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Professorin ist diesen Herbst in Pension gegangen © Andreas Kolarik
Professorin ist diesen Herbst in Pension gegangen © Andreas Kolarik

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Abschiedsfest für Politikwissenschaftlerin Sonja Puntscher Riekmann

04.11.2019

Sonja Puntscher Riekmann (65), Professorin für Politische Theorie und Politik der EU an der Universität Salzburg ist diesen Herbst in Pension gegangen. Als Gründerin des europawissenschaftlichen Schwerpunkts, mit ihren Ideen, ihrer Tatkraft, den internationalen Kooperationen und Kontakten hat sie die Universität bedeutend mitgeprägt. Zu ihrem Abschied veranstaltet die Universität heute, den 4. November 2019 eine Feier. In einem Gespräch blickt sie auf Erreichtes zurück und Anstehendes voraus.

Nach 17 Jahren als Professorin für Europäische Politik an der Universität Salzburg fällt Ihnen der Abschied jetzt schwer?

Ja und nein: ja, denn dies war der wichtigste Teil meines akademischen Lebens, nein, weil das Ende voraussehbar war und jedes Ende auch neue Anfänge ermöglicht.

Worauf freuen Sie sich in der nun gewonnenen Freizeit?

Darauf, in größerer Ruhe über meine Themen neu nachzudenken und zu schreiben.

Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz? Wo haben Sie ihre Ziele nicht ganz erreicht?

Besonders stolz bin ich auf die gelungene Gründung des europawissenschaftlichen Schwerpunktes SCEUS, aber auch auf meine Jahre als Mitglied des Rektorats unter Heinrich Schmidinger. In beiden Bereichen ist viel gelungen, aber es bleiben immer offene Baustellen, die man aus Zeitgründen und auch wegen so mancher Widerstände nicht schließen konnte.

Was ist das Besondere am europawissenschaftlichen Schwerpunkt, den Sie 2007 gegründet haben?

Das SCEUS Salzburg Center of European Union Studies ist eine Erfolgsgeschichte in Forschung und Lehre. Dabei ist zunächst die besondere räumliche Situation hervorzuheben, die wir vor allem Rektor Schmidinger verdanken: die Edmundsburg als Ort der Europawissenschaft hat große Symbolkraft. Wir haben große und mittlere drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte eingeworben, allen voran das Horizon 2020 Projekt EMUchoices, in dem wir mit einem internationalen Konsortium die Präferenzen, Positionen und verfassungsrechtlichen Bedingungen aller 28 Mitgliedstaaten in den Reformdebatten zur Wirtschafts- und Währungsunion in und nach der Eurokrise untersucht haben.

Dieses Projekt hat das SCEUS in der internationalen Forschung etabliert. Wie geht es nach Ihrem Abschied weiter?

Die Thematik wird nun in einem FWF-Projekt meines Nachfolgers Prof. Griller fortgesetzt, während die Kollegen Prof. Huber und Prof. Blauberger eigene große FWF-Projekte akquirieren konnten. Wir haben das interdisziplinäre Masterstudium European Union Studies und ein durch die Schweizer Humerstiftung finanziertes Doktoratskolleg eingeführt und weiterentwickelt. Aber es bleibt noch viel zu tun. Der Schwerpunkt ist zeitlich begrenzt und muss sich alle fünf Jahre vor einer internationalen Evaluierungskommission bewähren. Bei allem Erfolg hat das SCEUS nach wie vor eine unterkritische Größe, die es schwierig macht, alle europarelevanten Themen auf gleichem Niveau zu behandeln. Vieles wird von künftigen Ressourcen- und Personalentscheidungen abhängen.

Rechts-, Politik-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler/innen arbeiten im europawissenschaftlichen Schwerpunkt SCEUS zusammen. Klappt die Interdisziplinarität, von der alle reden?

Interdisziplinarität ist das Gebot der Stunde in allen Wissenschaften, aber außerhalb der Naturwissenschaften besonders schwer zu realisieren. Das hat vor allem strukturelle Gründe in den Publikationsbedingungen und in der Notwendigkeit, in der eigenen Disziplin Exzellenz zu erreichen ohne sich anderen theoretischen und methodischen Zugängen zu verschließen. Diese Herausforderung haben auch wir nur zum Teil bewältigt. Interdisziplinarität ist ein andauerndes Experiment.

Der europawissenschaftliche Schwerpunkt setzt sich mit aktuellen Fragen der europäischen Integration auseinander. Damit steht es ja nicht zum Besten. Stichwort Brexit, Visegrad-Staaten. Wie ist der Befund der Forschung? Sehen Sie Grund zur Hoffnung oder zur Sorge?

Die Forschung analysiert Bedingungen und Möglichkeiten der europäischen Integration. Sie war und ist auch Krisenforschung, denn dieses gewaltige Einigungsprojekt war immer von Fortschritt, Stagnation und Rückschritt geprägt. Forschung ist nicht Wahrsagerei über die Zukunft. Unsere Daten zur Eurokrise zeigen aber, dass entgegen vieler Unkenrufe die EU-Mitgliedstaaten am Euro festhielten und bis dahin unerwartete Maßnahmen zu seiner Rettung setzten. Ebenso erstaunlich ist angesichts des Brexit der Zusammenhalt der EU 27.

Sie waren auch medial von Beginn an sehr präsent, als gefragte Expertin für EU-Diskussionen. Wie gut, objektiv und verständlich werden die Menschen über die EU informiert? Sollten Wissenschaftler stärker in die Öffentlichkeit gehen?

Ich habe die öffentliche Präsenz von Wissenschaftlern/innen stets für ihre republikanische Aufgabe gehalten. Dieser Anspruch hat eine Sprache zur Voraussetzung, die komplexe Inhalte verständlich kommuniziert. Wir haben am SCEUS stets versucht, allen Einladungen der Medien, aber auch Schulen und nicht akademischer Bildungseinrichtungen nachzukommen. Meine Kollegin Frau Dr. Wydra hat diese Aufgaben auch an vielen Orten im ländlichen Raum außerhalb von Salzburg erfüllt.

Auch die Forschungspolitik ist eine Domäne von Ihnen. Sie sind zum Beispiel im Vorstand des Wissenschaftsfonds FWF. Sie hatten sich für die Nachfolge von Rektor Schmidinger beworben. Von 2003 bis 2011 waren Sie Vizerektorin für Internationale Beziehungen und Kommunikation an der Universität Salzburg. Was konnten Sie bewegen? Wo hat es gehapert?

Die ersten beiden Rektorate Schmidinger, denen ich angehörte, haben unter den Bedingungen des UG 2002 von den Bauten bis zur Reorganisation der Lehre, von der Internationalisierung bis zur Einrichtung von Schwerpunkten viel bewegt. Die Öffentlichkeitsarbeit, für die ich verantwortlich war, machte Fortschritte, hatte aber stets Schwierigkeiten die Universität fest im Bewusstsein der regionalen und nationalen Öffentlichkeit zu verankern. Die Ambition meines Teams war es, Salzburg analog zur Festspielstadt zur internationalen Universitätsstadt zu machen. Das ist nicht zuletzt aus Ressourcenmangel nur eingeschränkt gelungen.

Ich habe mich auch deshalb 2018 auf die Position der Rektorin beworben und ein weitreichendes Konzept vorgelegt, um in den Bereichen Forschung, internationale Kooperationen, Restrukturierung der Fakultäten und Öffentlichkeitsarbeit neue Initiativen zu setzen. Diese Bewerbung war nicht erfolgreich. Vielleicht wollte ich zu viel.

Sie waren eine Zeitlang auch parteipolitisch aktiv für die Grünen, zuletzt 1994 als Mitglied des Österreichischen Parlaments. Wie sehr freut Sie der Aufwind der Grünen und was könnte das Erstarken der Grünen für die Wissenschaft bedeuten?

Natürlich freut mich dieser Erfolg, auch wenn er das Ergebnis der sich verschärfenden Klimakrise ist. Er ist aber zugleich das Ergebnis eines geschärften Problembewusstseins. Für die Wissenschaft bedeutet es sicherlich eine Stärkung.

Ihre Karriere hat Sie in verschiedene Länder und an verschiedene Unis geführt. 1954 in Bozen geboren, Germanistik-Studium und Post-Graduate-Studium der Politikwissenschaft in Wien, Habilitation in Politikwissenschaft in Innsbruck, Gastprofessur an der Humboldt Universität in Berlin, Direktorin des Instituts für Europäische Integrationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, ab 2002 Professur in Salzburg. Dazu zahlreiche Positionen wie Aufsichtsratmitglied im FWF, Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach uvm. Ist die Flexibilität, die bei Wissenschaftler/innen vorausgesetzt wird, mehr Freud oder Leid?

Diese Flexibilität ist heute unabdingbar und bedarf permanenter Anstrengungen und Anpassungen im Privatleben, aber in Summe ist es mehr Freud als Leid. Wissenschaftler/innen haben das Privileg sich weitgehend unentfremdeter, spannungsreicher Arbeit zu widmen. Gibt es Schöneres als seiner Neugier zu frönen?

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Uni Salzburg?

Die Fähigkeit sich in der nationalen und internationalen Konkurrenz zu bewähren, große Forschungsoffensiven zu relevanten Themen zu lancieren und vielen jungen Menschen einen Ort der Bildung zu bieten, der ihre Lebens- und Karrierechancen erweitert. Ich bin sicher, dass diese Wünsche auch solche des neuen Rektorats sind.

HR Mag. Gabriele Pfeifer
Leitung Public Relations  und Kommunikation
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