Kultur & Gesellschaft

2019 lagen die Forschungsausgaben bei 3,19 Prozent des BIP © APA (Hochmuth)
2019 lagen die Forschungsausgaben bei 3,19 Prozent des BIP © APA (Hochmuth)

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Wissenschaftsjahr 2020 bringt eine Enttäuschung

09.01.2020

Das Wissenschaftsjahr 2020 bringt eine Enttäuschung: Österreich wird sein selbst gesetztes Ziel, die Forschungsquote bis 2020 auf 3,76 Prozent zu erhöhen, nicht erreichen. Dafür kann die neue Regierung ein neues Ziel in der nächsten Forschungsstrategie formulieren und andere Baustellen im Wissenschaftsbereich angehen. Abseits der Politik bietet 2020 wieder Spannendes - hier eine Tour d'Horizon:

Das 3,76-Prozent-Ziel hat die Regierung in ihre 2011 verabschiedete Forschungsstrategie geschrieben. Schon länger ist klar, dass das nicht erreichbar sein wird, 2019 lagen die Forschungsausgaben bei 3,19 Prozent des BIP. Das ist dennoch so hoch wie nie zuvor und gemessen an der Wirtschaftsleistung am zweithöchsten in Europa hinter Schweden. Kritischer gesehen wird die Tatsache, dass Österreich nicht wie geplant bis 2020 in die Gruppe der führenden Innovationsländer vorstoßen wird.

Nicht nur national wartet man gespannt auf ein neues (Wissenschafts-)Budget. Auch auf EU-Ebene wird noch um den Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 gerungen - und damit um die Frage, wie prall der Topf für das nächste EU-Forschungsrahmenprogramm "Horizon Europe" gefüllt sein wird. Nach Plänen der EU-Kommission sollen es 100 Mrd. Euro werden - allerdings werden Kürzungen befürchtet.

Auswirkungen des Brexit

Auch wenn mit dem Wahlsieg Boris Johnsons der Austritt Großbritanniens aus der EU mit 31. Jänner wahrscheinlicher geworden ist - die Auswirkungen des Brexit im Wissenschaftsbereich sind weiterhin unklar. Der britische Premierminister versprach nach seinem Wahlsieg jedenfalls "kolossale Neuinvestitionen in die Wissenschaft".

Viel Schall also derzeit in Großbritannien - passend zum "Jahr des Schalls", das mehrere Akustik-Organisationen wie die Acoustical Society of America und die European Acoustics Association für 2020 ausgerufen haben. Sie wollen damit auch die 2017 beschlossene UNESCO-Resolution "The Importance of Sound in Today's World: Promoting Best Practices" umsetzen. Das Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beteiligt sich an dem globalen Aktionsjahr mit dem "Tag gegen Lärm" am 29. April in Wien.

Schwerpunkt Pflanzengesundheit geht zu Ende

Die Vereinten Nationen haben 2020 zum Internationalen Jahr der Pflanzengesundheit erklärt. Sie wollen damit das Bewusstsein dafür schärfen, dass Pflanzengesundheit keine Selbstverständlichkeit ist, wie Schätzungen belegen, wonach jährlich bis zu 40 Prozent der Nahrungspflanzen durch Schädlinge und Krankheiten verloren gehen. Durch Bewusstseinsbildung soll die Einschleppung invasiver Arten reduziert und damit u.a. Hunger und Armut verringert und die Umwelt bewahrt werden.

2020 geht die von den Vereinten Nationen ausgerufene "Dekade der Biologischen Vielfalt 2011-2020" zu Ende, deren Ziel der weltweite Erhalt der biologischen Vielfalt war. Sehr erfolgreich war die Initiative offensichtlich nicht: Im Mai 2019 warnte der Weltrat für Biodiversität (IPBES), dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Der Österreichische Biodiversitätsrat forderte den Nationalrat angesichts der "drastischen Abnahme der Vielfalt der Arten und Lebensräume in Österreich" auf, den "Biodiversität-Notstand" auszurufen.

Der Dunklen Materie auf der Spur

Am italienischen Laboratori Nazionali del Gran Sasso im gleichnamigen Gebirgsmassiv beginnt im Sommer 2020 der Aufbau des internationalen Experiments COSINUS, an dem das Institut für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beteiligt ist. Ziel ist es, die Ergebnisse des bisher einzigen Experiments (DAMA/LIBRA) zu überprüfen, das Signale auf Dunkle Materie geliefert hat. Die rätselhafte Dunkle Materie kommt im Universum ungefähr fünfmal so häufig vor wie sichtbare Materie, entzog sich bisher aber allen Nachweismethoden. Der Aufbau von COSINUS wird mindestens ein Jahr dauern, Ende 2021 können die Messungen beginnen.

Bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) bei Genf gehen die zweijährigen Wartungs- und Aufrüstungsarbeiten an der größten Maschine der Welt dem Ende zu: Im 27 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger LHC sollen ab Mai 2021 Protonen mit noch höherer Energie als bisher zusammenstoßen. Das Hochfahren der Maschine und Kühlen der Magnete auf minus 270 Grad dauert mehrere Monate. Vom Upgrade erwarten sich die Physiker neue Erkenntnisse über das Higgs-Teilchen und vielleicht auch Hinweise auf eine neue Physik.

2020 könnte auch eine wichtige Entscheidung für die Nachfolge des LHC fallen. Bis Mai wollen Wissenschafter aus ganz Europa Empfehlungen abgeben, wie es mit der Teilchenphysik in Europa weitergehen soll. Derzeit gibt es zwei Design-Studien für Nachfolge-Projekte: ein Linearbeschleuniger und ein 100 Kilometer langer ringförmiger Beschleuniger.

Kernfusion in Frankreich

Schön langsam wird es auch beim internationalen Kernfusionsreaktors ITER in Südfrankreich ernst: Heuer wird mit dem Zusammenbau des Reaktors begonnen, der Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoff-Atomen erzeugen und damit die Funktionsweise der Sonne imitieren soll. Konkret ist ab März die Installation der 1.250 Tonnen schweren Kryostatbasis geplant. In dieser wird sich das flüssige Helium befinden, mit dem die riesigen Magneten gekühlt werden, die ein 150 Millionen Grad Celsius heißes Wasserstoffplasma in Schwebe halten sollen. Das erste Plasma in ITER ist für Ende 2025 geplant.

Ein weiterer Schritt, der ITER zum Erfolg verhelfen soll, ist am europäischen Experimentalreaktor JET ("Joint European Torus") im englischen Culham geplant. Dort sollen erstmals Experimente mit Deuterium und Tritium geplant werden, jene beiden Wasserstoff-Isotope, die auch bei ITER zur Fusion gebracht werden sollen.

Teleskop-Testphase beendet

Auch für ein weiteres wissenschaftliches Großgerät wird 2020 ein wichtiges Jahr: Das "Five-hundred-meter Aperture Spherical radio Telescope" (FAST) beendete kürzlich seine dreijährige Testphase und lauscht mit seinem 500-Meter-Teleskop nun im Vollbetrieb Signalen aus den Tiefen des Alls. Die Anlage befindet sich in der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas und ist weltweit die größte ihrer Art.

Vom Projektvolumen her kleinere Brötchen werden im "Zentrum im Berg" gebacken - die stillgelegten Stollen am Erzberg in der Obersteiermark bergen dennoch ein europaweit einzigartiges Tunnelforschungszentrum, das Ende Mai 2020 offiziell eröffnet wird. Dort sollen etwa Raucherkennungs- und Löschsysteme sowie Baustoffe erprobt, neue Lüftungskonzepte getestet oder auch die Ausbreitung von Gasen unter realen Bedingungen untersucht werden. Geplant sind in Zukunft auch Projekte zur unterirdischen Speicherung von Energie aus Solar- und Windkraftanlagen.

Meteorologie und Klima

Ein Ende als eigenständige Einheiten dürfte 2020 für die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und die Geologische Bundesanstalt (GBA) bedeuten. Die beiden nachgeordneten Dienststellen des Wissenschaftsministeriums sollen in einer vollrechtsfähigen "Bundesagentur für Meteorologie und Geologie" (Arbeitstitel) zusammengeführt werden - die entsprechende Gesetzesänderung steht allerdings noch aus.

Seit Oktober driftet das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" mit dem arktischen Meereis. Ziel der rund ein Jahr lang dauernden Expedition ist die Erkundung des Klimasystems in der Zentralarktis. Rund 300 Wissenschafter aus 16 Ländern werden in Schichten bis zur Schmelzperiode im Sommer an Bord sein.

Auf der Suche nach dem ältesten Eis der Erde hat ein europäisches Forscherteam im April bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien seine Pläne für eine 2,7 Kilometer tiefe Bohrung präsentiert. Damit soll die Geschichte des Erdklimas bis vor 1,5 Millionen Jahren enthüllt werden. 2020 soll das Camp für die ab 2021 geplante Bohrung etwa 40 Kilometer von der französisch-italienischen Antarktis-Forschungsstation "Dome Concordia" entfernt aufgeschlagen werden.

Für die Österreicher gibt es heuer wieder zahlreiche Möglichkeiten, mit Wissenschaftern direkt in Kontakt zu treten und mehr über ihre Arbeit zu erfahren: Am 8. Mai gibt es in ganz Österreich wieder eine "Lange Nacht der Forschung". Vom 20. bis 22. März lädt das Wiener Forschungsfest ins Rathaus ein und am 25. September ist EU-weit "European Researchers Night", bei der es traditionell auch Veranstaltungen in Österreich gibt.

Jahrestage

Das Wissenschaftsjahr 2020 bringt auch jede Menge runder und weniger runder Jahrestage:

- 2020 jährt sich die Entdeckung Australiens durch Europäer zum 250. Mal: Am 28. April des Jahres 1770 erreichte Kapitän James Cook die Ostküste Australiens und erklärte das Land als New South Wales zum Besitz der britischen Krone.

- Vor 200 Jahren, 1820, beobachtete der dänische Physiker Hans Christian Oersted, wie eine Kompassnadel in der Nähe eines stromdurchflossenen Drahtes abgelenkt wird und entdeckte damit die magnetische Wirkung des elektrischen Stromes.

- Vor 150 Jahren, im April 1870, setzte Heinrich Schliemann auf der Suche nach dem alten Troja erstmals den Spaten in den Hügel Hisarlik im Westen der Türkei. Die dabei zutage geförderten Siedlungsreste markierten den Beginn der mittlerweile 150-jährigen Grabungsgeschichte in der legendären antiken Stadt.

- Aufgrund der erfolgreichen Grabungen der Deutschen in Troja und der Briten in Ägypten machte sich auch die Österreichisch-Ungarische Monarchie auf die Suche nach archäologischen Lorbeeren. Troja-Entdecker Schliemann und Vertreter des Osmanischen Reichs rieten zu dem an der Westküste des Landes gelegenen Ephesos. Dort begann Otto Benndorf am 20. Mai 1895 zu graben, die österreichische archäologische Grabung läuft mit nur wenigen Unterbrechungen also bereits seit 125 Jahren.

- Vor 125 Jahren entdeckte der spätere Physik-Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen am 8. November 1895 die nach ihm benannte Strahlung.

- Vor 100 Jahren starb am 14. Juni 1920 der deutsche Soziologe Max Weber.

- Vor 90 Jahren wurde am 18. Februar 1930 am Lowell-Observatorium (USA) Pluto entdeckt. Seinen Status als Planet verlor der Himmelskörper 2006, er zieht seither als "Kleinplanet" seine Bahn um die Sonne.

- Ebenfalls 90 Jahre ist es her, dass der spätere österreichische Nobelpreisträger Wolfgang Pauli ein neues Elementarteilchen postulierte, das Neutrino. Erst 23 Jahre später (1956) gelang die erste Beobachtung. Paulis Geburtstag jährt sich 2020 auch zum 120. Mal (25. April 1900), zudem wurde ihm vor 75 Jahren (1945) der Nobelpreis verliehen.

- Der von den Nazis als Kind aus seiner Geburtsstadt Wien vertriebene Chemie-Nobelpreisträger Martin Karplus feiert am 15. März seinen 90. Geburtstag.

- Vor 75 Jahren endete in Europa am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg - ein Jahrestag, der im kommenden Jahr auch wissenschaftlich begleitet wird, etwa mit Ausstellungen. Das Haus der Geschichte Österreich plant etwa die Übernahme der Wanderausstellung "Verfolgen und aufklären. Die erste Generation der Holocaust-Forschung" (24.4.-26.10.) und eine Webausstellung mit Objekten zum Thema "11 Perspektiven auf 1945" in Kooperation mit den Landesmuseen Österreichs und Südtirols. Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz organisiert im April eine Konferenz zum Thema, das Haus der Geschichte Niederösterreich stellt sich zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs die Frage, woher Nationalismus, Militarismus, Rassenhass und Antisemitismus dieser Zeit kamen und widmet eine Ausstellung dem Thema "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889 - 1914" (29.2.-9.8.).

- Die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG) feiert am 16. März bei einem Festakt ihr 60-jähriges Bestehen. Einblick in die Geschichte gibt die Webseite https://www.60jahrelbg.at/.

- Albert Einstein zufolge sollten ja Raumfahrer langsamer altern - Österreichs erster und bisher einziger Astronaut Franz Viehböck feiert am 24. August 2020 dennoch seinen 60. Geburtstag.

- Vor 60 Jahren wurde am 9. Mai 1960 die Pille zur Empfängnisverhütung von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen, drei Monate später kam am 18. August mit "Enovid" das erste Präparat auf den Markt.

- Vor 50 Jahren stach der Norwegische Experimental-Archäologe Thor Heyerdahl nach dem Scheitern der ersten Ra-Expedition mit der Ra II von Marokkko aus in See, um den Atlantik zu überqueren. Am 12. Juli erreichte das Papyrusboot Barbados.

- Vor 30 Jahren wird am 14. September 1990 von Ärzten der US-amerikanischen National Instituts of Health (NIH) die erste Gentherapie an einem vierjährigen Mädchen durchgeführt, das an einer ererbten Störung des Immunsystems litt.

- Ihr 25-jähriges Bestandsjubiläum feiert die Christian Doppler-Gesellschaft (CDG) 2020 und nimmt dies zum Anlass für die Gründung eines Alumniverbandes und die Auslobung eines Wissenschaftspreises.

- Vor 20 Jahren geben am 6. April 2000 Craig Venter und Francis Collins die Entschlüsselung (99 Prozent) des menschlichen Genoms bekannt.

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