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In der Schweiz gibt es bereits eine virtuelle Arztpraxis © APA (dpa)
In der Schweiz gibt es bereits eine virtuelle Arztpraxis © APA (dpa)

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Prävenire - Gesundheitsforum: Digitale Medizin längst im Rollen

20.04.2018

Die Digitalisierung von Medizin und Gesundheitswesen insgesamt ist längst angelaufen. Strikte Regeln, welche Nutzen erlauben und Risiken reduzieren, müssen gefunden werden. Es besteht aber die Chance auf völlig neue Erkenntnisse und Serviceleistungen, hieß es beim Gesundheitsforum Seitenstetten "Prävenire" in Niederösterreich.

Neuen ursächlichen Zusammenhängen zwischen Lebensereignissen und Krankheiten ist Stefan Thurner, Präsident des Complexity Science Hub Vienna, mit seinem Team auf der Spur. Aus den gesammelten anonymisierten Daten über österreichische Krankenversicherte, die bezahlten Leistungen im Gesundheitssystem etc. können mit Big-Data-Analysen bisher nicht bekannte ursächliche Zusammenhänge erkannt und analysiert werden. So zum Beispiel hatten in Österreich 1938 geborene Kinder im Erwachsenenalter das doppelte Diabetesrisiko im Vergleich zu den Geburtsjahrgängen 1937 oder 1939. Ähnliches wurde bei Jahrgängen unmittelbar nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtet. Thurner: "Die Schwangeren waren unterernährt." Eine epigenetische Veränderung bei den Ungeborenen führte zu dem später auftretenden höheren Diabetes-Risiko.

Auch "Krankheitskarrieren" lassen sich vorausberechnen. Tritt im Laufe des Lebens eine Ersterkrankung auf, kann ziemlich genau prognostiziert werden, an welchen Krankheiten der Betroffene danach noch zusätzlich erkranken wird. Das könnte eine gezieltere Prävention ermöglichen.

Der Patient als Ressource

Ernst Hafen von der ETH Zürich hat bereits eine "midata"-Genossenschaft gegründet, über die Menschen ihre Gesundheitsdaten freiwillig für Studien zur Verfügung stellen und daraus Nutzen ziehen können. "Die wichtigste Ressource im Gesundheitswesens ist der Patient", sagte er in einer Videobotschaft. Derzeit arbeitet der Professor vom Institut für Molekulare Systembiologie an einer Studie, bei welcher flächendeckend für die Schweiz 10.000 Pollenallergiker ihre Daten zur Verfügung stellen sollen und gleichzeitig aus den Pollenflug-Informationen im Management von Heuschnupfen & Co. wichtige Informationen erhalten werden.

Das Problem bei vielen technischen Systemen, wie Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzten in der Österreichischen Ärztekammer betonte: "Meistens muss man sich als Nutzer dem System anpassen und nicht umgekehrt." Entscheidend sei, dass man rechtzeitig zu Regeln komme, wie die Digitalisierung im Gesundheitswesen ablaufen soll. Der Sprecher der Patientenanwälte Österreichs, Gerald Bachinger will jedenfalls nicht, dass zu den sprichwörtlichen drei Affen, welche nicht sehen, nicht hören und nicht sprechen noch ein vierter hinzukommt: einer, der nur noch in einen Bildschirm starrt. "Aber in der Schweiz gibt es schon eine virtuelle Ordination, über die Patienten sogar eine Krankschreibung bekommen." Das sei ein guter Service, bei dem das Gesundheitswesen eben über die EDV zum Patienten komme.

Keine Frage ist, dass eine gut durchgeführte Digitalisierung den Krankenkassen in der Verwaltung hilft. "Wir wollen jedem Patienten (via Handy; Anm.) eine 'Landesstelle' unserer Versicherung in die Hand drücken. (...) Wir sind der einzige Krankenversicherungsträger Europas, der bei wachsenden Versichertenzahlen degressive Verwaltungskosten aufweist", sagte Alexander Herzog, stellvertretender Obmann der SVA. Nutzen könne aus der Digitalisierung im Gesundheitswesen aber nur entstehen, wenn die Menschen und die Gesellschaft gestaltend mitwirkten. Ein Opting-Out und gleichzeitig der Wunsch nach dem Lukrieren von Vorteilen sei nicht möglich, sagte Helmut Kern, Gesamtleiter des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien. Wilhelm Molterer, Direktor des Europäischen Fonds für Strategische Investitionen, äußerte die Befürchtung, dass Österreich auf diesem Gebiet zurückfällt.

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