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Weltweite Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad Celsius erhöht © APA
Weltweite Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad Celsius erhöht © APA

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Alpbacher Gesundheitsgespräche - Klimakrise tötet jetzt schon

20.08.2019

Die Klimakrise tötet jetzt schon. Ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um zwei Grad Celsius dürfte die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Europa um 50 Prozent erhöhen, drei oder vier Grad mehr diese vervierfachen. Mehr Vorsorge ist notwendig, wurde bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen betont.

Schon bei der Hitzewelle des Sommers 2003 wurden in ganz Europa vermehrte Todesfälle registriert. "In Paris waren es rund 2.000 hitzebedingte Todesfälle, in Gesamteuropa etwa 70.000", sagte Klimaforscherin Veronika Huber von der Universität Pablo de Olivade in Sevilla (Spanien). Im Juli dieses Jahres wurden in den Niederlanden mit maximal 40,7 Grad Celsius, in Belgien (bis zu 41,8 Grad), in Paris mit maximal 42,6 Grad Celsius und in Deutschland mit bis zu 42,6 Grad Celsius Spitzenwerte registriert, wie sie zuvor noch nie gemessen wurden.

Vermehrte Pollenbelastung und Tropenkrankheiten

"Es wären ohne durch den Menschen verursachten Klimawandel drei Grad weniger gewesen", sagte die Expertin. Die sich auch in bisher gemäßigten Klimazonen ankündigenden Probleme: Anstieg der direkt hitzebedingten Todesfälle, vermehrte Pollenbelastung (Allergien) und die Verbreitung von Tropenkrankheiten (Dengue-Fieber, West-Nil-Fieber und/oder Chikungunya-Erkrankung) durch neue Vektoren ("Tigermücke") dürften auch auf Europa zukommen. Chikungunya-Erkrankungen, die nicht auf den Import durch Reisende zurückzuführen waren, wurden bereits 2007 an der Adria, 2010 in Südfrankreich und in diesem Jahr in Spanien registriert.

Seit 1850 hat sich die weltweite Durchschnittstemperatur bereits um etwas mehr als ein Grad Celsius erhöht. "Es gibt zwei Pfade. Entweder wir kratzen die Kurve und bleiben bis zum Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad Celsius Erwärmung. Oder wir enden bis Ende des Jahrhunderts bei plus 4,5 Grad", erklärte Veronika Huber.

Nur die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens könne zur positiven Variante der Modellberechnungen führen, betonte die Expertin. Aber es stünden beispielsweise für ein Land wie Deutschland nur noch 20 Jahre Zeit zur Verfügung, um den CO2-Ausstoß beenden. 1960 wurden weltweit rund 10.000.000.000 Tonnen (zehn Gigatonnen) CO2 in die Atmosphäre geblasen. 2018 waren es bereis 37,1 Gigatonnen des Gases. Der ständige Anstieg wurde nur unmittelbar nach der Finanzkrise vor rund zehn Jahren kurz unterbrochen. "Wir sind im Augenblick noch auf einem Pfad in Richtung drei bis vier Grad Celsius Erwärmung", meinte Huber.

Mehr Aufklärung nötig

Bauliche und organisatorische Maßnahmen in Institutionen des Gesundheitswesens, Vorbereitungen für Hitzeperioden speziell für Risikogruppen (Babys, Kinder, Betagte, Obdachlose), mehr Aufklärung über die Gefahren und auch oft durchaus einfache Gegenmaßnahmen wären gefordert, sagte Werner Kerschbaum, ehemals Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK). "Das WHO-Regionalbüro Europa hat festgestellt, dass nur 18 Staaten von 53 Mitgliedsstaaten Gesundheitspläne für Hitzeperioden haben."

Das kann tragisch enden. "Zwei Drittel der Weltbevölkerung leben in stark hitzebedrohten Regionen. Hitzewellen sind vorhersagbar, die Auswirkungen beherrschbar", erklärte Kerschbaum. Das Rote Kreuz hat bereits einen Ratgeber für Hitzewellen in Städten erstellt. Die Anstrengungen zur Prävention katastrophaler Auswirkungen künftiger Perioden mit Rekordtemperaturen sollten jedenfalls verstärkt werden. "2018 hatten wir in Österreich bereits eine hitzebedingte Übersterblichkeit von 766 Todesfällen. Im Straßenverkehr gab es rund 400 Todesfälle", warnte Kerschbaum.

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