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Abb. 1: Kreditwachstum in- und ausländischer Banken in Italien © Bofondi u.a. (2018), Abb. 3
Abb. 1: Kreditwachstum in- und ausländischer Banken in Italien © Bofondi u.a. (2018), Abb. 3

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WPZ - Forschungsnachricht Nr. 64: Ansteckungsgefahr bei den Staatsschulden!

06.07.2020

Heimische Banken halten oft einen beträchtlichen Anteil heimischer Staatsschulden, um ihre Ertragsquellen zu diversifizieren. Unternehmenskredite sind riskanter und werfen höhere Zinsen ab. Staatsanleihen rentieren weniger, sind aber umso sicherer. Wenn jedoch die öffentlichen Finanzen entgleisen und der Staat zum Risiko wird, stecken sich die Banken an. Wenn sie in der Krise auf ihre Staatsanleihen hohe Verluste erleiden, müssen sie von ihren Kunden höhere Zinsen verlangen und können weniger Kredite vergeben. Die Kreditklemme blockiert das Wachstum und verschärft die Krise. Es droht ein Teufelskreis zwischen überschuldeten Staaten und schwachen Banken.

Christian Keuschnigg und Michael Kogler, Herausgeber.

Quelle: Bofondi, Marcello, Luisa Carpinelli und Enrico Sette (2018), Credit Supply During a Sovereign Debt Crisis, Journal of the European Economic Association 16, 696-729.

Eine Staatsschuldenkrise geht fast immer einher mit einer sich verschlechternden Wirtschaftslage. Eine Ursache dafür liegt darin, dass Banken weniger Kredite an Unternehmen vergeben. Oft steigen in einer Staatsschuldenkrise nicht nur die Finanzierungskosten des Staates an, sondern auch jene der Banken. Wenn sie deshalb die Kreditvergabe einschränken oder die Zinsen erhöhen, kann es zu einer Kreditklemme kommen. Diese wiederum schmälert die Nachfrage und verstärkt die Krise.

Die Ökonomen Marcello Bofondi, Luisa Carpinelli und Enrico Sette von der Banca d'Italia gehen der Frage nach, wie die Staatsschuldenkrise 2011 die Kreditvergabe von Banken in Italien beeinflusste. Sie betrachten sowohl die Kreditzinsen als auch das Wachstum des Kreditvolumens, und vergleichen die Kreditvergabe italienischer Banken mit jener von Tochtergesellschaften und Niederlassungen ausländischer Banken in Italien. Ihre Idee ist, dass die Finanzierungskosten von Banken mit Hauptsitz in Italien aufgrund der Staatsschuldenkrise zunehmen, weil sie in grossem Umfang riskante heimische Staatsanleihen halten und die Investoren deshalb ein höheres Risiko wahrnehmen. Banken aus Ländern, in denen es keine Staatsschuldenkrise gab, sollten hingegen keinen Anstieg der Finanzierungskosten spüren.

Die Forschergruppe nutzte für das Krisenjahr 2011 Daten aus dem italienischen Kreditregister, welches alle Bankkredite an italienische Unternehmen erfasst. Dabei unterscheiden sie zwischen einem Vorkrisenzeitraum (Januar - Juni) und einem Krisenzeitraum (Juli - Dezember). Ihr Datensatz umfasst gut 664'000 Bankkundenbeziehungen, von denen rund ein Viertel auf ausländische Banken entfällt. Die Studie berücksichtigt insgesamt 567 Banken, davon 49 ausländische. Am stärksten sind dabei Banken aus Frankreich, Deutschland, den USA sowie Österreich vertreten.

Zunächst messen die Forscher die Veränderung der Finanzierungskosten des italienischen Staates gegenüber einem risikolosen Zinssatz, wobei deutsche Staatsanleihen als Referenz gelten. Die Zinsaufschläge italienischer Staatsanleihen stiegen von Juli bis Dezember 2011 sehr stark von rund zwei auf ca. fünf Prozent an. In den erwähnten vier Staaten, aus welchen die meisten ausländischen Banken kommen, nahmen dagegen die Zinsaufschläge während der Krise nicht oder nur geringfügig zu.

Die Kreditnehmer sind in den Branchen Dienstleistungen (ca. 50 Prozent), Industrie und Energieerzeugung (ca. 30 Prozent), der Bauwirtschaft (ca. 12 Prozent) sowie der Landwirtschaft (ca. 8 Prozent) tätig. In ihrer Analyse erfassen die drei Wissenschaftler nur jene Firmen, die sowohl von einer italienischen als auch von einer ausländischen Bank Kredite aufgenommen hatten. Weiterhin berücksichtigen sie Unterschiede zwischen den Banken (z.B. Grösse, Profitabilität) und zwischen den Unternehmen. Zudem stellen sie auf Besonderheiten in der Beziehung zwischen Bank und Kunden ab, wie z. B. die Dauer der Kundenbeziehung oder der Anteil der vergebenen Kredite einer bestimmten Bank am gesamten Kreditvolumen eines Unternehmens. Dadurch können die Forscher systematische Unterschiede, die den Effekt der Staatsschuldenkrise verzerren könnten, ausschliessen.

Die Forscher analysieren das Kreditwachstum italienischer und ausländischer Banken. Abbildung 1 zeigt, dass sich das Kreditwachstum bis zum Ausbruch der Krise im Juni 2011 ähnlich entwickelte und kaum zurückging. Danach nahm das Kreditwachstum italienischer Banken allerdings stark ab, während die ausländischen Banken die Kreditvergabe nur verzögert und wesentlich schwächer reduzierten.

Die Schätzungen der Forscher bestätigen diesen Zusammenhang. Das Kreditwachstum ausländischer Banken war in der Krise rund drei Prozentpunkte höher als jenes der inländischen Banken. Berücksichtigt man weitere Faktoren wie die Kundenbeziehungen zwischen Banken und Unternehmen, betrug der Unterschied im Kreditwachstum immer noch um 1.7 Prozentpunkte. Beide Ergebnisse sind ökonomisch bedeutsam, da die Kreditvergabe während der Krise um durchschnittlich 6.6 Prozent sank.

Zur Bestätigung ihrer Ergebnisse verwendeten die Forscher unter anderem einen Datensatz, der neben ausländischen nur die 50 größten italienischen Banken umfasst. Diese beiden Gruppen von Banken sind besonders gut vergleichbar und unterschieden sich hauptsächlich in den Beständen italienischer Staatsanleihen. Auch in diesem Datensatz bestätigten sich die quantitativen Ergebnisse.

Ausländische Banken sind in Italien entweder mit eigenständigen Tochtergesellschaften oder mit Niederlassungen vertreten. Tochtergesellschaften sind den italienischen Banken bezüglich Geschäftsmodell und Netzwerk sehr ähnlich, während Niederlassungen nur in bestimmten Regionen und Marktsegmenten tätig sind. Beeinflusst die Organisationsform ausländischer Banken deren Kreditvergabe während der Krise? Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Aspekt eine wichtige Rolle spielte: Die Kreditvergabe unterschied sich stark zwischen italienischen Banken und den Tochtergesellschaften ausländischer Banken. Letztere vergaben während der Krise signifikant mehr Kredite. Banken, die nur mit unselbstständigen Filialen vertreten waren, verhielten sich ähnlich wie italienische Banken.

Inwieweit konnten Unternehmen das geringere Kreditangebot italienischer Banken durch zusätzliche Kredite von ausländischen Banken kompensieren? Die Ergebnisse sind äußerst aussagekräftig. Unternehmen, die sich bei ausländischen Banken finanzierten, wiesen ein höheres Kreditwachstum auf. Ein Unternehmen, welches sich vor der Krise (um eine Standardabweichung) stärker bei ausländischen Banken finanzierte, konnte sein Kreditwachstum in der Krise um 0.8 Prozentpunkte steigern, im Vergleich zu Unternehmen, die stärker von italienischen Banken abhängig waren. Dieser Effekt ist umso bedeutender, als die Kreditvergabe während der Krise um durchschnittlich 3.8 Prozent schrumpfte. Insgesamt konnten italienische Unternehmen die geringere Kreditvergabe italienischer Banken nur teilweise durch Kredite ausländischer Banken kompensieren.

In einem letzten Schritt prüften die Forscher, wie sich die Staatsschuldenkrise in Italien auf die Kreditzinsen auswirkten. Wenn der Wert der Staatsanleihen sinkt, müssen die Banken hohe Verluste verdauen, nicht aber ihre ausländischen Konkurrenten aus sicheren Ländern. Die Ergebnisse zeigen, dass ausländische Banken in der Krise um 0.21 Prozentpunkte weniger für kurzfristige Überziehungskredite bzw. 0.15 Prozentpunkte für langfristige Kredite in Italien forderten als inländische Banken.

Die vorliegende Studie illustriert am Beispiel Italiens, wie eine Staatsschuldenkrise den Bankensektor anstecken kann, in der Folge die Kreditvergabe durch heimische Banken verringert, Kreditzinsen erhöht und dadurch die Realwirtschaft trifft. Unternehmen können dies nur teilweise kompensieren, indem sie sich stärker bei ausländischen Banken verschulden.

Autor: Johannes von Möllendorff

Universität St. Gallen

Master in Economics

johannes.vonmoellendorff@student.unisg.ch

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