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Jährliche Schäden von weltweit über 100 Mrd. Dollar © APA (dpa)
Jährliche Schäden von weltweit über 100 Mrd. Dollar © APA (dpa)

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Vergangene Jahrzehnte eine der hochwasserreichsten Perioden in Europa

22.07.2020

Die vergangenen drei Jahrzehnte zählten zu den hochwasserreichsten Perioden in Europa. Das zeigt eine Analyse von Flusshochwässern seit dem Jahr 1500, die internationale Forscher um den Wiener Hochwasserexperten Günter Blöschl im Fachjournal "Nature" veröffentlicht haben. Der Studie zufolge unterscheiden sich die Fluten heute von jenen früherer Perioden, der Klimawandel spielt dabei eine Rolle.

Die jährlichen durch Flusshochwasser-Ereignisse verursachten Schäden werden weltweit auf über 100 Mrd. Dollar geschätzt - Tendenz steigend. Die Frage war bisher, wie ungewöhnlich die Flutkatastrophen der vergangenen Jahre im historischen Vergleich waren.

Die Wissenschafter haben daher für ihre Studie Zehntausende historische Dokumente mit zeitgenössischen Hochwasserberichten aus Europa aus dem Zeitraum von 1500 bis 2016 ausgewertet. Daraus erstellten sie eine Datenbank mit 9.576 Hochwasserereignissen für 103 Flüsse in ganz Europa.

Stärkste Hochwässer von 1750 bis 1800

In den Aufzeichnungen konnten die Forscher folgende neun hochwasserreiche Perioden in verschiedenen Regionen Europas identifizieren: 1500-1520 (West- und Mitteleuropa), 1560-1580 (West- und Mitteleuropa), 1590-1640 (Iberische Halbinsel, Südfrankreich), 1630-1660 (West- und Mitteleuropa, Norditalien), 1750-1800 (im Großteil Europas), 1840-1880 (West- und Südeuropa), 1860-1900 (Ost- und Mitteleuropa), 1910-1940 (Skandinavien) und 1990-2016 (West- und Mitteleuropa). Dabei waren die Hochwässer speziell in West-, Mittel- und Südeuropa im Zeitraum 1750-1800 am stärksten.

Den Daten zufolge unterscheiden sich die Hochwässer derzeit markant von jenen der vergangenen Jahrhunderte. So belegen die Vergleiche mit Rekonstruktionen der damaligen Lufttemperatur, dass die historischen Hochwasserperioden wesentlich kühler waren als die dazwischen liegenden Jahre. Dagegen war der jüngste hochwasserreiche Zeitraum 1990 bis 2016 um etwa 1,4 Grad Celsius wärmer als die Periode davor.

"Unsere Studie zeigt somit erstmals, dass sich die zugrunde liegenden Mechanismen gewandelt haben: Während in den letzten Jahrhunderten die Hochwässer vermehrt unter kühlen Bedingungen aufgetreten sind, ist jetzt das Gegenteil der Fall. Die hydrologischen Bedingungen sind jetzt ganz anders als in der Vergangenheit", erklärte Blöschl, Vorstand des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der Technischen Universität (TU) Wien in einer Aussendung.

Zeitpunkt der Hochwässer verschoben

Auch der Zeitpunkt der Hochwässer innerhalb des Jahres hat sich verschoben: Traten früher 41 Prozent der mitteleuropäischen Überschwemmungen im Sommer auf, sind es aktuell 55 Prozent. Das hängt den Forschern zufolge mit der Veränderung von Niederschlag, Verdunstung und Schneeschmelze zusammen. Sie werten das auch als wichtiges Indiz, mit dem man die Rolle des Klimawandels von anderen Faktoren wie der Abholzung der Wälder und der Verbauung der Flüsse unterscheiden kann.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die aktuelle hochwasserreiche Periode möglicherweise andauert. Sie plädieren dafür, Instrumente zur Bewertung des zukünftigen Hochwasserrisikos in allen Ländern Europas miteinzubeziehen. "Wir müssen alles tun, um den Klimawandel zu bremsen. Aber ganz unabhängig davon werden wir seine Auswirkungen in den nächsten Jahrzehnten weiter spüren", so Blöschl. Österreich sieht er beim Hochwassermanagement "schon sehr gut aufgestellt". Es gebe bereits viele Detailstudien zum zukünftigen Hochwasserrisiko und man kenne den Einfluss des Klimawandels ziemlich genau. An der Studie waren aus Österreich auch die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und das Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung Forschung (VRVis) beteiligt.

Service: https://doi.org/10.1038/s41586-020-2478-3

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