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Rätsel um Giraffenhalssaurier gelöst: Er war ein Wassertier

06.08.2020

Sein Hals war dreimal so lang wie sein Rumpf. Das brachte schon manchen Paläontologen ins Grübeln. Nun hat ein Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich (UZH) dank hochentwickelter Computertechnik die wichtigsten Rätsel gelöst: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus war ein Wassertier.

Er lebte vor 242 Millionen Jahren, ob im Wasser und auf dem Land, wusste man nicht. Ein internationales Team um Stephan Spiekman nutzte das sogenannte SRμCT-Verfahren (synchrotron radiation micro-computed tomography), eine extrem leistungsfähige Form der Computertomografie, um aus Schädeltrümmern die Lebensweise das Langhalssauriers herauszulesen.

Zwei bahnbrechende Entdeckungen wurden gemacht: Der Tanystropheus war ein Wassertier, aber kein besonders behändes; der lange Hals diente dem langsamen Schwimmer dazu, aus dem Hinterhalt allfällige Beute auszuspähen und sich unbemerkt anzuschleichen.

Im selben Aufwasch korrigierten die Forscher einen alten Irrtum: Bei einem an der schweizerisch-italienischen Grenze gefundenen Fossil handelte es sich nicht um ein Jungtier, sondern um eine gesonderte kleinwüchsige Art. Die beiden Varianten entwickelten sich auseinander, um das Nahrungsangebot optimal zu nutzen: Die Großen fraßen großformatiges Getier wie Oktopusse, die Kleinen bedienten sich bei den handlicheren Snacks wie beispielsweise Crevetten.

3D-Rekonstruktion

In der fast vollständigen 3D-Rekonstruktion, welche die Forscher mithilfe von Scans erstellten, zeigt sich, dass der Schädel von Tanystropheus mehrere deutliche Anpassungen an das Leben im Wasser aufweist. Die Nasenlöcher befinden sich auf der Oberseite der Schnauze, ähnlich wie bei heutigen Krokodilen. Die Zähne sind lang und gebogen, perfekt angepasst, um glitschige Beute wie Fische und Tintenfische zu fangen.

Im Gegensatz dazu fehlen an Gliedmaßen und Schwanz sichtbare hydrodynamische Anpassungen, was darauf schließen lässt, dass Tanystropheus kein besonders effizienter Schwimmer war. "Wahrscheinlich jagte er, indem er langsam durchs trübe Wasser schwamm und sich seiner Beute heimlich näherte", sagte Erstautor und UZH-Paläontologe Stephen Spiekman. "Sein kleiner Kopf und der sehr lange Hals halfen ihm, möglichst lange verborgen zu bleiben."

Überreste von Tanystropheus wurden vor allem auf dem Monte San Giorgio in den Luganeser Voralpen ausgegraben, wie die Wissenschafter in der Fachzeitschrift "Current Biology" berichten; die Fossilien-Fundstätte gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Von diesem Fundort sind zwei Arten von Tanystropheus-Fossilien bekannt: eine kleine und eine große. Sie wurden bisher als Jungtiere und Erwachsene derselben Art betrachtet. Die aktuelle Studie widerlegt diese Interpretation nun aber. Denn der neu rekonstruierte Schädel, der von einem großen Exemplar stammt, unterscheidet sich deutlich von den bereits bekannten kleineren Schädeln - vor allem im Gebiss.

Wachstumsringe gefunden

Um festzustellen, ob die kleinen Fossilien tatsächlich von Jungtieren stammten, untersuchten die Forschenden Querschnitte von Knochen der kleineren Tanystropheus-Art. Dabei stießen sie auf zahlreiche Wachstumsringe. "Aufgrund der Anzahl und Verteilung der Wachstumsringe schließen wir, dass es sich beim kleineren Typ nicht um junge, sondern um ausgewachsene Tiere handelte", sagte Letztautor Torsten Scheyer. "Die kleinen Fossilien sind also eine separate, kleinere Art von Tanystropheus."

Laut Spiekman vom Paläontologischen Institut und Museum der Universität Zürich haben sich diese beiden eng verwandten Arten evolutionär ausdifferenziert, um in derselben Umgebung unterschiedliche Nahrungsquellen zu nutzen: Die Kleinen hatten Schalentieren wie Krabben auf dem Menuplan, die Großen nahmen sich der Fische und Tintenfische an.

Für den Paläontologen ist dies ein bemerkenswerter Befund: "Wir gingen davon aus, dass der bizarre Hals von Tanystropheus ähnlich wie bei der Giraffe auf eine spezifische Aufgabe zugeschnitten war. Tatsächlich ließ er offenbar aber unterschiedliche Lebensweisen zu."

Service: Fachartikelnummer DOI: 10.1016/j.cub.2020.07.025

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