen Erfolg.

Die Amerikaner sind optimistisch. Abbildung 1 zeigt, dass die Teilnehmer aus den USA ihre Aufstiegschancen im Durchschnitt überschätzen, während jene aus europäischen Staaten diese meist unterschätzen. Die linke Seite vergleicht die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, dass Kinder am unteren Ende der Einkommensverteilung bleiben, mit der tatsächlichen Erfolgsrate. In Frankreich glaubt man beispielsweise, dass 35 von 100 Kindern der ärmsten Familien auch später selbst zu den ärmsten Familien zählen werden. Tatsächlich ist dies aber nur bei 29 Kindern der Fall. Die Franzosen überschätzen also das Risiko, dass Kinder aus der untersten Einkommensgruppe auch im Erwachsenalter dort verbleiben. Sie schätzen ihre Aufstiegschancen pessimistisch ein.

Nur die Teilnehmer aus den USA zeigen sich optimistisch und schätzen ihre Aufstiegschancen deutlich höher ein, als sie in Wirklichkeit sind. Die rechte Seite von Abbildung 1 vergleicht Wahrnehmung und Realität des American Dreams. Die Befragten geben an, dass es in den USA etwa zwölf von 100 Kindern gelingt, im Laufe ihres Lebens von den ärmsten zu den reichsten 20 Prozent aufzusteigen. Tatsächlich schaffen es nur acht Kinder, das ist um ein Drittel weniger. Die europäischen Teilnehmer unterschätzen hingegen die Möglichkeiten.

Die pessimistische Einschätzung sozialer Mobilität der Europäer im Vergleich zu den Amerikanern könnte mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen zusammenhängen. Europa war lange Zeit durch feudale Strukturen geprägt, in denen gesellschaftliche Positionen schon bei Geburt unveränderlich bestimmt waren. Die Vereinigten Staaten wurden hingegen von Einwanderern gegründet, die ihre Heimat oft verließen, um sich wirtschaftlich zu verbessern. Dieses Bild des American Dreams wird in den USA auch heute stark in Politik und Medien kultiviert, während in den europäischen Staaten kein vergleichbares Leitmotiv existiert.

In einem weiteren Schritt analysieren die Forscher, welche Gruppen die Aufstiegschancen besonders optimistisch oder pessimistisch bewerten. Die politische Einstellung der Befragten spielt dabei eine wichtige Rolle: Jemand, der politisch links orientiert ist, schätzt die Aufstiegsmöglichkeiten nachweisbar pessimistischer ein als jemand, der politisch rechts steht. Unabhängig von ihrer politischen Überzeugung stimmen die Teilnehmer aber darin überein, dass harte Arbeit und Anstrengung einen ökonomisch schwachen Familienhintergrund nicht ganz ausgleichen können.

In den USA schätzen auch Frauen, Eltern, Teilnehmer mit niedrigem Einkommen, Personen ohne höhere Schulbildung sowie Afroamerikaner ihre Möglichkeiten tendenziell zu optimistisch ein. Selbst in den Bundesstaaten mit vergleichsweise geringer sozialer Mobilität schätzen die Teilnehmer ihre Aufstiegschancen als besonders positiv ein.

Die Befragung ergibt auch ein Meinungsbild über die wahrgenommene Fairness im jeweiligen Land. Beispielsweise stimmen insgesamt etwa 50 Prozent der befragten Amerikaner der Aussage zu, dass ihr Wirtschaftssystem fair sei. 53 Prozent geben an, dass jeder eine Chance auf Erfolg habe. Der Glauben an gute Aufstiegschancen geht mit einer günstigen Einschätzung der Fairness im Land einher. Die Schweden sind bezüglich ihrer Aufstiegschancen pessimistischer, aber 65 Prozent schätzen ihr System als fair ein. Die Studie weist darauf hin, dass schwedische Teilnehmer diese Fairness auch als Ergebnis ihres Wohlfahrtsstaates ansehen könnten, amerikanische Teilnehmer eher als Ergebnis des Marktes. In Italien und Frankreich hingegen bewerten nur 10 bzw. 19 Prozent der Befragten das Wirtschaftssystem als fair. Generell äußern sich politisch links orientierte Teilnehmer kritischer hinsichtlich der empfundenen Fairness.

Die Wahrnehmung sozialer Mobilität beeinflusst auch die Bewertung sozial- und wirtschaftspolitischer Maßnahmen wie z. B. Ausgaben für Bildung und Gesundheit, welche die Chancengleichheit erhöhen sollen, sowie staatliche Umverteilung durch soziale Sicherungssysteme und Steuern. Letztere sollen die Einkommensungleichheit der Haushalte verringern. Auf der Ausgabenseite fällt die Zustimmung zu Politikmaßnahmen höher aus, wenn die Aufstiegschancen als gering eingeschätzt werden. Der gewünschte Anteil der Ausgaben für Bildung und Gesundheit am Staatshaushalt steigt im Vergleich zum tatsächlichen Ausgabenanteil um etwa 0,75 Prozentpunkte, wenn die Aufstiegschancen in der untersten Einkommensgruppe sinken und um 25 Prozentpunkte mehr in ihrer Situation verharren. Schlechte Aufstiegschancen gehen auch mit einer höheren Wertschätzung der Ausgaben für soziale Sicherungssysteme einher. Wenn beispielsweise in Frankreich von 100 Kindern nicht 8, sondern 33 (also um 25 mehr) in der untersten Einkommensgruppe stecken bleiben, würde demnach der gewünschte Anteil der Sozialausgaben im Staatshaushalt um 0,5 Prozentpunkte steigen.

Konservative und politisch eher rechts orientierte Teilnehmer lehnen meist eine stärkere Umverteilung über Steuern ab, unabhängig von den gegebenen Aufstiegsmöglichkeiten. Außerdem ist es für diese Gruppe besonders wichtig, ob jemand durch eigene Anstrengung und harte Arbeit in eine höhere Einkommensklasse gelangen kann. Nur wenn unter großer eigener Anstrengung ein Aufstieg nicht möglich wäre, würden konservative Befragungsteilnehmer auch höhere Steuern unterstützen. Überraschenderweise sprechen sich Konservative in diesem Fall nicht für eine höhere Besteuerung der Top 1% der Einkommen aus, sondern für eine höhere Besteuerung der unteren 50% der Einkommen. Im Vergleich zum aktuell geltenden durchschnittlichen Steuersatz befürworten nach den Ergebnissen der Studie eine Anhebung um 1,9 Prozentpunkte.

Insgesamt wird soziale Mobilität über alle Ländergrenzen hinweg als entscheidend für eine Gesellschaft angesehen. Werden die Aufstiegschancen als gering wahrgenommen, verstärkt dies bei der politischen Linken die ohnehin höhere Bereitschaft, staatliche Ausgaben für die Erhöhung der Chancengleichheit zu unterstützten. Bei konservativen und politisch eher rechts orientierten Personen bleibt die Bereitschaft zu höheren Staatsausgaben gering, womöglich weil sie den Staat tendenziell als Problem und nicht als Lösung betrachten.

Autorin: Elisabeth Essbaumer, Universität St. Gallen, Studentin im PhD in International Affairs and Political Economy, elisabeth.essbaumer@unisg.ch

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Quelle: WPZ - Forschungsnachricht Nr. 55

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