Kultur & Gesellschaft

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Neue Bücher: Abenteuer Wissenschaft, Viren, Goldwespen, Bauchgefühl

23.09.2020

"Das Virus in uns": Advokaten des Virus und Lockdown-Kritiker

Im Abtausch mit einer Chronologie der Pandemie und den beispiellosen Reaktionen darauf, geben die Wissenschaftsjournalistin Elisabeth Tschachler und der Autor und Filmemacher Kurt Langbein in "Das Virus in uns" einen Überblick über die bei weitem nicht immer konfliktträchtige Beziehung von Viren mit ihren Wirten. So werden sie gewissermaßen zu Advokaten der dem Zeitgeist folgend vielfach zu unrecht verteufelten Nicht-Ganz-Lebewesen und reflektieren die gesundheitlich-gesellschaftspolitischen Entscheidungen im Verlauf der Pandemie irgendwo zwischen nüchtern-protokollhaft bis offen kopfschüttelnd-kritisch.

Besonders mit der Frage, warum die meisten Regierungen so reagiert haben, wie sie es taten, beschäftigen sich die Autoren. Tschachler und Langbein formulieren ihre Kritik an der Art der Reaktion in Form des Lockdowns, inklusive der damit einher gehenden Beschränkungen der Freiheitsrechte. Dabei dreht sich auch manches um bis heute quälende Fragen dazu, ob etwa erste Prognosen mit schon damals überholten Annahmen zur Verbreitungsdynamik arbeiteten und was man zu welchem Zeitpunkt bereits hätte wissen können. Aufs Korn nehmen die Autoren auch die Angst-Rhetorik, mit der die Maßnahmen vielfach flankiert wurden, und sprechen in dem Zusammenhang von Politik- und Medienversagen.

Von der Erkenntnis, dass über Leben und Sterben mit Covid-19 oft der Wohnort, soziale Status oder jener der vielfach kaputtgesparten Gesundheitssysteme entscheidet, über den Raubbau an der Umwelt, der das Überspringen von Krankheitserregern auf den Menschen begünstigt, bis zu einer Betrachtung medizinisch-psychologischer und wirtschaftlichen Folgen der ersten Phase der Corona-Zeit spannt sich der weite Bogen. So klaffen die alternierenden Erzählstränge des Buches - die informative und kritische Umschau und die dazwischen verhandelten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Erregern selbst - im Verlauf von "Das Virus in uns" stellenweise doch etwas auseinander.

Service: Kurt Langbein, Elisabeth Tschachler: "Das Virus in uns. Motor der Evolution", Molden Verlag, 224 S., 24 Euro, ISBN 978-3-222-15063-0

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"Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl" - Rüstzeug gegen Humbug, Fake News, Aberglaube

In so kurzer Zeit wurde noch nie so viel Wissen über ein Virus zusammengetragen wie über das Coronavirus SARS-CoV-2, seine Verbreitung, die Krankheit, die es verursacht, und deren Behandlung. Doch die Corona-Pandemie hat auch Unmengen an Humbug, Fake News, und unsinnigen Behauptungen hervorgebracht - nicht nur von Geschäftemachern, Esoterikern, Pseudo-Wissenschaftern, sondern teilweise auch verzapft von höchster Stelle oder Ärzten. Bei aller Unsicherheit, die eine solche Situation mit sich bringt, ist die Verunsicherung groß, worauf man sich noch verlassen kann. Wem soll, kann, darf man noch glauben? Der Wissenschaft ist Florian Aigner überzeugt, und liefert in seinem am 28. September erscheinenden Buch "Die Schwerkraft ist kein Baugefühl" jede Menge Rüstzeug gegen Humbug, Pseudowissenschaft und Aberglaube.

Dieses Rüstzeug besteht aus dem Verständnis, wie Wissenschaft funktioniert, wie Wissenschafter arbeiten, was wissenschaftliches Denken bedeutet und wo die Wissenschaft ihre Grenzen hat. Dazu beschreibt der Physiker und Wissenschaftspublizist aus der PR-Stelle der Technischen Universität Wien, wie die Mathematik zu verlässlichen Wahrheiten kommt, die Wissenschaft sich aber schwertut, etwa zu beweisen, weshalb Forscher sich auf's Widerlegen spezialisiert haben. Er erklärt, wie man mit logischem Argumentieren weiterkommt, warum es wichtig ist, "immer wieder kräftig an den eigenen Überzeugungen zu rütteln" und sich Wissenschaft ständig verändern muss.

Dabei plädiert Aigner nicht für ein Dogma der Wissenschaft. Für ihn ist das Bauchgefühl ein "grandioser Mechanismus", mit dem man mit wenig Information in kurzer Zeit gute Entscheidungen treffen kann. Aussagen von Fachexperten müssten nicht als heilige Wahrheiten verehrt werden - doch in einer "Auseinandersetzung zwischen wissenschaftlich belegten Fakten und eilig zusammengestückelten Bauchgefühlen darf man nicht beides gleichberechtigt nebeneinanderstellen". Für Aigner sind "alle Menschen gleich viel wert, aber nicht alle Meinungen".

Service: Florian Aigner "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl - Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft", Brandstätter Verlag, 256 S., 24 Euro, ISBN 978-3-3-7106-0467-6. Buchpräsentation: 28. September, 19.00 Uhr, Buchhandlung Thalia Wien-Mitte, 3., Landstraßer Hauptstraße 2A

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"Abenteuer Wissenschaft": Hautnah dabei bei Forschungsreisen - und beim Buchschreiben

Wie abenteuerlich Wissenschaft sein kann, weiß man spätestens seit der Filmreihe rund um den fiktiven Archäologen Indiana Jones. Auch wenn in der Realität Wissenschafter selten mit Menschenopfern konfrontiert sind, mit Nazis wetteifern müssen und mit Peitsche bewaffnet sind, bietet ihre Suche nach neuen Erkenntnissen vielfach Entbehrungen, Gefahren, unliebsame Begegnungen und Abenteuer. Der Erdwissenschafter Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt hat sich in einigen seiner Bücher auf verschiedene wissenschaftliche Spaziergänge durch Wien und seine Umgebung begeben. Jetzt begleitet er in seinem neuen Buch "Abenteuer Wissenschaft" Forscher und Entdecker auf ihre Reisen in die Alpen, den Orient und das Polarmeer.

Er wolle in dem Buch "die persönliche Sicht der Forscher einbringen", sagte Hofmann zur APA und lässt dabei den Leser immer wieder auch bei der Entstehung des Buches zuschauen - und daran teilhaben, dass auch das Leben als Leiter der Bibliothek und des Archivs der Geologischen Bundesanstalt mitunter seine abenteuerlichen Seiten hat. Etwa wenn ein Besucher in einem Koffer den Nachlass eines Teilnehmers der Deutsch-Österreichischen Himalaya-Karakorum-Expedition 1954 überreicht und sich dabei Einblicke in tragische Momente dieser Forschungsreise ergeben. Er begleitet in seinem Buch nicht nur legendäre österreichische Expeditionen wie die Weltumsegelung der "Novara" oder die Polarfahrt von Julius Payer und Carl Weyprecht, sondern auch drei Wiener Geologen auf ihrer Reise mit dem VW-Bus in den Hindukusch oder den in Obergurgl endenden Stratosphärenflug von Auguste Piccard, lässt den Leser teilhaben an abenteuerlichen Transportmitteln vom Yak bis zum überladenen Hubschrauber und der Kulinarik auf Forschungsreisen.

Service: Thomas Hofmann "Abenteuer Wissenschaft - Forschungsreisende zwischen Alpen, Orient und Polarmeer", Böhlau Verlag, 287 S., 36 Euro, ISBN: 978-3-205-21104-4

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"Die Goldwespen Mitteleuropas" - Fliegende Edelsteine

Ihr prächtiger Metallglanz und ihre rote, grüne oder violette Färbung lassen Goldwespen exotisch anmuten, nicht umsonst werden sie auch "fliegende Edelsteine" oder "Kolibris der Insekten" genannt. Der Wildbienen-Experte Heinz Wiesbauer hat nun mit dem Goldwespen-Spezialisten Paolo Rosa und Herbert Zettel vom Naturhistorischen Museum Wien Biologie, Lebensräume und Artenporträts der "Goldwespen Mitteleuropas" in einem Buch zusammengetragen.

Alle Goldwespen sind Parasiten, weshalb sie auch als Kuckuckswespen bezeichnet werden. Bei der Wahl ihres Wirts sind sie wählerisch: Je nach Art legen sie ihre Eier in die Brutzellen bestimmter Faltenwespen, Grabwespen, Wegwespen, Bauchsammler-Bienen, usw. In dem Buch gibt es ausführliche Steckbriefe mit wunderschönen Fotos aller mitteleuropäischer Goldwespenarten und es ermöglicht durch einen Schlüssel und durch Farbtafeln die Bestimmung.

Service: Heinz Wiesbauer, Paolo Rosa, Herbert Zettel: "Die Goldwespen Mitteleuropas", Ulmer Verlag, 254 S., 46,30 Euro, ISBN: 978-3-8186-1149-1; Buchpräsentation und Vortrag von Heinz Wiesbauer: 7. Oktober, 18.30 Uhr, Naturhistorisches Museum Wien

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