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Eltern sind angehalten, für Schutzimpfungen bei ihren Kindern zu sorgen © APA
Eltern sind angehalten, für Schutzimpfungen bei ihren Kindern zu sorgen © APA

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Impfplan Österreich 2020: Immer Impfen, wenn Vakzine verträglich

20.01.2020

Impfungen sollten der Normalfall, nicht impfen die Ausnahme sein. Das geht aus dem Impfplan Österreich 2020 hervor, der beim Österreichischen Impftag in Wien präsentiert worden ist. Auf 176 Seiten führt ein Expertenkomitee als Autorenteam im Auftrag des Gesundheitsministeriums de facto alle Details auf, die es rund um Immunisierungen zu beachten gäbe.

"Schutzimpfungen gehören zu den wichtigsten, wirksamsten präventiven Maßnahmen in der Medizin", heißt es in der Präambel. In Österreich sei da einiges aufzuholen: "Die derzeitige epidemiologische Situation in Österreich erfordert vor allem Anstrengungen zur Reduktion des Erkrankungsrisikos an Keuchhusten und Masern. Auch Influenza verursacht jedes Jahr bis zu 1.000 Todesfälle, darunter auch Todesfälle bei zuvor vollkommen gesunden Kindern. Hier ist es ebenfalls notwendig, die Durchimpfungsraten deutlich zu erhöhen.

Entsprechend der UN-Konvention vom 20. November 1989 hätten Kinder das Recht auf beste Gesundheitsversorgung. Dazu gehöre auch der Schutz vor Erkrankungen, die durch Impfung vermeidbar sind. Die Eltern seien angehalten, Schutzimpfungen bei ihren Kindern vornehmen zu lassen. In der medizinischen Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern entspreche es dem Stand der medizinischen Wissenschaft, Grundimmunisierungen rechtzeitig zu beginnen, nicht unnötig zu verzögern und zeitgerecht abzuschließen. Außerdem sollte laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jeder Arztkontakt dazu genutzt werden, zu prüfen, ob die empfohlenen Impfungen durchgeführt worden sind, und - wo notwendig - fehlende Impfungen nach geholt werden.

Spitäler in die Pflicht genommen

In die Pflicht werden auch die Spitäler genommen: "Auch Arztkontakte im Rahmen von Spitalsaufenthalten sollen dafür genutzt werden. Ein aufrechter Impfschutz ist durch notwendige Auffrischungsimpfungen in jedem Lebensalter sicherzustellen. Ein Abraten von Impfungen ohne Vorliegen einer Kontraindikation im persönlichen Beratungsgespräch ist ein Verstoß gegen die Prinzipien der evidenzbasierten Medizin und kann die berufliche Vertrauenswürdigkeit der Ärztin oder des Arztesinfrage stellen."

Insgesamt sollte bei Vorhandensein eines verträglichen Impfstoffes im Zweifelsfall die Immunisierung erfolgen. Der Impfplan Österreich 2020: "Die Frage 'Wer soll geimpft werden?' ist meist leichter zu beantworten als die gegenteilige Frage 'Wer soll nicht geimpft werden und warum?', die aber natürlich auch in die Überlegungen einbezogen werden muss. Sofern ein verträglicher Impfstoff verfügbar und das Risiko der Infektionsexposition gegeben ist, wird die Antwort zugunsten der Impfung ausfallen.

Als allgemeiner Grundsatz könne gelten: Jede einzelne Person, die sich und ihre Familienangehörigen (Kontaktpersonen) schützen will, soll sich impfen lassen. Generell wird empfohlen, alle Impfungen bei gegebener Indikation weitestgehend als Kombinationsimpfungen durchzuführen, um die Zahl der Injektionen möglichst gering zu halten." Damit soll der Schutz optimiert werden, gleichzeitig sollen potenzielle Nebeneffekte möglichst selten auftreten.

Eine "Impfpflicht" allein macht noch keinen "Impffrühling"

Ein "Impfpflicht" gegen eine oder manche Krankheiten allein beseitigt noch nicht große Defizite im Impfschutz der gesamten Bevölkerung. Dazu benötigt man ein umfassendes Maßnahmenpaket, hieß es beim Impftag.

Erst vor wenigen Tagen haben die deutschen Parlamentarier ein Quasi-"Impfpflichtgesetz" gegen die Masern - wegen des MMR-Impfstoffes laufen da gleich auch Mumps und Röteln mit - beschlossen. "Der Begriff Impfpflicht kommt aber im gesamten Gesetz nicht vor", erklärte Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen deutschen Impfkommission (STIKO). "Im Gesetz geht es um die Nachweispflicht (einer mit zwei Teilimpfungen abgeschlossenen Masernimpfung; Anm.). Niemand wird von der Polizei vorgeführt und zwangsweise geimpft."

Deutscher Experte ortet Lücken beim Schutz

Auch der betroffene Personenkreis ist in Deutschland eingeschränkt. Die Masern-Immunisierungs-Nachweispflicht trifft alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr beim Eintritt in die Schule oder den Kindergarten. Gleiches gilt für Personen, die in Gemeinschafts- oder medizinischen Einrichtungen tätig sind wie Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal (soweit diese Personen nach 1970 geboren sind). "Das ist eine politische Entscheidung. Das ist keine wissenschaftliche Entscheidung", stellte der deutsche Experte fest. Bei den Kindern habe sich in Deutschland die Schutzrate bei den Masern nämlich in den vergangenen Jahren eher erhöht.

An jene Bevölkerungsgruppen, wo es offenbar große Lücken beim Schutz gegen die Masern gibt, kommt man damit in Deutschland nicht heran. "Nur rund 40 Prozent der Erwachsenen sind (gegen die Masern; Anm.) geschützt. Wir haben in Deutschland erhebliche Impflücken bei den Jugendlichen und Erwachsenen", sagte Mertens. Als man in Deutschland Erwachsene befragte, warum sie sich nicht gegen die Masern immunisieren ließen, gaben zwischen 60 und 70 Prozent in den regelmäßigen Umfragen an: "Weil man mir's nicht gesagt hat."

Strikte Maßnahmen bei Gesundheitspersonal notwendig

Gänzlich anders ist die Situation bei den Angehörigen der Gesundheitsberufe. Hier sind offenbar strikte Maßnahmen dringend notwendig. "In 13 Staaten Europas gibt es eine (von Land zu Land unterschiedliche; Anm.) Art von Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitswesen", sagte die griechische Expertin Helena Maltezou. Sie sind wegen des Kontakts mit Kranken einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Gleichzeitig bleiben sie oft trotz Krankheit nicht zu Hause. Und drittens bergen sie für ihre Patienten und Betreuten selbst ein besonders hohes Ansteckungsrisiko.

"In Griechenland sind bis zu 36 Prozent des Gesundheitspersonals empfänglich für die Masern. In der Allgemeinbevölkerung erkranken um die fünf Prozent an Influenza, unter dem Gesundheitspersonal sind es laut einer Studie 18,7 Prozent. Mit einer Influenza geht die Hälfte der im Gesundheitswesen Beschäftigten 'aus Pflichtgefühl' trotzdem arbeiten. Aber das 'Pflichtgefühl', sich vor der Influenza-Saison gegen die Krankheit per Impfung schützen zu lassen, haben sie offenbar nicht", erklärte die Expertin.

In Österreich könnte sich beim Gesundheitspersonal in Zukunft durchaus etwas ändern. Der Oberste Sanitätsrat hat - wie am Impftag in Wien zu hören war - eine einstimmige Entscheidung gefällt, die einen verpflichtenden Nachweis des Impfschutzes vor Aufnahme einer Beschäftigung und bei Arbeit in Spitälern bzw. Gesundheitswesen sowie ein verpflichtendes ärztliches Impfgespräch für Eltern, die ihre Kinder vor Schulbesuch etc. nicht impfen lassen wollen, befürwortet.

Ärztekammer fordert Impfpflicht

Die Österreichische Ärztekammer fordert jedenfalls eine Masern-Impfpflicht. Die Strategie der vermehrten Information hätte nicht ausreichend gewirkt, sagte Kammerpräsident Thomas Szekeres in einem Eingangsstatement. Nicht hohe Strafen, aber der Vermerk im Mutter-Kind-Pass und die Koppelung der Höhe von Sozialleistungen an die von Kindern absolvierte Immunisierung seien zu fordern.

Die in manchen Boulevardmedien und TV-Sendungen in möglichst publikumswirksamer, konfrontativer Weise aufgezogenen Diskussionen, in denen populäre Stars als Impfgegner auf weniger mediengeschulte Wissenschafter mit Pro-Argumenten treffen, hat der Mailänder Virologe Roberto Burioni in Italien höchst erfolgreich umgedreht. "Die Erde ist rund. Benzin ist entzündbar. Impfstoffe sind sicher und wirksam. Alles andere sind gefährliche Lügen", zitierte die deutsche Expertin Sabine Winkler (Universität Frankfurt) den Wissenschafter, der am Ende einer TV-Diskussion schnell und möglichst einfach seine "Message" bringen wollte. Er hat mittlerweile ein Millionenpublikum.

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