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Wann ein Corona-Impfstoff zugelassen wird, weiß derzeit niemand © APA (dpa)
Wann ein Corona-Impfstoff zugelassen wird, weiß derzeit niemand © APA (dpa)

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Mehrere Länder sicherten 300 Millionen Coronavirus-Impfdosen für EU

14.06.2020

Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande haben einen ersten Vertrag über mindestens 300 Millionen Impfdosen gegen das Coronavirus geschlossen. Das teilte das deutsche Gesundheitsministerium in Berlin mit. Die Entwicklung eines Impfstoffs könnte im günstigen Fall schon Ende des Jahres abgeschlossen sein, hieß es aus dem Ministerium.

Vertragspartner ist das Pharmaunternehmen AstraZeneca. Dieses nannte eine Größenordnung von "bis zu 400 Millionen Dosen". Profitieren sollen alle EU-Staaten, die dabei sein wollen. Die Impfdosen würden relativ zur Bevölkerungsgröße aufgeteilt. Dabei geht es nach Angaben des Konzerns um den an der Universität Oxford entwickelten Covid-19-Impfstoff AZD1222, der derzeit in einer großen Studie geprüft wird. AstraZeneca hatte nach eigenen Angaben vor kurzem schon ähnliche Vereinbarungen unter anderem mit Großbritannien und den USA abgeschlossen.

AZD1222 beruht auf einer abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem das Virus Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Die Impfung soll das Immunsystem auf Trab bringen, damit es den Erreger im Falle einer Infektion unschädlich machen kann. In den kommenden Monaten soll der Impfstoff in einer Studie, die im Mai begonnen hat, an insgesamt gut 10.000 Erwachsenen geprüft werden.

"Dieses Projekt ist momentan am weitesten fortgeschritten", sagt der Leiter des Instituts für Virologie der Universität Marburg, Stephan Becker, der selbst einen ähnlichen Impfstoff erforscht. "Die bisherigen Daten zeigen, dass AZD1222 eine Immunantwort auslöst. Ob der Impfstoff tatsächlich vor Sars-CoV-2 schützt, kann man noch nicht genau sagen."

"Viele Länder der Welt haben sich schon Impfstoffe gesichert, Europa noch nicht", erklärte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn. "Durch das zügige koordinierte Agieren einer Gruppe von Mitgliedsstaaten entsteht in dieser Krise Mehrwert für alle EU-Bürger. Wir wollen gemeinsam mit der Kommission künftig noch schneller und verhandlungsstärker werden."

Erste Tranche bis Ende des Jahres erwartet

Der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza sprach wie das Unternehmen von einer Lieferung von "bis zu 400 Millionen Impfstoffdosen für die gesamte europäische Bevölkerung". Der mögliche Impfstoff sei aus Studien an der Universität Oxford hervorgegangen. Der Versuchsprozess sei in einem "fortgeschrittenen Stadium" und werde im Herbst abgeschlossen. Dann könne bis Ende des Jahres mit der Verteilung der ersten Tranche begonnen werden. "Der Impfstoff ist die einzige endgültige Lösung für Covid-19", erklärte Speranza auf Facebook.

Die vier Staaten haben sich nach Angaben des deutschen Gesundheitsministeriums zu einer Impfallianz zusammengeschlossen und sind mit mehreren Unternehmen im Gespräch, die an aussichtsreichen Impfstoffen forschen. "Damit Impfstoffe sehr zügig nach einer möglichen Zulassung in diesem oder im nächsten Jahr in großer Zahl verfügbar sind, müssen Produktionskapazitäten schon jetzt vertraglich gesichert werden", hieß es weiter. Bei der Videokonferenz der EU-Gesundheitsminister am Freitag sei zudem vereinbart worden, die Aktivitäten der Impfallianz mit denen der EU-Kommission zusammenzuführen.

Weltweit gab es nach Angaben des deutschen Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa) im Mai mehr als 120 Impfstoffprojekte, von kleinen Firmen wie Biontech aus Mainz oder Curevac in Tübingen bis zu Konzernen wie Sanofi und GlaxoSmithKline. Möglicherweise könnten viele Anbieter zugleich oder kurz aufeinander Impfstoffe auf den Markt bringen, sagte vfa-Präsident Han Steutel damals.

Wie lange bis zum Impfstoff?

Doch wann tatsächlich ein Corona-Impfstoff zugelassen wird, weiß derzeit niemand. Noch vor wenigen Jahren wurde für die Entwicklung solcher Vakzinen ein Zeitraum von 15 bis 20 Jahren veranschlagt. Neue Technologien und Vorgehensweisen können den Prozess beschleunigen: So bereitet etwa AstraZeneca schon jetzt die Massenproduktion des Präparats vor. "Man muss möglichst viele Prozesse parallelisieren, damit ein Impfstoff möglichst schnell verfügbar ist", sagt der Marburger Virologe Becker.

Wie lange die britische Studie braucht, um belastbare Resultate zu erbringen, hängt auch vom Verlauf der Pandemie ab: "Wenn die Übertragungsrate hoch bleibt, könnten wir in einigen Monaten genug Daten haben, um zu beurteilen, ob die Impfung funktioniert", schrieb die Universität Oxford. "Aber wenn die Übertragung abfällt, könnte dies bis zu sechs Monate dauern."

Daher würden in der Studie vor allem Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko wie etwa Mitarbeiter im Gesundheitswesen getestet. Möglicherweise, so der Experte Becker, sei es sinnvoll, Teile der Studie in Regionen auszulagern, in denen die Epidemie noch akut sei.

Und wenn die Impfung doch nicht schützt oder andere Hersteller schneller sind? Die Uni Oxford räumt ein, dass ein beträchtlicher Teil der Impfstoffe in klinischen Studien scheitert. Dafür, so das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage, gebe es Vertragsklauseln.

Auf jeden Fall, sagt der Virologe Becker, sollten Staaten mehrere Impfstoff-Projekte im Auge behalten: "Es macht Sinn, seine Eier nicht nur in ein Nest zu legen."

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