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Heinz Faßmann: Politik und Wissenschaft "brauchen einander dringend" © APA
Heinz Faßmann: Politik und Wissenschaft "brauchen einander dringend" © APA

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Wissenschaft in der Vertrauenskrise - Welche Krise?

17.10.2019

Eine "zunehmende Entfremdung zwischen Wissenschaft und Politik" postulierte die Veranstaltungsreihe "Club Research" in Wien und fragte, ob denn die "Wissenschaft in der Vertrauenskrise" sei. Doch die Diskussionsteilnehmer waren sich einig: Es gibt keine Krise, "die Wissenschaft steht nach wie vor gut da, es gibt großes Vertrauen und große Akzeptanz".

Zu diesem Schluss kam jedenfalls Ex-Bildungsminister Heinz Faßmann, der wieder als Professor für Angewandte Geographie an der Uni Wien arbeitet, in der Analyse verschiedener Umfragen zu dem Thema. Auch Karen Kastenhofer vom Institut für Technologiefolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) pflichtete bei: "Es gibt keine Krise der Wissenschaft und keine Vertrauenskrise."

Allerdings ortete der Präsident des Wissenschaftsrats, Antonio Loprieno, eine Abnahme der Verbindlichkeit der Wissenschaft durch deren zunehmende Vergesellschaftung und Demokratisierung. "An der Schnittstelle zwischen der Vielfalt der immer komplexer werdenden Wissenschaft und der Vielfalt der möglichen politischen Interpretationen dieser Wissenschaft entsteht eine Breite, die das Publikum überfordert und zu einer Gleichgültigkeit und geringeren Verbindlichkeit führen kann", sagte Loprieno.

Kompliziertes Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft

Faßmann, der beide Seiten kennt, glaubt auch nicht an eine Entfremdung von Politik und Wissenschaft, "wir brauchen einander dringend", auch wenn das Verhältnis kompliziert sei. "Die Politik wacht nicht auf, weil es irgendwo neue Erkenntnisse gibt, dazu gibt es viel zu viele davon. Die Politik wacht auf, wenn wissenschaftliche Ergebnisse in den Medien aufschlagen", sagte er, ortet aber gleichzeitig so viel wissenschaftliche Beratung, Beiräte und Experten wie nie zuvor.

Der Ex-Minister warnte davor, dass die Wissenschaft Partei ergreift. Zwischen politischer Agitation und der Erarbeitung von Wissen müsse klar getrennt werden. Beim Thema Klimawandel etwa könne und solle die Wissenschaft auf dessen Auswirkungen hinweisen, "wenn sie aber sagt, du sollst eine CO2-Steuer einführen, dann ist es problematisch, dann zieht der Wissenschafter den Rock des Politikers an". Doch die Politik müsse die unterschiedlichen Interessen in der Gesellschaft berücksichtigen, "die Interessensabwägung und die Verantwortung des Nicht-Wiedergewähltwerdens ist Aufgabe des Politikers - also nicht den Rock wechseln", sagte Faßmann.

Loprieno erwartet, dass es neben den klassischen Aufgaben der Universitäten Lehre und Forschung, zu denen sich seit einigen Jahren auch die "Third Mission" mit Wissenstransfer und Innovation gesellt hat, eine "vierte Dimension" geben wird müssen. Diese umfasse "Wissenschaftskommunikation und die Übersetzung wissenschaftlicher Inhalte in gesellschaftlich absorbierbare, verdaubare Form". Und die Wissenschafter seien mit einem neuen Auftrag konfrontiert: "die Zähmung der Informationsflut". "Das ist eine überraschende Entwicklung für die Wissenschaft, weil diese trainiert war, immer mehr Information herbeizuführen. Und jetzt geht es auch darum, immer weniger, immer präzisere Information zu liefern."

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