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Arbeit "mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit" © APA (AFP)
Arbeit "mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit" © APA (AFP)

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Covid-19-Therapie: Intensive Forschung mit Remdesivir

08.04.2020

Während rund um Covid-19 weltweit viele noch nicht erprobte Therapieprinzipien und Wirksubstanzen auftauchen, laufen derzeit massiv Studien mit Remdesivir des US-Pharmakonzerns Gilead. Es handelt sich um ein "investigational" (in Forschung, noch nicht zugelassen, Anm.) Medikament mit potenziell breitem antiviralen Effekt. Aussagekräftige Ergebnisse an Covid-19-Patienten sind demnächst zu erwarten.

"Wir arbeiten derzeit mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit, um die Sicherheit und die Wirksamkeit (von Remdesivir, Anm.) als Behandlung für Covid-19 zu bestimmen und die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Mehr als 1.700 Patienten haben das Medikament bereits im Rahmen unseres 'Compassionate Use Programms' (in Österreich: individueller Heilversuch) bekommen", heißt es vonseiten des US-Konzerns. Das Arzneimittel wurde auf der Basis individueller Heilversuche auch von österreichischen Kliniken verwendet.

Wirkprinzip von ersten Anti-HIV-Medikamenten

Die Substanz ist ein sogenanntes Nukleotid-Analogon. Es ähnelt dem Erbgutbestandteil Adenosin. SARS-CoV-2 benötigt auch Adenosin für die Replikation seiner RNA-Erbsubstanz. Der falsche Baustein wird in die Erbsubstanzkette eingebaut und führt zum Abbruch des Prozesses. Das hemmt die Virusvermehrung. Das Wirkprinzip ist seit der Entwicklung der ersten Anti-HIV-Medikamente bekannt. Remdesivir soll relativ breit wirken: bei SARS-, MERS-CoV, Ebola- und Marburg-Fieber-Erregern. Vor Covid-19 wurde es jedenfalls bei SARS-CoV- und MERS-CoV-Patienten verwendet. Aus Tiermodellen (Mäuse, Affen) bei Ebola- und Marburg-Virus-Infektionen. Mehr als 500 Patienten mit Ebola-Erkrankungen wurden damit behandelt.

Bis zum 25. März dieses Jahres wurden in den internationalen Registern für klinische Forschung sieben randomisierte (Zuteilung der Patienten zu den Vergleichsgruppen per Zufall) Studien verzeichnet. Sie sollen rund 5.600 hospitalisierte Covid-19-Patienten umfassen. Zum Teil handelt es sich auch um Vergleichsstudien mit anderen potenziell wirksamen Medikamenten wie Ritonavir/Lopinavir (HIV/Aids-Medikament auf der Basis von Proteaseinhibitoren) oder Chloroquin (Uralt-Malariamedikament, auch bei Rheuma eingesetzt). Diese Studien laufen bereits.

Gilead selbst hat zwei sogenannten Simple-Trials organisiert. Eine Studie betrifft beispielsweise 600 Patienten mit moderater Covid-19-Erkrankung. Je 200 der Erkrankten erhalten Remdesivir für einen unterschiedlich langen Zeitraum, die dritte Gruppe die sonst vorhandene Standardbehandlung. Eine zweite und ähnliche Studie ohne Kontrollgruppe mit bloßer Standardtherapie umfasst 400 Patienten mit schwerer Erkrankung. Die Dosierung ist gleich, die Behandlungsdauer beträgt (wie auch in der ersten Studie) fünf oder zehn Tage. Insgesamt sollen an dem Studienprogramm aber schließlich tausende Patienten teilnehmen.

Derzeit wird das Medikament zumeist in einer höheren Anfangsdosis am ersten Tag per Infusion verabreicht. Dann erfolgt eine Therapie (ebenfalls per Infusion) in geringerer Dosierung.

NIAID startete ebenfalls Studie

Auch das weltweit angesehene nationale US-Institut für Infektionen und allergische Erkrankungen (NIAID) mit Anthony Fauci als Chef hat eine verblindete und Placebo-kontrollierte Studie mit Remdesivir gestartet. Große Phase-III-Studien zur Wirksamkeit des Medikaments bei Covid-19-Patienten mit schwerem oder moderatem Krankheitsverlauf gibt es mit insgesamt fast 900 Patienten in China.

Das klinische Entwicklungsprogramm und auch die Auswertung der Daten der 1.700 Patienten, welche das Arzneimittel bereits bekommen haben, sollen schon in nächster Zukunft zu ersten handfesten Aussagen führen. Das ist aber nur ein Punkt. Im Erfolgsfall müssten die Produktionskapazitäten für die Pandemie massiv erhöht werden.

Bisher dauerte der Produktionsprozess neun bis zwölf Monate. Derzeit ist man bei Gilead bereits bei sechs bis acht Monaten angelangt. Es wurde auch ein internationales Netzwerk an Produktionspartnern in Nordamerika, Europa und in Asien etabliert.

Der US-Konzern hat seine Bereitschaft bekundet, die gesamte derzeit vorhandene Produktionsmenge an Remdesivir kostenfrei abzugeben. Das sind 1,5 Millionen Dosen. Sie reichen bei einer geschätzten durchschnittlichen Behandlungsdauer von zehn Tagen für rund 140.000 Patienten. Bis Ende des Jahres will man die Möglichkeit schaffen, genügend Wirkstoff für mehr als eine Million Behandlungszyklen zu produzieren.

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